Geschichte

Nach der Nation

Kulturkämpfer, Kolonisatoren, Kreuzzügler: Über die Nationalgeschichte dominiert oft die Konfrontation der Kulturen. Foto: ullstein

Ein Blick zurück in die längst verschwundene »Welt von Gestern« (Stefan Zweig), in das Europa nach der vorletzten Jahrhundertwende: Mit »Nationalismus, Internationalismus und Transnationalismus im deutschsprachigen Zionismus« befasste sich eine Sektion auf dem 48. Historikertag, der vergangene Woche an der Berliner Humboldt-Universität stattfand.

lebenswege Allein drei Vorträge verglichen zwei jüdisch-zionistische Biografien im 20. Jahrhundert: Der junge Hans Kohn, geboren 1891 in Prag, schloss sich früh den Zionisten an. Als sich die Diskussionen über die Ausrichtung des national-jüdischen Programms intensivierten, gehörte Kohn zu dessen liberalem, »kulturzionistischen« Flügel. »Es ging dieser Generation um Abgrenzung von den Eltern«, so der Leipziger Historiker Lutz Fiedler, »deren Assimilationsdenken wurde als Lebenslüge empfunden.« Der Hamburger Michael Enderlein ergänzte Fiedlers Vortrag, indem er die Positionen Kohns in den 20er-Jahren rekonstruierte: »Kohns Zionismus war eine weniger nationalistische als originär jüdische, dem europäischen Nationalismus entgegengesetzte Position.« Konkret entwickelte Kohn schon damals Ideen für einen binationalen Staat. Als er dafür keine Mehrheit fand, brach Kohn Anfang der 30er-Jahre mit der Bewegung und wanderte in die USA aus, wo er ein bedeutender Nationalismusforscher wurde.

Ganz anders dagegen Robert Weltsch, der im gleichen Jahr in Prag geboren wurde und mit ähnlichen Ideen eines nicht auf Macht beruhenden jüdischen Nationalismus begann: Christian Wiese (Frankfurt/Main) beschrieb, wie sich dessen Positionen wandelten. Im Gegensatz zu Kohn brach Weltsch, Chefredakteur der Jüdischen Rundschau, nicht mit dem Zionismus. Noch lange Jahre nach 1933 setzte er sich für einen »Trotz-Nationalismus« ein, forderte noch bis zur Pogromnacht 1938, »den Gelben Stern mit Stolz zu tragen«. Erst danach nahm er diese Haltung zurück, und gehörte von Palästina aus zu den bedeutenden jüdischen Kommentatoren gegen das NS-Regime.

Nach dem Krieg wurde er für seine Haltungen heftig kritisiert, umgekehrt wandte er sich nunmehr gegen jede Form von Nationalismus und reagierte auf die Erfahrung der Schoa und des Weltkrieges mit Zorn und Verbitterung: Auch die humanistische (zionistische) Version des Nationalismus auf Grundlage des Zusammenlebens mit anderen Völkern sei in Palästina gescheitert: Stattdessen führe Ben Gurion ein »Gangsterregime«, und Wiese referierte einige seiner »hoch problematischen und irritierenden Vergleiche« zwischen Israel und dem Faschismus. Später zog Weltsch das »Leben eines ewigen Emigranten« vor, übersiedelte bereits 1946 wiederum nach London, wo er bis 1982 lebte.

Global Diese Sektion war das intensivste Schlaglicht auf jüdische Geschichte auf dem Historikertag, der die Zunft in rund 80 Sektionen mit über 300 Vorträgen zusammenführte. »Über Grenzen« lautete das Leitthema. Vor allem ging es um die Globalisierung, die auch die Geschichtswissenschaft vor neue Herausforderungen stellt.

Der Trend zur Globalgeschichte führt dazu, dass sich Historiker immer weniger für nationale Geschichten und immer mehr für Begegnungen heterogener Kulturen – von Völkerwanderung und Kreuzzügen bis zum Internet – oder für transnationale Räume interessieren: Europa, Mittlerer Osten, der atlantische oder der pazifische Raum werden zum Gegenstand von Darstellungen und Forschungsprojekten. Geschichte aber ist eine konservative Wissenschaft, der immer noch der Nationalstaat instinktiv zum zentralen Bezugspunkt wird.

Aber, sagt der Frankfurter Historiker Werner Plumpe, »so etwas wie eine Nationalgeschichte in Isoliertheit hat es als Faktum eigentlich nie gegeben.« Erst durch die Abkehr von der nationalen Nabelschau erscheine vieles scheinbar Bekannte plötzlich neu, sagt der Vorsitzende des Historikerverbandes.

Diskurs Insgesamt zeigte sich auf dem Historikertag, dass die großen Debatten und elektrisierenden Themen derzeit fehlen. Intellektuellem Knistern begegnete man vor allem, als es um die Frage der Breitenwirkung des Fachs ging. Der Leipziger Historiker Matthias Middel wies darauf hin, es bestehe »eine problematische Spannung zwischen avanciertem wissenschaftlichen Diskurs und der öffentlichen Geschichtswahrnehmung«.

Mit anderen Worten: Manche Historiker tun sich schwer, ihre Erkenntnisse unters Volk zu bringen. Das übernehmen dann populärwissenschaftliche Geschichtsmagazine und TV-Programme. Dass es sich hier entweder um gar keine Wissenschaft oder um eine sehr problematische Form handelt, legte Jutta Schuhmann (Augsburg) dar, in dem sie eindrucksvolle Beispiele aus Geschichtsmagazinen wie PM, G-Geschichte oder Geo präsentierte: Das Diktat der Kommerzialisierung sei hier, so Schuhmann, mit seriöser Darstellung unvereinbar.

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