Interview

»Mangel an historischem Verständnis«

Frau Maizels, Herr Mohammed, gibt es etwas Neues in der Qualität der jüngsten Welle des Antisemitismus, die wir an amerikanischen Universitäten gesehen haben?
Linda Maizels: Ich denke, dass die erste Welle des Antisemitismus, die sich als Antizionismus äußerte, im Zusammenhang mit dem Krieg von 1967 beginnt. Es gab nicht nur Feindseligkeit gegenüber Israel, sondern auch gegenüber Juden – und insbesondere die Vorstellung von Juden als weiß und privilegiert. Diese Vorstellung gibt es noch heute. Selbst wenn daran etwas Wahres ist, nimmt es den jüdischen Studenten die Stimme und Eigenständigkeit. Das Neue, das wir an den Universitäten sehen, ist, dass die Professoren und Mitarbeiter in dieser Bewegung sehr engagiert sind, in einigen Fällen sogar die Führung übernehmen – sowohl im Lehrplan als auch außerhalb davon. Die Uni-Verwaltungen sind in gewisser Weise mitschuldig, da sie zugesehen haben, wie Lehrpläne politisiert wurden.
Omar Mohammed: Vergessen wir nicht, dass Juden oft bei der Entwicklung der Postkolonialismustheorie nicht bedacht oder selbst als Kolonisatoren bezeichnet wurden. Außerdem wurde Kritikern des Antisemitismus unterstellt, nicht aufrichtig zu sein. Sie würden nur über Antisemitismus sprechen, um Kritik am Kolonialismus und an Israel zum Schweigen zu bringen.

Woher glauben Sie, kommt dieser Vorwurf der Böswilligkeit?
Maizels: Die Vorstellung dahinter ist, dass Juden im Großen und Ganzen auf amerikanischen Universitäten sehr erfolgreich waren. Sie sind auch tatsächlich als Studenten, als Dozenten und in Ivy-League-Schulen überrepräsentiert und werden deshalb als Teil dieser privilegierten weißen Machtstruktur wahrgenommen. In der Konsequenz wird nicht mehr über den einzelnen jüdischen Studenten oder das Fakultätsmitglied gesprochen, sondern über Juden als Teil dieser Machtstruktur, die nicht diskriminiert werden könnten. Vielmehr seien sie es, die angeblich ihre Macht nutzen, um Kritik an Israel als antisemitisch zu brandmarken und damit zum Schweigen zu bringen.
Mohammed: Als Geschichtswissenschaftler sehe ich bei den Studenten auch einen gefährlichen Mangel an historischem Wissen. Viele Antisemitismen haben im Diskurs deshalb eine größere Anziehungskraft gewinnen können, weil wir dieses Problem nicht wirklich angehen.

Was meinen Sie damit?
Mohammed: Wenn man ungebildet ist, lässt man sich von Informationen, die man erhält, viel eher negativ beeinflussen, weil man sie nicht einordnen kann. Zum Beispiel ist es nicht inhärent antisemitisch, die Rechte der Palästinenser zu unterstützen, aber wie viele junge Menschen wissen, was genau gemeint ist, wenn sie »From the river to the sea« rufen? Es bedeutet, dass Israel vernichtet werden muss, damit ein palästinensischer Staat existieren kann. Das ist einer der Fälle, wo Antisemitismus unerkannt bleibt und sich etablieren kann.
Maizels: Ich denke, was amerikanische Studenten auch anzieht, ist das Narrativ des Rassismus, das in diesem Land sehr dominant ist. Die Studenten werden in vielerlei Hinsicht dazu gebracht, alle Konflikte durch diese Brille zu betrachten, und das ist ein Problem, wenn sie dann versuchen, Antisemitismus zu verstehen. Sie können sehen, wo Rassismus und Antisemitismus Ähnlichkeiten haben, aber sie bemerken die Unterschiede nicht, weil ihnen die Bildung dafür fehlt. Die Studenten nutzen ein Denksystem, das sie über amerikanische Rassenbeziehungen gelernt haben und das sowohl buchstäblich als auch figurativ schwarz-weiß ist, und versuchen, den Nahost-Konflikt in dieses Paradigma zu pressen. Das führt zu allerlei Missverständnissen. Denn innerhalb dieses Prismas kann man nur ein Opfer und einen Unterdrücker haben. Der Gedanke, dass es zwei Völker gibt, die einander Unrecht und Leid zugefügt haben, ist extrem schwierig zu vermitteln.

Erklärt das die Sympathien vieler Studenten und Professoren für die Hamas?
Maizels: Es gibt Professoren, die unmittelbar nach dem 7. Oktober sagten, sie seien von der Gewalt begeistert, die wir gesehen haben – und dass die Israelis widerliche Menschen seien, deren eigene Politik sie zu diesem Schicksal verdammt habe. Ein Teil des Problems ist auch, dass Professoren kein Problem damit hatten, so etwas öffentlich zu sagen, weil diese Weltanschauung so sehr in der eigenen Blase verankert ist.

Aber man kann die Hamas-Charta lesen und sehen, was sie zum Beispiel Homosexuellen im Gazastreifen antun. Wie kann man progressiv sein und gleichzeitig die Hamas unterstützen?
Maizels: Das ist die 64.000-Dollar-Frage, wie wir sagen würden. Auch das geht zumindest in Teilen wohl wieder auf einen Mangel an historischem Verständnis zurück. Eines der Probleme beim Lesen der ursprünglichen Hamas-Charta ist, dass viele Studenten keine Ahnung haben, was etwa die »Protokolle der Weisen von Zion« sind, die dort erwähnt werden. Ich habe in Portland einen Kurs über die Geschichte des Antisemitismus unterrichtet, und es war großartig, im Laufe eines Semesters die verschiedenen Schichten offenlegen zu können. Aber Studenten, die das nie gelehrt wurde, können die Charta gar nicht richtig einschätzen.

Was hat die Hamas getan, um das Bild von sich als Widerstandsgruppe zu schaffen?
Mohammed: Die Hamas hat ihre Propaganda schon lange vor dem 7. Oktober darauf ausgerichtet, sich gerade bei Jugendlichen als Widerstandskämpfer darzustellen. Das zeigt sich etwa in der Art, wie ihre Propaganda-Clips Videospielen ähneln. Sie haben es auch geschafft, sich postkoloniale Forschung zunutze zu machen. Man darf nicht vergessen, dass die Hamas ein Ableger der Muslimbruderschaft ist, die unter postkolonialen Wissenschaftlern hohes Ansehen genießt. Sie nutzen sogar die Massaker, um sich als Befreiungskämpfer zu inszenieren, wie man an den Äußerungen junger Menschen erkennen kann, die sagen: »Wie habt ihr euch Befreiung vorgestellt? Mit gezielten, sauberen Operationen? Nein, Befreiung bedeutet massenhaftes Töten.« Die Hamas schafft es sogar, die Verhandlungen über einen Geisel-Deal zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die Verhandlungen würden zeigen, dass die Islamisten ernst genommen werden und das nur mit ihnen ein palästinensischer Staat möglich sei.

Wie kamen diese Professoren, die jetzt die Hamas unterstützen, an die Universitäten?
Maizels: Vorab muss ich sagen, dass wir darüber nur verallgemeinert sprechen. Aber wenn Sie sich die Entwicklung der amerikanischen Universität im vergangenen Jahrhundert ansehen, gibt es eine Veränderung. Ursprünglich waren Ivy-League-Universitäten die Ausbildungsstelle für die amerikanische Elite. Im frühen 20. Jahrhundert begannen Juden als einige der ersten »unerwünschten Einwanderer«, in den Elfenbeinturm einzudringen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg öffneten sich die Universitäten immer weiter. Der Zutritt wurde immer öfter auf der Basis von persönlichen Verdiensten gewährt. Wir wollten, dass Menschen studieren, die nie zuvor daran gedacht hätten, eine Universität zu besuchen, damit sie eine immer weiterwachsende Bürokratie unterstützen. Die sogenannte »GI Bill«, die jedem Veteranen ein Studium ermöglichte, gehörte zu den Maßnahmen, mit denen das umgesetzt wurde. Die Universitäten wurden also diverser, und es war noch ihr Hauptzweck zu lehren.

Das klingt doch gar nicht schlecht.
Maizels: Über die Jahre trat die Frage der sozialen Gerechtigkeit immer mehr in den Fokus des Unibetriebs. Während man in den 60er-Jahren tagsüber studierte und abends gegen den Vietnamkrieg protestierte, steht heute insbesondere in den Geisteswissenschaften die soziale Gerechtigkeit im Vordergrund. Das zeigt sich nicht nur in der Frage, was die Fakultäten den Studenten beibringen und wie diese der Welt begegnen sollen, sondern auch im Wachstum einer weitläufigen Bürokratie, die über sehr wichtige Konzepte wie Vielfalt und Inklusion spricht. Das braucht es auch an Universitäten, aber mittlerweile scheint es der einzige Zweck zu sein. Einige Fakultäten sind weniger daran interessiert, den Studenten zu helfen, kritisch zu denken, eine Vielzahl von Informationen aufzunehmen und zu eigenen Ansichten zu gelangen, sie möchten in vielerlei Hinsicht eine Parteilinie vorgeben.

Zum Beispiel?
Maizels: Intersektionalität ist eine sehr interessante Rechtstheorie, die von Kimberlé Crenshaw entwickelt wurde. Sie war nützlich, um über die intersektionalen Unterdrückungen schwarzer Frauen zu sprechen, aber sie begann in einer Weise eingesetzt zu werden, die über intersektionale Unterdrückungen sprach und behauptete: Wer für dieses ist, muss auch für jenes sein. Der Zweck in der Ausbildung vieler Studenten scheint zu sein, all diese Bewegungen zu unterstützen. Juden tauchten in dieser intersektionalen Analyse aber nicht auf, und wenn eine Fakultät radikalisiert ist oder eine bestimmte Linie im Nahost-Konflikt hat, dann werden Sie als junger Absolvent mit einer konträren Ansicht von dieser Abteilung nicht eingestellt.

Mit den beiden Forschern des »Programs on Extremism« der George Washington University sprach Nils Kottmann.

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