Geschichte

Im Auge des Künstlers

Selbstbildnis in besseren Zeiten: Max Liebermann, »Familie« (1926) Foto: dpa

Die zuletzt immer leidenschaftlicher geführte Debatte um Raubkunst und Restitution hatte ein Gutes: Erstmals fiel ein Schlaglicht auf die Bedeutung jüdischer Kunstsammler und Mäzene. Standen dabei zunächst ihre oft dramatischen persönlichen Schicksale im Vordergrund, so rücken nun ihre Sammlungen und ihre Aktivitäten als Mäzene und Förderer der Kunst immer mehr in den Fokus. Dass es hier noch immer große Lücken gibt, inzwischen gleichwohl vieles ans Tageslicht geholt wurde, machte nun eine Tagung des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums (MMZ) deutlich.

Nicht zufällig wurde für die Veranstaltung jenes Haus im Herzen Berlins gewählt, dessen ehemaliger Bewohner wie kein Zweiter für den Aufbruch in die Moderne in Deutschland steht: das Liebermann-Palais am Pariser Platz. Max Liebermann wird in erster Linie als Künstler wahrgenommen. Weniger bekannt ist seine Sammelleidenschaft. Sein Herz schlug für französische Maler: Manet, Monet oder Degas. Liebermann habe, so die Historikerin Monika Tatzkow, mit den Augen des Künstlers gesammelt. Als Kopf der »Berliner Secession« und später als Präsident der Akademie der Künste sei Liebermann auch ein »kulturpolitischer Strippenzieher« gewesen.

dienst Ein Verwandter im Geiste war der umtriebige Kunsthändler Paul Cassirer. Mit feinem Gespür für die künstlerische Avantgarde kaufte auch er die »neuen Franzosen« an. Cassirer verkörpert zugleich jenen Typus des Händlers, der sich auch intellektuell mit Fragen zur Kunst auseinandersetzte. Ein Streiter für die Kunst, der, so der Berliner Cassirer-Experte Christian Kennert, dem Kaiserreich zwar kritisch gegenüberstand, es aber nicht ablehnte. Cassirer wie Liebermann haben ihr Streiten für die Moderne immer auch als kulturpolitischen Dienst am Vaterland verstanden. Cassirers mit seinem Cousin Bruno 1898 eröffnete Galerie war bahnbrechend. Zusammen mit der Berliner Secession, so Kennert, sei sie die »Keimzelle der modernen Kunst in Deutschland« gewesen. Mit der 1908 ins Leben gerufenen Pan-Presse eröffneten die Cassirers Künstlern wie Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth und Schriftstellern wie Walter Hasenclever oder Else Lasker-Schüler eine Bühne. Harry Graf Kessler nannte seinen Freund Paul Cassirer den »Generalstabschef der modernen Kunst«.

Eine andere schillernde Gestalt war Alfred Flechtheim. Als er 1921 von Düsseldorf nach Berlin umzog, war das auch ein Signal für die Bedeutung Berlins als Kulturmetropole. Flechtheim liebte das Leben eines Großbürgers so sehr wie die Kunst. Berühmt waren die Diners in der vornehmen Bleibtreustraße, die Prominente und Künstler anzogen. Flechtheims Galerie war legendär, nicht minder seine private Sammlung, dessen Herzstück eine Reihe von Picassos bildete. Umso schmerzlicher erlebte er den sozialen Abstieg. Hatte schon die Weltwirtschaftskrise sein Unternehmen arg gebeutelt, so versetzten die Nazis seinem Lebenstraum den Todesstoß. Ins Exil getrieben, hat er den Verlust seiner 1933 liquidierten Firma nicht verkraftet. Über den Galeristen Walter Feilchenfeldt in Zürich versuchte er noch, Werke vor dem Zugriff der Nazis zu retten, musste aber die Herzstücke seiner privaten Sammlung teils zu Schleuderpreisen veräußern. Flechtheim starb 1937 völlig verarmt in London, seine in Deutschland verbliebene Frau Betty nahm sich kurz vor der Deportation 1941 das Leben.

wehmut Viele Werke aus Flechtheims Sammlung tauchten nach 1945 in Museen wie dem MoMA in New York auf oder verschwanden in privaten Sammlungen. Der Fall Flechtheim steht exemplarisch für die Zerstörung bedeutender Kunstsammlungen. Ein Kulturverlust, so MMZ-Direktor Julius Schoeps, von dem sich Deutschland nie erholt habe. Schoeps erinnerte an die Restitutionsdebatte vor einigen Jahren um zu Höchstpreisen versteigerte Picasso-Gemälde aus der Sammlung seines Großonkels Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Wie die Bankiers Franz von Mendelssohn und Robert von Mendelssohn-Bartholdy, der Unternehmer Eduard Arnold oder James Simon gehörte er zu jenen, die auf der Basis ihres sozialen Aufstiegs im Kaiserreich zu Förderern der Kunst wurden. Ein illustrer Kreis meist jüdischer Bürger, die mit ihrem Engagement nicht zuletzt ein Bekenntnis zur europäischen Kultur abgaben. Zwischen 1900 und 1933 konnte Berlin vor allem dank der zahlreichen jüdischen Sammler und Mäzene als Zentrum der Moderne gelten. Doch diese Epoche, so Schoeps wehmütig, »ist ein für allemal vorbei«.

Heidelberg

»Bitte zieht euch nicht zurück!«

Nach ihrer Hochschulrede stellte sich Bundesbildungsministerin Karin Prien Fragen aus der jüdischen Gemeinschaft und den Universitäten

von Ayala Goldmann  23.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  23.01.2026

Jerusalem

Dem Vergessen entrissen

In der neuen Yad-Vashem-Ausstellung »Living Memory« werden ausgewählte Gegenstände aus dem Archiv der Schoa-Gedenkstätte gezeigt. Das Schicksal ihrer ehemaligen Besitzer wird dadurch greifbar

von Joshua Schultheis  23.01.2026

Streaming

Jerry Lewis: »From Darkness To Light« jetzt abrufbar

Der SWR zeigt einen Dokumentarfilm über die Entstehung einer nie gezeigten Holocaust-Komödie von und mit dem jüdischen Komiker Jerry Lewis

 23.01.2026

TV-Kritik

3sat-Komödie über einen konvertierenden Juden: Star-Comedian Gad Elmaleh spielt sich selbst

Ein Jude möchte wegen seiner Verehrung der Jungfrau Maria zum Katholizismus übertreten, ohne seine jüdische Familie zu verprellen. 3sat zeigt die autobiografisch gefärbte Komödie des französischen Komikers Gad Elmaleh

von Kira Taszman  23.01.2026

Dokumentation

»Grund zur Sorge und Grund für Hoffnung«

Auszüge aus der Heidelberger Hochschulrede von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über antisemitismuskritische Bildungsarbeit

von Karin Prien  23.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  23.01.2026 Aktualisiert

Toronto

Israelischer Comedian wird stundenlang am Flughafen festgehalten

Guy Hochman braucht Hilfe von Israels Außenminister Gideon Sa’ar, um nach Kanada einreisen zu können. In New York verhindern Israelhasser einen Auftritt

von Imanuel Marcus  23.01.2026 Aktualisiert

"Dschungelcamp"

»Mir tut es leid«: Gil Ofarim überrascht mit Entschuldigung 

Der Sänge steht unmittelbar vor dem Start der Staffel erneut im Mittelpunkt der Debatte

 23.01.2026