Raubkunst

Hamburg ermittelt

Im Zuge diskriminierender Steuer- und Vermögensgesetze konfiszierten die Nazis generalstabsmäßig das Silber jüdischer Besitzer. Seit Februar 1939 stand der Besitz von Edelmetallen mit Ausnahme eigener Trauringe, einer silbernen Uhr, zwei silberner Essbestecke pro Person sowie einer kleinen Anzahl von Schmuckstücken unter Strafe. Zynischerweise wurden die einkassierten Gegenstände als »Metallspende an das Reich« bezeichnet. Eingeschmolzen füllten sie die NS-Staatskasse.

Silberobjekte, die diesem Los entgingen, könnten Raubkunst sein. So wurde etwa der teilvergoldete Buckelpokal mit Deckel und Allianzwappen der Nürnberger Patrizierfamilien Löffelholz und Imhoff, welcher der Firma A.S. Drey gehört, im Juni 1936 versteigert und wird heute im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) aufbewahrt. Bis jetzt besteht erheblicher Klärungsbedarf unter anderem beim Umgang mit Silberschätzen in Museen.

In der »Gemeinsamen Erklärung« 60 Jahre nach dem NS-Silberraub, im Dezember 1999, bekräftigten Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände ihre Bereitschaft, »zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz« beizutragen. Öffentliche Wahrnehmung erfuhr in diesem Zusammenhang bislang weitgehend der Gemäldebesitz in Museen. Angewandte Kunst blieb außen vor. Hamburg beendet diesen Zustand nun und provoziert mit der Sonderschau »Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG« unvermeidlich auch Rückschlüsse auf Versäumnisse andernorts.

»Das MKG betreibt als erstes Museum der angewandten Kunst systematisch und proaktiv Provenienzforschung und will die Aufmerksamkeit für diese wichtige wissenschaftliche Disziplin erhöhen«, sagt Michaela Hille vom MKG. Man habe frühzeitig die »Dringlichkeit« erkannt und finanziere die Forschungsstelle, unterstützt durch die Justus Brinckmann Gesellschaft und Claussen-Simon-Stiftung, inzwischen sogar selbst.

Provenienz 1958 hatte die Stadt Hamburg mit der Jewish Trust Corporation einen Abgeltungsbetrag für Silberbestände vereinbart, die nicht an jüdische Familien restituiert werden konnten. 1960 und 1961 wurde rund eine Tonne Silber auf Hamburger Museen verteilt. Doch erst neuerdings geht das MKG Einzelfällen auf den Grund. Seit 2010 prüft Silke Reuther Objekte, die zwischen 1933 und 1945 ins Haus gekommen sind. Auch vor künftigen Ankäufen soll die Provenienz geklärt sein, und das will man nicht mehr Dritten überlassen.

Derweil zeigen sich die World Jewish Restitution Organization (WJRO) und die Jewish Claims Conference (JCC) auf der Grundlage von Ergebnissen aus 50 untersuchten Ländern enttäuscht: Trotz internationaler Absichtserklärungen gebe es zu geringe Fortschritte bei der Herkunftsermittlung. Vergessen wird dabei leicht der Umfang der zu erbringenden Forschungsleistung. Kunst aufzuspüren, die Juden verfolgungsbedingt entzogen worden ist, ist eine langwierige Fahndungsaufgabe. Dabei sind die Geschichten und Lebensschicksale, die ein Kunstwerk erzählen kann, so spannend, dass es verwundert, nicht weit mehr Museen bei ihren Forschungsanstrengungen über die Schulter schauen zu können.

Das MKG macht als erstes deutsches Haus seine Herkunftsuntersuchungen zum Gegenstand einer aufregenden, breit angelegten Schau. Der Ansatz ist neu. Rund 100 Exponate erzählen aus ihrem Vorleben. Keine chronologische, thematische, ikonografische Ordnungsstruktur wurde gewählt, vielmehr ist die erwerbsgeschichtliche Perspektive der Werke das Strukturmerkmal. Sortiert wurde nach Sammlerinteressen und Handelsoperationen. Betont wird, dass es sich um eine »Momentaufnahme in einem Prozess kontinuierlicher Aufarbeitung« handelt. Insgesamt stehen allein mehr als 600 Kunstwerke, die in der NS-Zeit vom MKG erworben oder dem Haus geschenkt wurden, in flackerndem Licht.

Testament Besonders bewegt hat Silke Reuther, was dem Ehepaar Henry (1840–1928) und Emma Budge (1852–1937) widerfuhr. In keinem anderen Fall fand die Kunsthistorikerin bisher Nazi-Zwangsmaßnahmen so ausführlich dokumentiert wie hier. 1933 setzte Emma Budge ihre jüdischen Verwandten als Erben ein. Anders als zuvor verfügt, schloss sie jeglichen Nutzen für Hamburg ausdrücklich aus.

Doch ihre Bestimmungen wurden nicht nur missachtet, sondern konterkariert. Nach ihrem Tod wurde die Kunstsammlung bei Paul Graupe und Hans W. Lange in Berlin unter Wert versteigert und ihr Palais Sitz des Hamburger Reichsstatthalters und NSDAP-Gauleiters Karl Kaufmann. Budges Erbe floss in die NS-Kasse. 2011 konfrontierten die Nachkommen Hamburg mit Wiedergutmachungsansprüchen, welche die Immobilie und den 1987 im MKG wiedererrichteten Spiegelsaal betrafen. Das Resultat war eine Ausgleichszahlung.

Der Spiegelsaal ist heute Symbol für den Willen zur Aufklärung. Erstmals stelle »ein Museum seine eigenen Fälle so ausführlich vor«, so das MKG auf Anfrage. Ziel sei der »ergebnisunabhängige Einblick«. Dabei werden aktuelle Forschungsergebnisse laufend eingearbeitet. Die Zeit der Trophäenausstellungen ist vorbei. Museen sind keine Kunstarsenale mehr, die Gegenstände aus Feldzügen horten.

Die Vorbereitungen zur Transparenzoffensive des MKG begannen vor gut einem Jahr. Ein zentraler Aspekt ist, das Verständnis des Publikums zu fördern. Die Aufarbeitung bereichert Wissenschaft wie Besucher – selbst wenn für ein Museum daraus einmal der Verlust eines Stückes resultiert.

»Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG«. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 1. November 2015

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