Psychologie

Ins Gesicht geschrieben

Staunen, wundern, lächeln – ein Blick ins Gesicht erzählt fast alles. Foto: Thinkstock

Das menschliche Unterbewusstsein fackelt nicht lange. Innerhalb weniger Sekunden fällt es sein Urteil darüber, ob uns andere gefallen oder nicht. Dies geschieht rund um die Uhr und immer dann, wenn wir auf einzelne oder mehrere Personen treffen, die uns völlig unbekannt sind – beispielsweise beim Schlendern durch eine belebte Fußgängerzone oder auf einer Party, wo gleich mehrere wildfremde Menschen in einem Raum zusammenkommen.

Wie das funktioniert und nach welchen Kriterien unser Gehirn dabei arbeitet, damit beschäftigen sich seit Jahren Wissenschaftler des Federmann Center for the Study of Rationality der Hebräischen Universität in Jerusalem in Kooperation mit ihren Kollegen in Princeton in den Vereinigten Staaten sowie in Utrecht in den Niederlanden im Rahmen einer groß angelegten Studie. Nun wurden die Ergebnisse ihrer Forschungen in dem renommierten Fachjournal »Nature Human Behaviour« veröffentlicht.

Dominanz »Zwei Typen werden unbewusst immer wieder im Verlauf dieser Prozesse sofort im Gehirn herausgefiltert«, weiß Projektleiter Ran Hassin zu berichten. »Und zwar jene, die wir unmittelbar mit Dominanz oder mit potenzieller Bedrohung in Verbindung bringen, sowie solche, die uns direkt als vertrauenswürdig erscheinen. Alle anderen werden interessanterweise ignoriert und treten irgendwie in den Hintergrund.«

Zwar ist längst bekannt, dass im Kopf durch Mimik und Körpersprache sowie den Klang der Stimme einer anderen Person der berühmte erste Eindruck entsteht, der sich kein zweites Mal wiederholen lässt. »So werden beispielsweise Gesichter mit großen Augen von den meisten Menschen als ehrlicher wahrgenommen und feminine Merkmale als weitaus weniger bedrohlich«, erklärt der Experte. »Aber was sich wirklich da oben abspielt und warum, das ist immer noch weitestgehend ein Rätsel.«

Reize Um diesem auf den Grund zu gehen, entwickelten die Wissenschaftler einen neuen Ansatz. Im Rahmen von sechs Versuchsreihen zeigten sie 174 Teilnehmern rund 300 Bildkombinationen, die sich in rascher Reihenfolge fortlaufend veränderten. Dabei bekam das eine Auge ausschließlich menschliche Gesichter zu sehen, während das andere ständig mit wechselnden geometrischen Figuren bombardiert wurde.

Die Teilnehmer waren angehalten, eine Computertaste zu aktivieren, sobald sie ein menschliches Gesicht zu erkennen glaubten. Aufgrund der Tatsache, dass die Versuchspersonen mit einem wahren Tsunami an optischen Reizen überschüttet wurden, keine leichte Sache. Es brauchte schon einige Sekunden, um das Gesehene auch wirklich zu erfassen und die Informationen zwecks Weiterverarbeitung an das Gehirn zu leiten.

Den Forschern fiel in diesem Zusammenhang auf, dass die Gesichtszüge, die mit Dominanz und einer potenziellen Bedrohung in Verbindung gebracht wurden, am schnellsten wahrgenommen wurden.

Algorithmen Womöglich ist das evolutionsbedingt. »Während wir uns in der Welt bewegen, wird unser Unterbewusstsein mit einer enormen Herausforderung konfrontiert«, betont Hassin. »Es muss die ganze Zeit Entscheidungen fällen, welche Reize es ›verdienen‹, vom Bewusstsein registriert zu werden, und welche nicht.«

Das läuft nach bestimmten Mustern und Gesetzmäßigkeiten ab, die sehr stark an Computer-Algorithmen erinnern. »Und in diesen haben Dominanz und potenzielle Bedrohung offensichtlich oberste Priorität. Wir konnten anhand der Aktivierung der Computertasten geradezu in Echtzeit sehen, mit welcher Geschwindigkeit Bilder, die diese Eindrücke vermittelten, via Unterbewusstsein dann das eigentliche Bewusstsein erreichten, erfasst und verarbeitet wurden.«

Für ihn als Wissenschaftler, der sich seit über einem Jahrzehnt damit beschäftigt, wie und wo im menschlichen Gehirn Entscheidungsprozesse ablaufen und auf welche Weise dann Gedächtnis, Motivation oder Meinungen entstehen können, sind die Ergebnisse ein Meilenstein in der Forschung. »Uns werden so Einblicke in die Abläufe des Unterbewusstsein ermöglicht, die unser Ich und unser Sein nachhaltig bestimmen«, glaubt Hassin. Alle diese Abläufe unterliegen aber gewissen Dynamiken und sind nie statisch. Zudem spielen Intentionen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Partner »Sind wir als Single auf der Suche nach einem Partner für ein paar romantische Stunden, arbeitet unser Gehirn bei der Wahrnehmung von Menschen anders, als wenn man sich bereits in einer Beziehung befindet.« Es selektiert dann ganz unbewusst zwischen sympathisch und unsympathisch. Ähnliches gilt für den Drang, möglichen Gefahren aus dem Weg zu gehen. »Dann picken sich unsere Augen bedrohlich wirkende Gesichter in der Menge rasch heraus und meiden sie.«

Doch die Forschungen in Jerusalem dienen mehr als nur dem Erkennen von Abläufen im Gehirn. Sie sollen auch Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder anderen Syndromen zugutekommen. »Vor allem Patienten mit schweren Depressionen neigen dazu, eher deprimierte als andere Gesichter wahrzunehmen, was ihrem Zustand nicht gerade förderlich ist«, so der Wissenschaftler. »Vielleicht lässt sich das Gehirn dahingehend trainieren, genau das zu vermeiden.«

Auch Autisten ließe sich womöglich helfen, die Mimik anderer Menschen überhaupt deuten zu können, wenn man auf diese Algorithmen im Kopf Einfluss nehmen kann. »Das ist alles noch ein wenig Science-Fiction«, lautet Hassins Fazit. »Aber wir arbeiten daran.«

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