Universität Trier

Licht ins dunkle Mittelalter

Den ersten Antrag habe ich 1979 gestellt – und seither warten wir.» Alfred Haverkamp, 79 Jahre alt, offiziell emeritiert, aber immer noch sehr aktiv, lächelt unverändert hoffnungsvoll. Es geht um einen Antrag auf Bewilligung einer Stelle für einen Judaisten. Denn einen solchen Wissenschaftler braucht das vor genau 20 Jahren von ihm gegründete Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden (AMIGJ) an der Universität Trier dringend.

Haverkamp wollte hebräische Sprach- und judaistische Fachkompetenz schon haben, als es das Institut noch gar nicht gab. Denn er hatte in der 1970 neu gegründeten Uni an der Mosel als Professor für mittelalterliche Geschichte rasch erkannt, dass die frühmittelalterliche jüdische Geschichte in Deutschland von nichtjüdischen Wissenschaftlern so gut wie nicht erforscht wurde.

Auch der Trierer Universitätspräsident Michael Jäckel konnte zur Feier der ersten beiden Jahrzehnte des Arye-Maimon-Instituts nicht mit dem Geburtstagsgeschenk der lang ersehnten Judaistenstelle aufwarten. Er werde sich weiter dafür einsetzen, versprach er. Auch er erlebe Wissenschaft «mehr und mehr als Beckett’sches Theater: Wir warten und warten und warten». Denn je weiter die Forscher im Mittelalter voranschreiten, desto weiter entfernen sie sich von lateinischen und deutschen Dokumenten, und desto wichtiger wird der Zugang zu hebräischen Quellen.

Forschung An lobenden Worten fehlte es jedoch nicht. Der Historiker Israel Yuval von der Hebräischen Universität Jerusalem sagte, es handele sich in Trier um ein Institut, «das trotz seiner überaus bescheidenen Ausstattung alle anderen in der Welt übertrifft, was die Anzahl der aus ihm hervorgegangenen Forschungsarbeiten und ihre Bedeutung angeht». Tatsächlich ist auch dank der Beharrlichkeit Haverkamps in Trier eine Forschungseinrichtung entstanden, die zumindest teilweise das schwarze Loch des Unbekannten geschlossen hat, als das deutsche Historiker die Geschichte der Juden in Deutschland behandelt haben.

«Das ist eine Borniertheit, die einfach eingefleischt war – seit dem 19. Jahrhundert mit dieser Nationalgeschichte, aus der die jüdische Geschichte ausgeklammert blieb», sagt Haverkamp über die Forschungslücke. «Man hat die Rolle der Juden überhaupt nicht erkannt.» Und die spezielle jüdische Rolle bestehe darin, dass es keine andere Minderheit in Deutschland gebe, die so stark mit dem Christentum verbunden sei. Jüdische Geschichte sei bis zur Nazizeit von Nichtjuden überhaupt nicht erforscht worden. «Und auch Jahrzehnte danach ist nichts Wesentliches passiert.»

Das Institut ist aus einer engen Zusammenarbeit mit der Hebräischen Universität Jerusalem hervorgegangen – und benannt nach dem israelischen Historiker Arye Maimon, der als Herbert Fischer 1903 in Breslau geboren wurde und der sich in Jerusalem vor allem als Leiter des Langzeitpro- jekts Germania Judaica verdient gemacht hat, also um die vor allem von jüdischen Historikern erarbeitete Geschichtsschreibung der deutschen Juden. Der dritte, bisher letzte Band reicht bis zum Jahr 1519.

Der Arbeit des Trierer Instituts liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die Geschichte der jüdischen Minderheit auch für Strukturen und Vorgänge innerhalb der christlichen Mehrheit interessant und wichtig sein kann. Das Institut ist das einzige mit einem Schwerpunkt auf der Erforschung der jüdisch-christlichen Beziehungen im Mittelalter. Und das sei auch für die jüdischen Kollegen bedeutsam: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unserer Rolle wiederum für die anderen sehr, sehr interessant ist: Weil eben hier erstmals eine Kooperation zwischen jüdischen Historikern mit judaistischem Fundament und Allgemeinhistorikern stattfindet. Das ist nie vorher passiert», sagt Haverkamp.

Der Landeskundler Stephan Laux, der gemeinsam mit Haverkamp und dem Mittelalter-Experten Lukas Clemens das dreiköpfige Direktorium des AMIGJ bildet, erheiterte die Festversammlung mit dem Hinweis darauf, dass noch bei Arbeitsaufnahme der Trierer Universität Literatur über die jüdische Geschichte nur Platz in den Regalen der Abteilung Vorderasien der Uni-Bibliothek fand.

Krisen Mittlerweile ist das anders. Gerade hat ein neues Forschungsprojekt mit dem Namen «Aschkenasische Juden im späten Mittelalter: Reaktionen auf Verfolgung, Entrechtung und Vertreibung» begonnen, nachdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Finanzierung sicherstellte. Dabei geht es um die «Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisenmomenten» – oder, einfacher gesagt, um Überlebensstrategien für das jüdische Leben im 14. Jahrhundert im römisch-deutschen Reich angesichts von Verfolgung, aber auch Missernten, Kriegen oder der Pest.

Nach wie vor läuft ein Forschungsprojekt über die für das mittelalterliche jüdische Leben besonders wichtigen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz (Qehillot ShUM) und die dort wirkenden jüdischen Gelehrten ebenso wie die dort entwickelten Bauformen.

Ein Großprojekt heißt «Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich», mit dem erstmals alle Quellen zur Geschichte der Juden im Gebiet des römisch-deutschen Reichs für den Zeitraum von 1273 bis 1519 erfasst werden sollen. Ohne internationale Zusammenarbeit funktioniert nichts, sagt Haverkamp. Und Jerusalem spiele dabei natürlich eine besondere Rolle. Aber in Trier, im äußersten Westen Deutschlands, sei man ja gewohnt, grenzüberschreitend zu denken und zu arbeiten.

Israel Yuval trug mit seinem Vortrag «Schabbat versus Sonntag – von der zeitlichen und endzeitlichen Bedeutung der Ruhe» zur Jubiläumsfeier bei. Sein Fazit: Auch hier gebe es «einmal mehr das charakteristische Paradox in den Beziehungen zwischen Judentum und Christentum: einerseits Wettstreit und Polemik, andererseits gegenseitige Verinnerlichung und Angleichung». Die Christen hätten das jüdische Konzept von Ruhe im Sonntag implementiert; die Juden hätten von den Christen das eschatologische Heilskonzept der Ruhe in die Gebete am Schabbat integriert. Dies sei, so Yuval, ein weiterer Beweis für den «Dank, den wir unserer gemeinsamen christlichen und jüdischen religiösen Tradition schulden».

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