Genetik

Kinder Abrahams

Bei allen Unterschieden doch eine große Familie – auch ohne blaues Blut. Foto: proeye

Ist das jüdische Volk nur eine Erfindung? Hat es nach dem Untergang des Königreichs Juda vor rund 2.500 Jahren gar keine Diaspora jüdischer Stämme, sondern nur eine Welle jüdischer Missionarstätigkeit gegeben? Um diese provokanten Behauptungen des Historikers Shlomo Sand von der Universität Tel Aviv tobte in den letzten Monaten eine heftige Debatte. Laut Sand hätte es politische Folgen für die Legitimation des Staates Israel, wenn sich herausstellte, dass das über die Welt verstreute jüdische Volk gar keine gemeinsamen genetischen Wurzeln im Nahen Osten hätte, sondern nur die gleiche Religion teilte.

Aber wie sollte sich eine solche Frage durch das Studium schriftlicher Überlieferungen und interpretationsbedürftiger archäologischer Ausgrabungen beantworten lassen? Jetzt springt den Historikern die Genforschung bei. Zwei Forschergruppen haben unabhängig voneinander Proben aus dem Erbgut hunderter Juden aus verschiedenen Regionen Europas, Asiens und Afrikas auf Verwandtschaftshinweise untersucht und mit Proben der benachbarten nichtjüdischen Volksgruppen der jeweiligen Regionen verglichen – und können die mythische Diaspora nun naturwissenschaftlich bestätigen.

verwandt In New York, Seattle, Athen, Rom und Israel sammelte das Forscherteam um Harry Ostrer von der New York University DNA von 237 Personen, deren beide Großelternpaare einer der drei jüdischen Gemeinschaften der osteuropäischen Aschkenasim, italienisch-griechisch-türkischen Sefarden oder syrischen Mizrachim angehören. Verglichen wurden die Ergebnisse mit dem Erbgut von 418 Nichtjuden. Die Forscher untersuchten nicht das gesamte Erbgut, sondern vor allem besonders charakteristische Stücke der DNA, sogenannte SNPs (small nuclear polymorphisms, gesprochen »Snips«). Jeder SNP steht für eine Variation in der DNA, die in manchen Volksgruppen häufiger vorkommt als in anderen. Vergleicht man ausreichend viele SNPs – hier über 200.000 –, lässt sich abschätzen, mit welchen Volksgruppen eine Person verwandt ist.

»Die Studie stützt die Idee eines jüdischen Volkes mit gemeinsamer genetischer Historie«, sagt Ostrer, Leiter der Studie, die vor zwei Wochen im »American Journal of Human Genetics« veröffentlicht wurde. So sind die 237 jüdischen Testpersonen untereinander stärker verwandt als mit den nichtjüdischen Populationen der Regionen, aus denen Aschkenasim, Sefardim oder Mizrachim stammen. Dennoch hat es Genaustausch gegeben: »Die Durchmischung mit Europäern erklärt, warum so viele europäische und syrische Juden blaue Augen und blonde Haare haben«, sagt Ostrer. So haben zum Judentum konvertierte Khasaren (ein Turkvolk am Kaspischen Meer) ihre genetische Signatur im Erbgut der Aschkenasim hinterlassen. Das sefardische Erbgut hat zwischen 711 und 1492 in Spanien und Nordafrika maurische Prägung erfahren.

verstreut Politisch relevant könnte sein, dass die Forscher die Ahnen der untersuchten Juden tatsächlich im Nahen Osten verorten – aufgrund des Verwandtschaftsgrades mit den dortigen Volksgruppen. Die »genetische Kontinuität zwischen jüdischen Gemeinden und zeitgenössischen nichtjüdischen Populationen der Levante« sei »signifikant«, heißt es auch in einer zweiten Studie, die ebenfalls Anfang Juni im Fachmagazin »Nature« veröffentlicht wurde. Darin kommt das internationale Forscherteam des Evolutionsbiologen Richard Villems von der Universität Tartu in Estland sogar zu dem Schluss, dass die untersuchten Gemeinden wohl gemeinsame Vorfahren mit Zyprioten und Drusen teilen.

Der Beginn der Diaspora lässt sich anhand der genetischen Spuren auf vor etwa 2.500 Jahren terminieren. Damit bestätigen die Forscher die in der jüdischen Mythologie beschriebene Diaspora. Demnach sind nach der Zerstörung des jüdischen Staates durch den babylonischen König Nebukadnezar 586 v.d.Z. die Stämme Israels zunächst nach Babylon und Ägypten und dann über die Welt zerstreut worden. Ihre gemeinsame Abstammung blieb dabei in erstaunlichem Maße im Erbgut erhalten, obwohl die Stämme während der Jahrhunderte weitgehend isoliert voneinander blieben. Dazu trug wohl auch bei, dass es verhältnismäßig wenig Genaustausch mit den jeweiligen Nachbarn gab – sei es nun durch Ausgrenzung oder kulturelle Isolation.

verschieden Doch offenbar blieben nicht alle Stämme in der Diaspora so isoliert. Villems untersuchte jüdische Erbgutproben aus 14 Gemeinden, darunter auch solche in Äthiopien (Beta Israel) und Indien (Bene Israel und Cochini). Seit Langem rätseln Historiker, inwieweit diese Populationen im Zuge der Diaspora »verlorene« und damit genetisch verwandte Stämme repräsentieren. Eine Frage, die durchaus politische Dimensionen hat, da es auch um das Anrecht dieser Juden auf die israelische Staatsbürgerschaft geht. Generell stellt Villems sowohl für die indische als auch die äthiopische jüdische Gemeinde eine größere Ähnlichkeit mit den benachbarten nichtjüdischen Bevölkerungen fest als mit anderen Juden.

Zumindest die Juden im indischen Mumbai zeigten jedoch eine gewisse Verwandtschaft mit Bevölkerungsgruppen in der Region der Levante. Für die äthiopischen Juden könne er jedoch noch »keine klare Antwort« liefern, so Villems. Mit Sefardim und Aschkenasim scheinen sie nicht verwandt zu sein, jedoch weise ihr Erbgut gewisse Ähnlichkeiten mit semitischen Völkern auf. Ob sich diese Ähnlichkeit auf Israeliten beschränkt oder auf Semiten generell bezieht, kann Villems bislang nicht beantworten. Aber da sich die semitische Sprache der jüdischen Äthiopier aus Vorläufern der kanaanaischen Sprachen wie Hebräisch, Ugarit und Aramäisch entwickelt habe, wundere es ihn nicht, dass »die äthiopischen Juden viele genetische Variationen mit anderen Juden teilen«.

Doch in einem unterscheiden sich die Ergebnisse von Genforschung und Schriftenstudium nicht: Sie sind Gegenstand von Interpretationen in der Gegenwart. So werden die einen die genetische Einheit der jüdischen Gemeinden betonen, während andere die nichtjüdischen Einflüsse in den Vordergrund rücken werden. Ohnehin: »Judentum wird nicht genetisch bestimmt«, betont Villems, »darüber entscheiden Tradition und Religion«. Und Politik.

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