Gropius-Bau Berlin

»Intensiver Austausch«

Es waren jüdische und arabische Gelehrte, die im Mittelalter die Werke der Denker der Antike übersetzten und weiterentwickelten. Somit förderten diese Gelehrten die Entwicklung der Wissenschaft im Europa des Mittelalters. Die neue Ausstellung Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften im Berliner Martin-Gropius-Bau konzentriert sich auf die Bereiche Medizin und Astronomie. Sie zeigt anhand von alten Handschriften aus der Wiener Nationalbibliothek und Objekten sowie Repliken aus Berliner Sammlungen, dass der wissenschaftliche Fortschritt in Europa im kritischen Dialog zwischen den monotheistischen Religionen entstand.

Herr Fingernagel, eine Handschrift zeigt, wie im Mittelalter Gelehrte verschiedener Religionen miteinander gerungen haben: Der in Persien lebende islamische Arzt Avicenna leitet darin einen Disput mit jüdischen, christlichen und muslimischen Kollegen. Was sehen Sie in dieser Abbildung?
Diese Diskussionsrunde, die Avicenna, einer der berühmtesten Ärzte, als Vorsitzender leitet, setzt sich aus Gelehrten zusammen, die aus verschiedenen Zeiten, Völkern und Religionen stammen. Es ist eine Fiktion, aber gleichzeitig natürlich auch eine Idealvorstellung, wie sich ein Diskurs zu entwickeln hat. Die Einheit von Zeit und Ort ist etwas, was uns interessiert, was den mittelalterlichen Menschen überhaupt nicht interessiert. Die abgebildeten Personen streiten heftig miteinander. Die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Religionen und Ethnien versuchte der Maler mit verschiedenen turbanartigen Kopfbedeckungen zu dokumentieren. Diese Abbildung bringt diesen sehr intensiven Dialog zum Ausdruck.

Im Bild erkennt man durch die Beischrift auch den jüdischen Autor, Übersetzer und Astronomen Jakob ibn Tibbon. Was wissen wir über ihn?
Die Familie Tibbon war Opfer der Judenvertreibungen im 12. Jahrhundert unter den Almohaden (eine muslimische Berber-Dynastie in al-Andalus; Anm. d. Red.). Sie setzte sich dann nach Südfrankreich ab, nach Montpellier. Von diesem Stützpunkt aus haben die drei Übersetzer und Autoren der Familie Tibbon den ganzen Kanon astronomischer und medizinischer Schriften aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzt. Jakob Tibbon erfand zudem ein neues astronomisches Höhenmessgerät, das er Quadrans Judaicus (»jüdischer Quadrant«) nannte.

Das abgebildete Streitgespräch fand im »Haus der Weisheit« in Bagdad statt, das im 9. Jahrhundert entstand. Wie soll man sich dieses »bait al-hikma« vorstellen?
Das war eine akademieähnliche Vereinigung, in der sich sowohl Angehörige verschiedenster Religionen, vor allem jüdische Wissenschaftler und Gelehrte, aber auch viele nestorianische Christen (Angehörige der Assyrischen Kirche des Ostens; Anm. d. Red.) und natürlich Anhänger des Islam getroffen haben.

Inwieweit brauchten die Vertreter der Religionen zum Beispiel die Astronomen?
Die Fragestellung an die Astronomie kam oft von den Religionen, von allen Religionen. Die Berechnungen der Kalender waren von astronomischen Begebenheiten abhängig. Astronomen halfen auch, den Beginn und das Ende des Schabbat oder des Pessachfestes festzulegen. Muslime wiederum wollten wissen, in welche Richtung man die Gebetsnische ansetzt und die Gräber ausrichtet, damit sie in Richtung der heiligen Stätte in Mekka zeigen.

Sie zeigen auch ein Werk des bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters, Moses Maimonides.
Maimonides setzte sich als Mediziner sehr stark mit arabischer Medizin auseinander. Wir stellen sein in Spanien unter arabischer Herrschaft entstandenes Werk über die richtige Lebensführung, »Abhandlung über die Diät«, aus. Maimonides ist von den in Córdoba herrschenden Almohaden vor die Wahl gestellt worden, zum Islam überzutreten oder in die Emigration zu gehen. Er hat Zweiteres gewählt und wanderte nach Kairo aus, wo er Arzt geworden ist.

Allein die Buchdeckel können eine ganze Geschichte erzählen, zum Beispiel über die Diskriminierung der Juden in Mittel- und Osteuropa während des Mittelalters.
Im Gegensatz zu den Holzdeckel-Einbänden entstanden hauptsächlich bei hebräischen Handschriften in Österreich, Ungarn und Südostdeutschland sogenannte Lederschnitteinbände. Sie wurden von jüdischen Buchbindern gemacht, weil das Gerbergewerbe eines der wenigen war, zu dem Juden zugelassen wurden – aufgrund der unangenehmen Begleiterscheinungen, die das Gerben von Leder mit sich bringt.

Wie erkennen Sie, dass manchmal Christen jüdische Bücher illustrierten?
Das kann man daraus ersehen, dass die Initialen und der Buchschmuck oft verkehrt in die Handschriften eingemalt worden sind, weil es ihnen nicht geläufig war, wie die Leserichtung in einer hebräischen Handschrift ist, was oben und unten ist. Die Handschriften wurden nicht als Ganzes gebunden bemalt, sondern der Maler bekam jeweils ein Heft von acht Blättern, in das er seinen Buchschmuck einfügte.

»Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften 500–1500«, Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 4. März 2018. Mit dem Kurator der Ausstellung sprach Igal Avidan.

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