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Körper und Kultur

Muskeljude: Mark Spitz gewann in München 1972 siebenmal olympisches Gold. Foto: imago

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Der Jüdische Almanach 2011 widmet sich dem Sport – und lässt dabei einiges aus

von Martin Krauss  05.12.2011 17:08 Uhr

Der jüdische Sport ist ein Sammelsurium. Hier ein neunmaliger Schwimm-Olympiasieger, da ein Schachtalent, mal eine große Fußballerinnerung, dann wieder die Tradition von Makkabi und Hapoel. Zu einem so breit gefächerten Thema passt ideal die publizistische Form eines Almanachs – in diesem Fall der seit 1993 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erscheinende, von Gisela Dachs herausgegebene Jüdische Almanach, der sich dieses Jahr dem Sport widmet.

boxen Das Buch beginnt mit einem klugen und lesenswerten Essay von Michael Brenner, der feststellt, dass »keine jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts ohne Sport« geschrieben werden kann. Der Münchner Historiker führt aus, wie gerade mit Blick auf den Sport die jüdische Historie als eine viel spannendere und facettenreichere erzählt werden kann, als wenn man sie stets nur auf Schoa und Israel reduziert. Brenner verweist dabei unter anderem auf den großen Wiener Schriftsteller und Fußballfan Friedrich Torberg, der in seiner Jugend aktiver Wasserballer beim legendären SC Hakoah war.

Und doch offenbart sich schon im Einleitungsessay ein Webfehler des gesamten Almanachs: Brenner schreibt fast ausschließlich über den deutschsprachigen Raum und widmet etwa dem jüdischen Sport in Amerika gerade mal 23 Zeilen, in denen auch noch der in diesem Zusammenhang sehr bedeutungslose Henry Kissinger auftaucht.

Der jüdische US-Sport kommt auch in anderen Teilen des Buchs kaum vor – dabei hat er in den 20er-Jahren das Profiboxen und in den 50er-Jahren den Basketball so geprägt, dass man von ihnen damals als jüdischen Sportarten sprach. Völlig ausgespart wird der jüdische Sport in Osteuropa, was bedeutet, dass auch der jüdische Arbeitersport, der gerade in Polen seine Massenbasis hatte, komplett ausgeblendet ist.

fussball Diese inhaltlich durch nichts begründete Beschränkung ist schade, entwertet sie doch sehr wertvolle, andere Beiträge. Etwa den des US-Historikers John Efron über den ersten großen Boxer der Weltgeschichte, Daniel Mendoza, einen sefardischen Juden im London des 18. Jahrhunderts. Oder wenn die israelische Kulturhistorikerin Anat Helman an die Schabbat-Kontroverse im Jischuw der 20er- und 30er-Jahre erinnert: Die Frage, ob am Schabbat Sportveranstaltungen stattfinden dürfen, ist schließlich nichts anderes als die, wie säkular oder religiös sich die jüdische Gesellschaft in Eretz Israel verstand und versteht.

Von dem Israeli Raanan Rein erfährt der Leser viel Neues über die Bedeutung des Judentums im argentinischen Fußball. Gleichfalls erhellende Beiträge zum Fußball haben der israelische Historiker Moshe Zimmermann und der deutsche Publizist Dietrich Schulze-Marmeling beigetragen.

Yoga Doch leider gibt es neben den schon genannten thematischen Lücken weitere Schwächen: Warum ein Aufsatz über Yoga am Strand von Tel Aviv, dem jeder jüdische Bezug fehlt (dabei existiert etwa mit den Lehren von Moshe Feldenkrais ein jüdischer Zugang zu moderner Körperarbeit)? Und wieso musste ein Beitrag des Kölner Historikers Manfred Lämmer über ein griechisches Gymnasium in Jerusalem, das etwa 160 Jahre v.d.Z. nur acht Jahre existierte, aufgenommen werden, wo man doch viel lieber etwas über Körperkultur in der damaligen jüdischen Gesellschaft erfahren hätte?

Ärgerlich ist auch ein sehr oberflächlicher Aufsatz des israelischen Historikers Amichai Alperovich, der sich mit Israels Isolation im internationalen Sport beschäftigt: Statt eine Analyse zu liefern, vermittelt er den Eindruck, die Boykotte gegen den jüdischen Staat seien stets bloß dem bösen Willen einzelner Sportfunktionäre geschuldet. Auch über die Geschichte der Makkabi-Spiele hätte man gerne mehr erfahren, als sich in der knappen Skizze des israelischen Historikers Haim Kaufman findet.

Es sind solche Ausreißer, die diesen Almanach eher als ungeordnete Sammlung irgendwelcher, irgendwie mit dem Sujet zusammenhängender Texte erscheinen lassen denn als wirklich lohnenden Aufriss des Themas. Der jüdische Sport, dieses wunderbare, große und lehrreiche Wissensgebiet, hätte Besseres verdient.

Gisela Dachs (Hg.): »Jüdischer Almanach. Sport«. Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2011. 206 S., 16,90 €

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