Sprachgeschichte(n)

Polente, Knast, Kassiber

Ganoven, die in den Knast gehören: Disneys Panzerknacker Foto: Disney

Es gehört zum Repertoire antisemitischer Vorurteile, eine Verbindungslinie zwischen Judentum und Unterwelt zu ziehen – auch sprachlich. So verweisen Antisemiten gerne auf das Rotwelsch, die Gaunersprache, die tatsächlich viele hebräischstämmige Begriffe aufweist.

rotwelsch Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass es unverhältnismäßig viele jüdische Gesetzesbrecher gab. Wie Hans Peter Althaus im Kleinen Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft (2003) schreibt, wurden die jüdischen Bestandteile im geheimen Rotwelsch-Wortschatz »aus der Sprache jüdischer Gauner übernommen ..., weil jiddische Ausdrücke sich wegen ihrer Fremdheit vorzüglich als Elemente einer Geheimsprache eigneten«.

So auch in der Eigenbezeichnung des Rotwelschen als »Kochemer Loschen«. »Loschen« geht auf das hebräische »laschon« für Zunge, Sprache zurück. Aus dem hebräischen »chocham« (weise, klug) wurde »kochem«, was bedeutet: »mit den Gaunern befreundet«.

Inzwischen findet man rotwelsche Ausdrücke längst nicht mehr nur im Wortschatz von Vagabunden, Dirnen, Bettlern und Verbrechern. 2006 konstatierte Jasmina Cirkic in ihrer Untersuchung über Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache, Begriffe aus dem alten Gaunerjargon seien heute »geläufig und überregional bekannt«, nicht mehr nur umgangssprachlich, sondern Teil unserer Standardsprache.

umgangssprache Das stimmt, denkt man an »Polente« für Polizei (laut Duden aus dem jiddischen »paltin« für Polizeirevier, eigentlich Burg), »Blüten« für Falschgeld (als Nebenform zu »Platten« für Geldstücke unter dem Einfluss von »Pleite« entstanden), »Möpse« und »Moos« für Geld (aus dem hebräischen »ma’oth« für Münze); alternativ kann man auch von »Kies« sprechen – das hebräische »kis« heißt Geldbeutel.

Der Ganove kommt vom jiddischen »ganeff«, aus dem hebräischen »ganav« für stehlen. Wenn Komplizen bei Verbrechen Schmiere stehen, geht das zurück auf das hebräische »schmirah«, die Wache. Auch der Knast entstammt dem Hebräischen: »knass« ist das bei der Auflösung einer Verlobung zu zahlende Bußgeld. In der Ganovensprache wurde daraus allgemein die Buße oder (Gefängnis-)Strafe, zu der man »verknackt« wird: das Verb geht ebenfalls auf »knass« zurück.

Frappant ist die Wortkarriere des aus dem hebräischen »ketiva(h)« (Geschriebenes) hergeleiteten jiddischen »kessaw« (Schrift): als »kassiwe« erhielt es die rotwelsche Bedeutung »Brief, Ausweis, amtliches Papier«, aber auch »verbotener Gefangenenbrief an Komplizen«. Solche Kontaktversuche nennt die Gaunersprache »kassibern«.

Die heimlichen Kassiber sind in der fachlichen Umgangssprache des Vollzugswesens geläufig, im Wienerischen kennt man sie als »Xiberl« oder »Gsiberl«. Auch der anarchistische Dichter Erich Mühsam benutzte 1919 in seinen Tagebüchern aus dem Zuchthaus Ebrach die Diminutivform: »Eine kleine Aufmunterung erhielt ich vorhin: ein Kassiberchen.«

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Tel Aviv

Gal Gadot will mit ihrer Familie nach Israel zurückkehren

Die Hintergründe

 29.10.2026