Kino

Nazijäger ohne Rachegefühle

Ruppig-barsch, mit wachem Geist und trockenem Humor: Fritz Bauer, gespielt von Burghart Klaußner Foto: zero one film Martin Valentin Menke

Zu Beginn liegt er scheinbar leblos in der Badewanne. Aber hat der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nun einen Suizidversuch unternommen, oder war er nur völlig überarbeitet? Lars Kraumes Film Der Staat gegen Fritz Bauer, der am Donnerstag in den Kinos anläuft, steigt spannend ein, und Burghart Klaußner spielt diesen Fritz Bauer bemerkenswert ruppig-barsch, mit wachem Geist und trockenem Humor.

An einer anderen Stelle des Films antwortet Bauer auf die Frage des befreundeten SPD-Ministerpräsidenten Karl Geiler, wie er mit dem Widerstand der vielen Altnazis in seiner Behörde klarkomme, dass er eine Waffe besäße und sich dann schon erschießen werde, falls er sich denn umbringen wolle. Es ist genau dieser unheroische, unprätentiöse Tonfall des Films, der einen als Zuschauer sofort mitnimmt – und dessen Atmosphäre noch lange nach dem Ende des Streifens präsent bleibt.

Adenauerzeit Fritz Bauer, Jude und Emigrant, sieht sich zunächst eher als einen überzeugten Sozialisten, nicht als einen religiös geprägten Juden. Aber weil er als Nazijäger in der Adenauerzeit überall auf Widerstände stößt, wendet er sich nicht an das Bundeskriminalamt, sondern an den Mossad, als er einen entscheidenden Hinweis bekommt, wo sich der NS-Täter Adolf Eichmann aufhält.

Es ist das große Verdienst von Lars Kraume, die Geschichte von Fritz Bauer in einen geschichtlichen Kontext zu setzen. Das hat im vergangenen Jahr bereits der ebenfalls sehenswerte Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens getan, der allerdings einige Jahre später einsetzt. Beide Werke ergänzen sich und behandeln in ganz unterschiedlicher Form die Vergangenheitsbewältigung der Adenauerrepublik.

So ist das Bundeskriminalamt noch mit Altnazis durchsetzt, die Fritz Bauer offen bekämpfen. Auch unter den Bauer unterstellten Staatsanwälten gibt es Neider und Intriganten. Bauer wird bespitzelt, Antisemitismus ist an hohen Stellen des Staates weit verbreitet. Als etwa bekannt wird, dass Bauer heimlich nach Jerusalem geflogen ist, fallen denn auch Sätze wie »Oh, er ist in Jerusalem. Ja, wo Juden eben so hinfahren«.

kantig Bei der Weltpremiere im August vor 8000 Zuschauern beim Filmfestival in Locarno auf der Piazza Grande gab es nicht nur nach dieser Szene Lacher. Denn Lars Kraume traut sich zusammen mit seinem französischen Koautor Olivier Guez etwas. Sie haben keine staubtrockene Geschichtsstunde gedreht, sondern zeigen einen polternden, kantigen Fritz Bauer.

Der Staat gegen Fritz Bauer ist sinnliches, humorvolles und packendes Kino. Bauer hat nämlich das Problem, dass seine Zusammenarbeit mit dem Mossad heimlich geschehen muss. Sie gälte als Hochverrat, auch wenn Adenauer auf Aussöhnung mit Israel bedacht ist. Und selbst privat macht sich Bauer angreifbar: Im Exil in Dänemark hat ihn die Polizei wegen Kontakten zu homosexuellen Männern im Visier gehabt. Das wissen Bauers Intimfeinde beim Bundeskriminalamt.

Wohltuend reiht sich Lars Kraumes Drama in einen Trend deutscher Filmemacher ein, historische Themen unverkrampfter und komplexer darzustellen und ganz bewusst auch für ein breites Publikum zu erzählen. So kann der Streifen auch optisch überzeugen, ist gut fotografiert und ausgeleuchtet und im klassischen Sinne bestes Erzählkino. Neben dem überragenden Burghart Klaußner überzeugen vor allem in den Nebenrollen Sebastian Blomberg und Jörg Schüttauf als Bauers Konkurrenten. Eine feine, kleine Rolle hat auch der Regisseur Dani Levy. Er spielt einen Mossad-Agenten.

Bleibt nur zu hoffen, dass das deutsche Publikum zahlreicher ins Kino strömt als bei Im Labyrinth des Schweigens, den in Frankreich bedeutend mehr Zuschauer sehen wollten als in Deutschland.

www.youtube.com/watch?v=rVmzp77-ab8

Todestag

Meister des himmlischen Blaus

Der Maler Marc Chagall starb vor 40 Jahren

von Jens Bayer-Gimm  03.04.2025 Aktualisiert

Soziale Netzwerke

Boris Becker teilt Zweifel an Hitlers Tod im Führerbunker

Floh der Nazi-Diktator nach dem Krieg in Südamerika? Der Ex-Tennisstar scheint den Gerüchten zu glauben

von Michael Thaidigsmann  03.04.2025

Streaming

Die Hollywood-Satire

In der neuen Serie »The Studio« hält der Kanadier Seth Rogen der Filmbranche den Spiegel vor

von Jens Balkenborg  03.04.2025

Bayern

Nazi-Raubkunst: Staatsminister um den Schlaf gebracht

Bayerns Kunstminister Markus Blume hat gleich mehrere Untersuchungen angekündigt. Auf seine eigene Rolle ging er kaum ein

von Michael Thaidigsmann  02.04.2025

München

Raubkunst-Debatte: Sammlungschef Maaz muss gehen

Auslöser für die Raubkunst-Debatte waren Berichte, wonach die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern nicht über NS-Raubkunst im Besitz der Staatsgemäldesammlungen informiert wurden

 02.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Wolfenbüttel

Buch von jüdischem Sammler an Erben übergeben

Vom Raubgut zur Schenkung: Ein Buch aus der Sammlung des Juden Benny Mielziner wurde an dessen Erben zurückgegeben. Und bleibt nun trotzdem öffentlich in der Herzog-August-Bibliothek

von Raphael Schlimbach  02.04.2025

Osnabrück

Neue Bilder werfen neues Licht auf jüdischen Maler Felix Nussbaum

Das Nussbaum-Haus erhielt die Bilder von Maryvonne Collot, einer Nachfahrin der mit Nussbaum befreundeten Familie Giboux-Collot aus Brüssel

 02.04.2025

Antisemitismus

Gert Rosenthal: »Würde nicht mit Kippa durch Neukölln laufen«

Die Bedrohung durch Antisemitismus belastet viele Jüdinnen und Juden. Auch Gert Rosenthal sieht die Situation kritisch - und erläutert, welche Rolle sein Vater, der Entertainer Hans Rosenthal, heute spielen würde

 01.04.2025