»Lola Bensky«

Mick Jagger und das Opferkind

Bretts Romanheldin interviewt die Stars der Sixties (hier die Rolling Stones) – und erzählt ihnen von Auschwitz. Foto: imago

Im Lauf der Jahre hat sich die amerikanisch-australische Autorin Lily Brett mit 15 Büchern eine treue Leserschaft erschrieben, die jeden neuen Roman von ihr mit Begeisterung erwartet. Auch Lola Bensky, das jüngste Buch der mittlerweile 66-jährigen Schriftstellerin, hat wieder den für Brett typischen, kaum verhüllten autobiografischen Sound, der Neugier und Aufmerksamkeit des Publikums sichert.

Diesmal schlüpft die Verfasserin in die Haut einer jungen Frau, deren Eltern das Ghetto von Lódz und Auschwitz überlebt haben. Die 19 Jahre alte Lola möchte nicht die Rolle des Opferkindes übernehmen, für die die israelische Psychotherapeutin Dina Wardi einmal den Begriff »Gedenkkerze« geprägt hat.

Schlanksein Sie will auch nicht Anwältin werden, wie ihr Vater verlangt. Lolas Hauptproblem scheint eher in der Sorge um ihre Taillenweite zu bestehen, wie sie schon ihre »Vorgängerin« Ruth Rothway belastet hat, die wir aus Bretts Roman Zu viele Männer kennen. Auch für Lolas Mutter ist Schlanksein das Wichtigste auf der Welt, vielleicht weil sie nicht das Vorurteil festigen will, Juden seien klein und fett.

Lolas Psyche hat in jungen Jahren also tüchtig zu leiden, bevor sie sich von der elterlichen Bevormundung befreien kann. Sie schmeißt die Schule und geht lieber ins Kino, wo sie im Dunkel des Vorführerraums Unmengen von Schokolade vertilgt. Zum Rennen taugt diese Lola offenkundig nicht. Stattdessen wird sie Journalistin, schreibt in Australien für ein Rockmusik-Magazin und macht Karriere als gefragte Interview-Spezialistin für Stars der Sixties wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Brian Jones, Jim Morrison und Mick Jagger.

Keith Moon von The Who lässt vor Lolas Augen die Hose herunter, Cher leiht sich von der jungen Reporterin falsche Wimpern aus und gibt sie später nicht zurück. Vor allem bei Jimi Hendrix gerät Lola ganz aus dem Häuschen: »Auf der Bühne konnte man unmöglich vergessen, dass Jimi Hendrix einen Penis hatte. Er rieb seine Gitarre an seinem Penis.« Freilich gibt die Erzählerin entschuldigend zu verstehen, dass »Lola Bensky nicht viel Erfahrung im Dialog mit einem Penis hatte«.

rockpromis Lola stellt den Rockpromis so interessante Fragen wie »Was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?« oder »Welche Farbe haben Ihre Socken?«. Sie nutzt die Interviewtermine aber auch dazu, ihre Gesprächspartner über ihre eigenen Probleme zu informieren: dass ihr junges Leben überschattet ist von der Tragödie ihrer Eltern, denen die Schoa ihre Jugend, ihre Sprache, ihre Familien und ihre Kultur geraubt hat. Für Lola als Alter Ego der Autorin ist Auschwitz allgegenwärtig. Die Opferkind-Rolle streift sie auch nicht ab, als sie heiratet, sich scheiden lässt, erneut heiratet und Mutter von zum Zeitpunkt der Erzählung inzwischen erwachsenen Kindern geworden ist.

Dieser Roman wie fast alle vorhergehenden der Autorin reflektiert die Erzählungen von Lily Bretts Eltern, die Auschwitz überlebten, sich nach der Befreiung im oberbayerischen Feldafing in einem amerikanischen Lager für Displaced Persons wiederfanden und nach Australien auswanderten. Das Schreiben der Tochter kreist immer wieder in kaum verfremdeter Form um diese Familiengeschichte.

Die Erfahrungswelt der Autorin bleibt jedoch zwangsläufig dem Sekundären einer Nachgeborenen verhaftet. Aus dem von ihren Eltern erlebten Grauen erwächst bei Lola Bensky alias Lily Brett der verzweifelte Wunsch, den Schatten von Auschwitz endlich loszuwerden. Sie will ihren eigenen Weg gehen, was ihr auch gelingt. Und so heißt es am Ende des Romans versöhnlich: »Lola stellte fest, dass Mick Jagger sie immer noch ansah. Sie lächelte ihm zu. Er lächelte und nickte.«

Die inhaltliche Tiefe und sprachliche Vitalität ihres ersten Romans Einfach so von 1998 erreicht auch dieses 15. Werk von Lily Brett nicht. Ihre Fans wird das nicht weiter stören.

Lily Brett: »Lola Bensky«. Übersetzt von Brigitte Heinrich. Suhrkamp, Berlin 2012, 302 S., 19,95 €

TV-Spielfilm

ARD dreht prominent besetztes Dokudrama zu Nürnberger Prozessen

Nazi-Kriegsverbrecher und Holocaust-Überlebende in einem weltbewegenden Prozess: Zum 80. Jahrestag dreht die ARD ein Drama über die Nürnberger Prozesse - aus der Sicht zweier junger Überlebender

 31.03.2025

Porträt

»Das war spitze!«

Hans Rosenthal hat in einem Versteck in Berlin den Holocaust überlebt. Später war er einer der wichtigsten Entertainer Westdeutschlands. Zum 100. Geburtstag zeigt ein ZDF-Spielfilm seine beiden Leben

von Christof Bock  31.03.2025

Interview

Günther Jauch: »Hans Rosenthal war ein Idol meiner Kindheit«

Der TV-Moderator über den legendären jüdischen Showmaster und seinen eigenen Auftritt bei »Dalli Dalli« vor 42 Jahren

von Michael Thaidigsmann  31.03.2025

Jubiläum

Immer auf dem Sprung

Der Mann flitzte förmlich zu schmissigen Big-Band-Klängen auf die Bühne. »Tempo ist unsere Devise«, so Hans Rosenthal bei der Premiere von »Dalli Dalli«. Das TV-Ratespiel bleibt nicht sein einziges Vermächtnis

von Joachim Heinz  31.03.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  31.03.2025

München

Schau zu »Holocaust im familiären Gedächtnis« im Jüdischen Museum

Die Zeitzeugen des Holocaust sterben nach und nach weg. Auch für deren Angehörige heißt das, sich zu fragen, wie man mit der eigenen Familiengeschichte weiter umgehen soll. Eine Münchner Schau nimmt sich des Themas an

 31.03.2025

Las Vegas

Kiss tritt ungeschminkt auf

Schon 2023 schwor Gene Simmons, dass die Band diesen Schritt wagen werde. In Las Vegas will er Wort halten

 31.03.2025

Gert Rosenthal

»Mein Vater war sehr bodenständig«

Am 2. April wäre Hans Rosenthal 100 Jahre alt geworden. Zum Jubiläum würdigt ihn das ZDF. Ein Gespräch mit seinem Sohn Gert über öffentliche und private Seiten des Quizmasters

von Katrin Richter  31.03.2025 Aktualisiert

TV-Legende

Rosenthal-Spielfilm: Vom versteckten Juden zum Publikumsliebling

»Zwei Leben in Deutschland«, so der Titel seiner Autobiografie, hat Hans Rosenthal gelebt: Als von den Nazis verfolgter Jude und später als erfolgreicher Showmaster. Ein Spielfilm spürt diesem Zwiespalt nun gekonnt nach

von Katharina Zeckau  31.03.2025