Yad Vashem

Mehr als ein Museum

Der Ausblick beim Verlassen des Museums zur Geschichte des Holocaust Foto: dpa

Wer sich die Taskforce zur Identifizierung von NS-Raubkunst in der Sammlung des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt anschaut, findet unter den Mitgliedern zwei Experten aus Israel: zum einen Schlomit Steinberg, zuständig für europäische Kunst am Israel-Museum in Jerusalem. Und zum anderen Jehudit Schendar, Vize-Direktorin und Chefkuratorin der Museumsabteilung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sowie Gründerin des dort ansässigen Forschungszentrums für Holocaust-Kunst.

Beide können auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen – das Israel-Museum betreibt selbst seit Jahren Provenienzforschung im eigenen Haus, und Yad Vashem besitzt mit 10.000 Objekten die weltweit größte und vielfältigste Kollektion an Holocaust-Kunst. Denn neben dem Gedenken an die Schoa sind Dokumentation, Erziehung und Forschung drei weitere Säulen des Museums, das seit nunmehr 60 Jahren besteht und dessen Fachwissen weltweit gefragt ist.

gesetz In dem Gesetz »Denkmal und Name«, das der Knesset 1953 vorgelegt wurde und zur Gründung von Yad Vashem führte, sind diese vier Säulen bereits enthalten: Einerseits sollte das Museum der Schoa und der sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden gedenken. Andererseits sollte es Gedenkprojekte aufbauen, Zeugnisse sammeln, erforschen und veröffentlichen, die Opfer einbürgern und Israel bei internationalen Veranstaltungen vertreten.

Wie wichtig Forschung und wissenschaftliche Aufarbeitung der Schoa sind, war allerdings schon lange vor der Gründung Yad Vashems klar. Bereits 1947 fand an der Hebräischen Universität in Jerusalem der erste Kongress über die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden statt. Von 1968 an wurden auch regelmäßig Konferenzen dazu abgehalten, bis die wissenschaftliche Aufarbeitung schließlich mit der Eröffnung des Internationalen Instituts für Holocaust-Forschung 1993 einen institutionellen Rahmen bekam.

»Aufgrund des wachsenden internationalen Interesses am Holocaust und des Wunsches, weltweit wissenschaftliche Forschung zu diesem und zu verwandten Themen anzuregen und zu unterstützen, hat Yad Vashem 1993 das Internationale Institut für Holocaust-Forschung eingerichtet«, heißt es dazu auf der Internetseite des Museums, die seit nunmehr einem Jahr auch in einer deutschen Version zu lesen ist. Das Institut unter der Leitung des Historikers Dan Michman plant, entwickelt und koordiniert internationale wissenschaftliche Projekte.

Archiv Eine weitere Säule und von unschätzbarem Wert ist das weltweit größte Holocaust-Archiv. Inzwischen sind mehr als 154 Millionen Seiten Dokumentationsmaterial gesammelt, darunter offizielle Dokumente, Tagebücher und persönliche Briefe. Es war der 1944 von den Nazis ermordete Historiker Emanuel Ringelblum, der die Initiatoren inspirierte. Dieser hatte schon während des Krieges zahlreiche Tagebücher, Notizen, Briefe, Berichte und Untergrundzeitungen aus dem Ghetto Warschau in wasserdichten Metallkisten und Milchkannen versteckt und damit für die Nachwelt gerettet. »Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleiben«, hatte er geschrieben.

Das 1955 eröffnete Archiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, »alle Zeugnisse zum Holocaust und zu Heldentum zu sammeln, zu erforschen und zu veröffentlichen«, heißt es dazu auf der Internetseite. Der Bestand wird laufend gescannt und digitalisiert, um die Informationen leicht zugänglich zu machen. Aus vielen Projekten entstehen Ausstellungen wie etwa die zu den Novemberpogromen oder zur Deportation aus Deutschland in die Vernichtungslager in Osteuropa.

schulbücher Die vierte Säule wendet sich an die Nachkommen und gegen das Vergessen: Die pädagogische Arbeit der 1993 eröffneten Internationalen Schule für Holocaust-Studien (ISHS) ist zu einem zentralen Anliegen Yad Vashems geworden. Wie wichtig das ist, zeigt eine jüngst veröffentlichte UNESCO-Studie über Schulbücher in 125 Staaten und die Aufarbeitung des Holocaust darin. Die Ergebnisse sind beunruhigend: Abgesehen von Verharmlosungen und sogar heroisierenden Darstellungen fanden die Forscher jede Menge falscher und veralteter Informationen. Das gilt auch für deutsche Schulbücher.

Das ist umso erstaunlicher, da die Unterstützung vonseiten des Museums immens ist: Wer will, findet zu annähernd jeder Frage umfangreiche Erklärungen und Hilfestellungen. Yad Vashem stellt an das jeweilige Alter angepasste Unterrichtsmaterialien bereit und organisiert Fortbildungen für Lehrer – speziell für deutschsprachige Länder. Auf der Internetseite lassen sich Materialien herunterladen und vieles mehr. Bedeutend sind nach wie vor die Zeitzeugen-Interviews, die digital abzurufen sind, die authentischen Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden jedoch nicht ersetzen können. Und von denen gibt es immer weniger.

Für Noa Mkayton, Leiterin der deutschen Abteilung und zuständig für die Kontakte zu deutschen Lehrern, ein Grund, die Erinnerungsarbeit immer wieder zu überdenken: »Wenn wir für zukünftige Generationen relevant bleiben wollen, müssen wir uns auch ganz intensiv mit der Frage auseinandersetzen, wie der Holocaust vermittelt werden kann und was wir daraus lernen sollen«, sagte sie in einem Interview.

Erinnerung ist ein Prozess, der dem Wandel unterliegt. Das gilt für die Schoa-Erinnerung in Israel und für die in Deutschland. Wichtig sei aber auf jeden Fall, sagt Mkayton, dass die Geschichtsschreibung über die Schoa aus jüdischer Perspektive geschieht.

www.yadvashem.org

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