Sport

Muskeljuden

Makkabäer durch und durch: der Berliner Sprinter Ernst E. Simon (um 1919) Foto: Jüdisches Museum München/Familie Simon, Israel

April 1957, Paris, Vélodrome d’Hiver. An diesem Abend war die Sporthalle, für viele französische Juden mit Schrecken und Terror verbunden, ein Ort jüdischen Triumphes. Alphonse Halimi, ein in Algerien geborener jüdischer Franzose, trat gegen den Italiener Mario D’Agata um den Weltmeistertitel an. Und Halimi, der bei seinen Kämpfen stets eine Hose mit großem Davidstern und eingestickten Initialen trug, wurde Weltmeister und Frankreichs Sportliebling.

Als Halimi boxte, saßen am Ring Kirk Douglas, Arthur Miller und Yves Montand. Halimi verteidigte seinen Titel 1960 in London und sagte danach den berühmten Satz: »Es lebe Frankreich – ich habe Jeanne d’Arc gerächt!« 1989 wurde er in die International Jewish Sports Hall of Fame aufgenommen. Der Boxsport brachte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche jüdische Spitzensportler und Titelträger hervor.

Sie waren nicht allein, denn: »You’ll never walk alone«. Zumindest im Sport. Wer aber weiß, dass dieses Lied von dem bekannten Duo Richard Rodgers und Oscar Hammerstein und aus dem Musical Carousel stammt? »You’ll never walk alone« ist heute die Fußballhymne schlechthin. Und so ähnlich heißt auch die neue Ausstellung im Jüdischen Museum München.

tribüne Ausstellungs-Kuratorin Jutta Fleckenstein nennt das Konzept der Schau eine »historische Bewegungsstudie«. Entlang von Sport- und Taktikbegriffen, von »präzise passen« über »Hackentrick« zu »Konter« ist die Bewegung durch die geistreich gestaltete Ausstellung angelegt. Im oberen Geschoss befindet sich ein dreidimensionaler begehbarer Kickertisch. Im mittleren Geschoss wechselt die Perspektive von den Athleten auf die Tribüne, nun gibt es Kojen und Videoprojektionen.

In Körpergeschichte als Kulturgeschichte kreuzt und überlagert sich vieles: Ausschließen und Anfeuern, Brandmarken und Zugehörigkeitsgefühl, Identifikation, Projektion und individuelle Erfolgsidentitäten. Schon vor 1871 engagierten sich Juden in Deutschland im Sport, etwa in der Turnbewegung des deutschen Nationalisten Friedrich Ludwig Jahn. Aber auch in Ringerclubs und im 1869 ins Leben gerufenen Deutschen Alpenverein. 1898 konstituierte sich, zurückgehend auf den Zionisten Max Nordau, der ein »Muskeljudentum« propagierte, in Berlin mit Bar Kochba der erste jüdische Turnverein Deutschlands.

Selbstredend war die heroische Titelgebung Symptom und Symbol. Vor allem in den 20er-Jahren entstanden als Reaktion auf den anwachsenden Antisemitismus jüdische Sportvereine. Mit anno 1929 über 7000 eingeschriebenen Mitgliedern blieben sie in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft aber nur ein Randphänomen – trotz den Erfolgen von Hakoah Wien, dessen Fußballteam 1925 österreichischer Meister wurde und zudem Landestitel im Schwimmen und Ringen errang. Trotz den Titeln von Makkabi Brünn und Hagibor Prag, das tschechoslowakischer Meister im Wasserball wurde. Mitglied des Meisterteams: Friedrich Torberg, der darüber den Roman Die Mannschaft schrieb.

Der Sport der Akademiker wurde Leistungsschau, Spiegel der Leistungsgesellschaft, Massenphänomen und Phänomen der Medien. Kurz: Er wurde chic. Das Boxen zum Beispiel, insbesondere in den 20er-Jahren. Ein Kunsthändler wie Alfred Flechtheim, dem in der Schau eine »Katakombe« gewidmet ist, war leidenschaftlicher Besucher von Boxkämpfen und ließ einen seiner Künstler, George Grosz, Max Schmeling porträtieren (wofür Grosz eine Olympiamedaille errang, 1928 in Amsterdam, als noch Kunstsparten wie Malerei und Dichtung olympisch waren).

Theresienstadt Den Nazis dienten sich postwendend Sportverbände an, der Deutsche Alpenverein etwa. Aber nicht nur dem Ausschluss diente der Sport, auch der Vernichtung. In tagelangen Märschen und Läufen in KZs wie Theresienstadt ließen Schuhunternehmen neue Materialien testen, bis zur tödlichen Erschöpfung der zum Laufen gezwungenen Inhaftierten.

Viele jüdische Sportler werden in München anhand von Exponaten aus Familienbesitz biografisch besonders akzentuiert, die beiden Ringer-Brüder Baruch aus Bad Kreuznach etwa oder der Sprinter Felix Simmenauer, der auf den Makkabiaden 1930 und 1932 selbst filmte. Auch das neue Frauenbild und die Emanzipation durch Sport wird herausgestellt, bei der Kugelstoßerin Lilli Henoch zum Beispiel und der Fechterin Helene Mayer, die sich zwar nicht als Jüdin fühlte, aber als solche ausgegrenzt wurde und bei der Siegerehrung 1936 in Berlin mit Hitlergruß dankte.

Auch auf wenig Bekanntes richtet sich der Blick dieser in 18 Kapitel unterteilten Schau mit Objekten vom Plakat bis zum Tennisschläger, von Aufnähern über Alben, Statuetten, Zeichnungen und Fotos antisemitischer Hooligan-Aktionen bis zum Trikot Almog Cohens (FC Ingolstadt), einem Johan-Cruyff-Jersey (Ajax Amsterdam), einer Soccer Menorah made in China und jiddischen Plakaten in DP-Lagern nach 1945. Neben Fußball war da vor allem Boxen beliebt, als Passform jüdischer Identität und Konterattacke wider die Vernichtung.

»Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport«. Jüdisches Museum München, bis 7. Januar 2018

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 29.11.2025 Aktualisiert

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025