EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Theologie

Guter Gott, böser Gott

Licht oder Dunkel? Foto: JA

Der Mainzer Theologe Sebastian Moll gibt in seinem Buch Die christliche Eroberung des Alten Testaments einen knappen Überblick über den Umgang der Christen mit ihrer Herkunftsbibel. In angenehm witziger Sprache erzählt Moll von den frühen Kirchenvätern und ihren unterschiedlichen Lösungsansätzen für den Umgang mit der jüdischen Bibel. Marcion und Ptolemäus etwa schrieben im 2. Jahrhundert u.Z. die Ursprungsbibel schlicht einem anderen Gott als dem ihren zu. Das Christentum hätte demnach einen neuen eigenen Gott, der mit dem Gott der Juden nichts gemein hat.

Um die Sichtweise Marcions zu veranschaulichen, greift Moll leider in eine alte antijudaistische Schublade und zitiert einen der »berühmtesten Kontraste« zwischen beiden Büchern: »Im Alten Testament heißt es ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn’, im Neuen Testament aber heißt es ‘wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar’.«

heilsplan Dieses Zitat wird bis heute benutzt, um Juden und ihren Gott als rachsüchtig zu kennzeichnen. Ajn tachat ajn (Auge für Auge) hat aber eine ganz andere Bedeutung, nämlich als Grundlage für Ausgleichs- und Vergleichsfälle. Das findet bei Moll aber keine Erwähnung. Im weiteren Verlauf beschreibt Moll die Haltungen anderer Theologen des 2. Jahrhunderts zu ihrer Herkunftsbibel. Apelles wertete sie als Märchenbuch ab. Justin behauptete, dass es sich beim Gott der Juden und der Christen zwar um denselben handelt, dass aber der Bund mit den Juden hinfällig sei, weil die Juden ein sündhaftes und hartherziges Volk wurden. Für Irenäus von Lyon gehört das »alte Testament« allein den Christen, die Juden haben sich »von der Offenbarung Gottes abgewandt«. Hinzu kommt bei ihm der Vorwurf des »Gottesmords«, der jedoch im Heilsplan Gottes mit vorgesehen sei.

Dann springt Moll ins 20. Jahrhundert zu Adolf von Harnack, dem er ein positives Bild von Juden und ihrer Bibel attestiert, obwohl Harnack das alte Testament »den Juden zurückgeben« wollte, da ihm die »kanonische Autorität nicht gebührt«. Auch aktuelle Fragen greift Moll auf. So kritisiert er die Erklärung der evangelischen Kirche, Juden nicht missionieren zu wollen, weil »nicht etwa theologische oder exegetische Erkenntnisse ... zu dieser Neuinterpretation des Alten Testaments ... geführt haben, sondern die politisch-gesellschaftliche Atmosphäre unseres Landes«. Wenn man von der fragwürdigen Begründung einmal absieht, muss man zugeben: Das ist ein Einwand, der rein wissenschaftlich gültig sein könnte – aber soll man eine exegetisch »korrekte« Theologie, die eben judenfeindlich ist, beibehalten, nur weil sie sich theologisch glatt begründen lässt?

überblick Molls Versuche, die Ablehnung des alten Testaments durch Christen als judenfreundlicher darzustellen als dessen vollständige Vereinnahmung, sind nicht überzeugend. Die bittere Wahrheit ist, dass sowohl die Ablehnung als auch die Vereinnahmung der Ursprungsbibel mit judenfeindlichen Begründungen einherging. Dennoch ist das Buch durchaus empfehlenswert. Es bietet nämlich tatsächlich einen guten kurzen Überblick über die frühchristlichen Denker und einen guten Einblick in das heutige Verständnis eines jungen Theologen, der ganz in der Tradition des protestantischen Bürgertums um seine Beziehung zu den Juden ringt.

Sebastian Moll: Die christliche Eroberung des Alten Testaments, Berlin University Press, Berlin 2010, 80 S., 19,90 €

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026