Mainz

Malen nach Klangfarben

Dieses Klavier spielt immer denselben Ton. Foto: Norbert Miguletz

Wie klingt eine Stadt? Neben den unzähligen gegenständlichen Sounds von Industrieanlagen bis zu Elektroautos wohl am ehesten so, wie die summierten Stimmen ihrer Bewohner. Mit seiner neuen Komposition »The Notional Anthem« macht sich Ari Benjamin Meyers nun mit freiwilligen Sängern – ein jeder ist eingeladen – im Rahmen seiner Ausstellung Always Rehearsing daran, Mainz in zehn Proben zum Erklingen zu bringen.

Mit Always Rehearsing zeigt die Kunsthalle Mainz eine Ausstellung, wie man sie in Museen immer noch viel zu selten findet – was überrascht, sind doch die Beziehungen zwischen Musik und Bildender Kunst seit mindestens 100 Jahren ebenso evident wie mannigfaltig. Als Musiker, Komponist, Dirigent und inzwischen auch Bildender Künstler ist Meyers nicht nur in beiden Welten zu Hause, er versteht es auch, sie miteinander zu verbinden.

Visuelle und klangliche Kunst

Vor der visuellen kam allerdings die klangliche Kunst: Der Wahl-Berliner, 1972 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, lernte im Alter von vier Jahren Klavier spielen. Ein augenscheinlich ganz normaler Klavierflügel steht denn aktuell auch zentral in der geräumigen Halle 2 der Kunsthalle. Das 1893 erbaute Ins­trument zu spielen, muss laut Meyers für jeden Pianisten jedoch die Hölle sein, »ein kafkaesker Albtraum«. Denn egal, welche Taste man anschlägt, es erklingt – in verschiedenen Tonlagen – stets derselbe Ton: »As«.

Der Schlüssel zum Verständnis der Arbeit führt zu Erik Saties 1893 komponiertem Stück »Vexations«, zu Deutsch Demütigungen oder Quälerei. Die kleine Partitur soll seinem Erschaffer nach genau 840-mal wiederholt werden, was es zu einem der längsten Musikstücke aller Zeiten macht. Genau 840-mal hat Meyers die kurze Partitur nun per Hand transkribiert, mitsamt kleinen Variationen und unbeabsichtigten Fehlern. Die so entstandenen Notenblätter bestücken hier die beiden Wände in Spielrichtung des 1-Ton-Klaviers, das hier ausschließlich jenen Ton erklingen lässt, der in Saties Thema als einziger der gesamten Tonleiter nicht auftaucht.

Auslassungen und Variationen, Repetitionen, Klangfarben, Harmonie und Dissonanz, solche Essenzen musikalischen Ausdrucks finden sich überall in der Ausstellung wieder. Der Titel verrät, dass Meyers vielmehr am Prozess des Probens denn an der fertigen Aufführung interessiert ist. Auch als Museumsbesucher bleibt man im Idealfall nicht bloß Rezipient, sondern lässt sich in den Schaffensprozess einbeziehen.

Kann ein Mann mit einer Frau singen?

Die Arbeit »Duet« fordert so dazu auf, für einige Minuten mit einem Mitglied aus dem Team der Kunsthalle drei einfache Motive zum Leben zu erwecken. Seit 2014 wird die Arbeit an verschiedensten Orten der Welt »geprobt«. »In Kairo wurde die Arbeit plötzlich sehr politisch«, erzählt der Künstler, »weil auf einmal Fragen aufkamen wie: Kann ein Mann mit einer Frau singen?«.

Die Kunsthalle Mainz bietet einen umfangreichen Einblick in Ari Benjamin Meyers Kunst- und Musikverständnis: »Solo für Ayumi« (2017) interpretiert musikalisch wie bildnerisch die Verbundenheit zwischen Komponist und der gleichnamigen Geigerin. Arbeiten wie »Who’s Afraid of Sol La Ti?« oder die Rauminstallation »Heavy Metal«, mit Bleigussplatten aus dem berühmten Mainzer Musikverlag Schott, zielen auf den kaum greifbaren Charakter von Musik sowie den Vorgang des Komponierens selbst ab.

Wie Meyers überhaupt stets das Band aufspürt, das sich zwischen Inspiration, Kreation und Interpretation spannt. Es ist eine universelle Angelegenheit, die der klingenden wie der visuellen Künste, womöglich des Musik- und Kunstmachens schlechthin.
Daniel Urban

Bis zum 20. Oktober www.kunsthalle-mainz.de/ari-benjamin-meyers-always-rehearsing

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026

Jubiläum

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 22.06.2026 Aktualisiert

Kulturkolumne

Warum ich bei Fußball im Fernsehen besonders gut einschlafe

Hinter dem Phänomen steckt eine lange Familiengeschichte – unsere Autorin nimmt Sie mit auf eine Zeitreise

von Maria Ossowski  22.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  22.06.2026

Literatur

Jelinek lässt Fuchs und Hase über Kapitalismus sprechen

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert im Oktober ihren 80. Geburtstag. Ihr aktuelles Werk »Unter Tieren« zeigt sie einmal mehr als scharfe Gesellschaftskritikerin

von Sibylle Peine  21.06.2026

Auszeichnung

Duisburger Musikpreis für Igor Levit

Die Stadt Duisburg ehrt den jüdischen Pianisten Igor Levit mit ihrem Musikpreis. Gewürdigt wird nicht nur das künstlerische Können des 39-Jährigen, sondern auch sein gesellschaftliches Engagement

 21.06.2026

Aufgegabelt

Israel »Dot Cake«

Rezepte und Leckeres

 21.06.2026

Zahl der Woche

170 Delegierte

Fun Facts und Wissenswertes

 21.06.2026