Machtübernahme

Nur eine Episode

»Keine Abenteuer«: Nazi-Fackelmarsch durch das Brandenburger Tor Foto: dpa

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Noch am selben Abend zogen tausende NSDAP-Anhänger, SA-Trupps und Mitglieder der Hitlerjugend mit einem Fackelmarsch durch das Brandenburger Tor und inszenierten mit dieser Machtdemonstration ihren Triumph. Für die deutschen Juden hingegen markierte das Datum den Beginn der Ungewissheit um ihre Zukunft. Was war von dieser neuen Regierung zu erwarten? Würde es zu antisemitischen Gesetzen oder gar staatlichen Verfolgungen kommen? War die rechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland in Gefahr? Fragen, die die knapp 500.000 Juden in Deutschland Anfang Februar 1933 massiv bewegten.

»Adolf Hitler ist Kanzler des deutschen Reiches geworden«, informierte der »Central-Verein für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens« in der C.V.-Zeitung vom 2. Februar seine 55.000 Leser sachlich-nüchtern über die Ereignisse der Vortage in Berlin. Die Grundstimmung unter der deutsch-jüdischen Bevölkerung war geprägt von angespannter Ruhe.

Zwar waren befürchtete Ausschreitungen oder Pogrome von NS-Anhängern gegenüber Juden zunächst ausgeblieben. Doch viele Leser fragten sich, ob und wie die NSDAP ihr antisemitisches Programm als Regierungspartei weiter verfolgen würde. Die Bereitschaft der Nationalsozialisten dazu bestritt sicher niemand. Dass es sich in Deutschland aber durchsetzen ließe, daran konnten viele deutsche Juden einfach nicht glauben.

vertrauen Das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen war für dahingehende Zweifel viel zu groß. Parlamentarismus, rechtstaatliches System und nicht zuletzt die Person des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg schienen ein Garant für die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung. »Die deutschen Juden haben das tiefe Vertrauen, dass die Verfassungstreue, das Gerechtigkeitsgefühl und die Verbundenheit des Herrn Reichspräsidenten mit allen Teilen des deutschen Volkes keinen Angriff auf die verfassungsgemäßen Rechte von Teilen der deutschen Volksgemeinschaft dulden wird«, drückte Ludwig Holländer, Direktor des Central-Vereins, seine Zuversicht aus. Mit Hindenburg würde es »keine Abenteuer« geben, schrieb die C.V.-Zeitung am 9. Februar 1933.

Dennoch verstärkte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler für viele Juden die Angst vor einer forcierten Ausgrenzung aus der Mitte der Gesellschaft. Das betraf nicht nur die durch die antisemitische Propaganda angedrohte wirtschaftliche Verdrängung oder die Aufhebung der Emanzipation. Auch Sorge bereitete, dass die nationalsozialistischen Hetzkampagnen immer wieder darauf abzielten, den deutschen Juden ihr Deutschsein abzusprechen. Zum Parteiprogramm der NSDAP gehörte seit 1920 die Forderung, alle deutschen Juden unter ein Fremdenrecht zu stellen.

Dennoch vertrauten viele Juden ihrer Jahrhunderte alten Verwurzelung in der deutschen Kultur. Miteinander leben, arbeiten und die Tatsache, im Ersten Weltkrieg gemeinsam »für Deutschland« gekämpft zu haben, musste doch mehr zählen als die NS-Propaganda. So bestärkte die C.V.-Zeitung ihre Leser Anfang Februar: »Auch in dieser Zeit werden die deutschen Juden ihre Ruhe nicht verlieren, die ihnen das Bewusstsein untrennbarer Verbundenheit mit allem wirklich Deutschen gibt.«

realpolitik Die Hoffnung, dass Hitler bald abgewirtschaftet haben würde, war bei den demokratischen Parteien weit verbreitet. Auch viele deutsche Juden waren zumindest optimistisch, dass die großen wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Zeit Hitler keinen Raum ließen für allzu große »antisemitische Hirngespinste«. Realpolitik war angesagt. Hitler als Reichskanzler konnte einfach nicht die gleiche antisemitische Politik vertreten wie Hitler als NSDAP-Parteichef.

»Die neue Reichsregierung wird bald merken, dass sie ganz andere und schwierigere Fragen zu lösen hat als die sogenannte Judenfrage«, hoffte die C.V.-Zeitung. Außerdem war die Regierung Hitler nur eine Übergangsregierung, bis am 5. März 1933 der Reichstag neu gewählt werden sollte. Es schien also durchaus noch möglich, dass sich der Negativtrend der letzten Reichstagswahl für die NSDAP fortsetzen würde. Die meisten jüdischen Organisationen mobilisierten ihre Mitglieder zur Wahlteilnahme.

parolen Die Anhänger der Zionistischen Vereinigung für Deutschland bewerteten die Lage der Juden in Deutschland wesentlich düsterer als der Central-Verein. So prognostizierte die Jüdische Rundschau, mit einer Auflage von 37.000 Stück die zweitgrößte jüdische Zeitung, dass es sich bei Hitlers Reichskanzlerschaft um kein »politisches Provisorium, sondern um eine neue Ordnung von voraussichtlich langer Dauer« handeln würde.

Die Zionisten sagten eine konsequente Verdrängungspolitik aus der Mitte der Gesellschaft voraus. Keine Angst hatten sie in diesen ersten Tagen der NS-Herrschaft hingegen vor Pogromen oder Exzessen, wie sie in verschiedenen Ländern Osteuropas immer wieder entflammten. Viel zu sehr Kulturnation, würden in Deutschland »Regierungsabsichten hinsichtlich missliebiger Bevölkerungsteile mit anderen Mitteln durchgeführt werden als in Ländern primitiver Zivilisation«, so die Jüdische Rundschau.

Die Zionisten setzen zur Abwehr der nationalsozialistischen Bedrohung auf die Rückbesinnung zur jüdischen Gemeinschaft: »Noch immer hat sich die jüdische Gemeinschaft als widerstandsfähig genug erwiesen, um trotz aller Schicksalsschläge zu bestehen und die auf sie niederstürmenden Ereignisse zu überdauern.«

Überdauern; Ruhe bewahren; Geduld; durchstehen; nur eine Episode: Schlagwörter, die deutlich machen, dass zu diesem Zeitpunkt Hitler und die NSDAP von einem großen Teil der jüdischen Bevölkerung als eine Bedrohung, aber nicht als eine tödliche Gefahr wahrgenommen wurden.

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Chicago

Heavy-Metal-Auftritt: William Shatner geht mit 95 auf die Bühne

Mit seiner Gruppe The *uckers hat der jüdische Schauspieler und Musiker auch sein erstes Album aufgenommen. Der Titel: »What the F Is Heavy Metal«

 23.07.2026

Kulturkolumne

Kampf um eine schwarze Puppe

Erinnerungen an einen gar nicht idyllischen Sommerurlaub in Österreich in den 60er-Jahren

von Maria Ossowski  23.07.2026

Literatur

Zoff im PEN-Club

Wie erwünscht sind jüdische Schriftsteller heute noch in den USA?

von Hannes Stein  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Europatournee

Bob Dylan kommt im Herbst nach Deutschland

Der jüdische Sänger und Songschreiber wird sieben deutsche Bühnen in Beschlag nehmen. Heute beginnt der Vorverkauf

 22.07.2026