Einer der Bielski-Brüder sah aus wie James Bond. Aber wer kennt Oswald Rufeisen? Der englische Schauspieler Daniel Craig war 2008 der Hauptdarsteller in Edward Zwicks Film Unbeugsam – Mut ist die stärkste Waffe, der wahren Geschichte einer Gruppe Juden um die Bielskis, die in den Wäldern Weißrusslands untertauchte, immer größer wurde, am Ende rund 1200 Köpfe zählte und als Partisanen gegen die Deutschen kämpfte.
Oswald Rufeisen hingegen ist heute so gut wie vergessen. Ihm und anderen jüdischen Widerstandskämpfern widmet sich das neue Buch Der vergessene Widerstand des deutschen Historikers Stephan Lehnstaedt. Jude, Pole, Zionist, akzentfrei Deutsch sprechend, gelang es Rufeisen, sich 1941 in Belarus als Dolmetscher bei der deutschen Polizei zu verdingen, er hielt jüdische Partisanen mit Informationen stetig auf dem Laufenden und lockte im August 1942 Polizisten, die 300 Jüdinnen und Juden in einem kleinen Ghetto arretieren sollten, in die Irre, sodass alle fliehen konnten. Denunziert und gefoltert, gestand er, Jude zu sein, sollte erschossen werden, konnte fliehen, rettete sich in ein Nonnenkloster, konvertierte zum Christentum, wurde Priester. 1998 starb er 87-jährig in Haifa.
Er war einer von vielen Heldinnen und Helden. Lehnstaedt ist beizupflichten, dass, so ist nach wenigen Seiten in Der vergessene Widerstand zu lesen, »jüdischer Widerstand nicht mit herkömmlichen Kategorien der Resistenzforschung zu erfassen«. Denn: »Er ist im Holocaust begründet und schon allein deshalb ein eigenes Phänomen.«
Stephan Lehnstaedt, der an der Berliner Dependance der jüdischen Touro University, die Ableger in New York, Los Angeles und im US-Bundesstaat Nevada hat, Professor für Holocaust Studies und Jüdische Studien ist, schrieb auch über den vergessenen Krieg zwischen Polen und der Sowjetunion 1921. Der vergessene Widerstand setzt ein mit der Frage, was jüdischer Widerstand gewesen sei und wie die Forschungslage bis heute beschaffen ist.
Der Historiker Raul Hilberg und die politische Theoretikerin Hannah Arendt
Der Autor bezieht sich auf den Historiker Raul Hilberg und die politische Theoretikerin Hannah Arendt, die »die Sicht eines im Grunde nichtexistierenden jüdischen Widerstands« gefestigt hätten. Er selbst betont: »Widerstand ausschließlich von dessen Erfolg her zu denken, verkennt die Asymmetrie der Machtverhältnisse zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, die mit ihrem Waffenarsenal eine umfassende staatliche Kontrolle ausübten und mit ihrer mörderischen Ideologie eine bis dato unbekannte Vernichtung ins Werk setzten.«
Nachgerade ahistorisch und nicht selten mit antisemitischen Konnotationen behaftet, so Lehnstaedt, sei das Postulat, »Jüdinnen und Juden hätten energischer Widerstand leisten müssen als alle anderen, gerade weil nur sie dem Holocaust ausgesetzt waren«. Kritisch beleuchtet wird aber auch der in den 50er-Jahren von jüdischen Forschern geprägte Begriff der »Amida« (hebräisch wörtlich für: »Stehen«).
Das Buch schildert den Widerstand ab 1933 bis zur Einrichtung von Ghettos und dem Aufbau der Vernichtungslager, den Aufständen in Warschau, in den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibor, um dann in Kriegsende und Befreiung zu münden. Final analysiert Lehnstaedt, etwas knapp, »Repräsentationen« des jüdischen Widerstands, etwa in Filmen wie Quentin Tarantinos Inglorious Basterds, für den die Filmkritik das Genre »historical revenge fantasy« kreierte, Historische Rache-Fantasie.
Bei manchen Passagen, die eher Hin- oder Einführungscharakter haben, wünschte man sich, der gebürtige Münchner, in seiner Heimatstadt promoviert, in Chemnitz habilitiert und sechs Jahre lang am Deutschen Historischen Institut in Warschau forschend, hätte sich Bücher englischer oder amerikanischer Geschichtsschreiber zu Gemüte geführt, um den Duktus erzählerisch lockerer zu gestalten. Einzelne Viten, Ereignisse und Schicksale hätten plastischer geschildert werden können. Dennoch ist Lehnstaedts Der vergessene Widerstand ein instruktives und kundiges Historienbuch.
Stephan Lehnstaedt: »Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust«, C.H.Beck, München 2025, 384 S., 28 €