Lyrik

»Gott, such dir ein andres Volk«

Themenschwerpunkt: Exil und weibliche Rollenspiele Foto: campus

Lyrik

»Gott, such dir ein andres Volk«

Ein Sammelband mit Werken jiddischer Dichterinnen des 20. Jahrhunderts

von Judith Kessler  30.09.2013 21:52 Uhr

Anna Margolin, Kadja Molodowsky, Malka Heifetz Tussman und Rochl Korn waren jüdische Frauen, die aus der Tradition ausbrachen und dazu beitrugen, das männliche Monopol in der jiddischen Literatur zu durchbrechen.

Alle vier wurden Ende des 19. Jahrhunderts geboren, wuchsen im jiddischsprachigen Osteuropa auf, erhielten eine für Mädchen ungewöhnlich gute Ausbildung, wanderten in die USA oder nach Kanada aus, lebten zeitweise in Eretz Israel und wurden durch die Schoa ihrer europäischen Wurzeln beraubt. Sie gelten im englischsprachigen Raum heute als die wichtigsten Vertreterinnen jiddischer Lyrik.

Unterschiede Trotz ihrer Gemeinsamkeiten – alle waren politisch links, griffen soziale Themen auf, sahen sich zwar nicht als Feministinnen, wandten sich aber vehement gegen die Marginalisierung von Frauen – hatten die vier Lyrikerinnen eine sehr unterschiedliche Sicht auf die Welt. Das zeigt eine kürzlich erschienene Auswahl ihrer Gedichte, übersetzt und herausgegeben von Peter Comans.

In den Poemen geht es um das Exil, die verlassene Heimat, aber auch um weibliche Rollenspiele beziehungsweise deren Verweigerung, wie etwa in dem 1929 in New York geschriebenen Gedicht Ich bin gewejn a mol a jingling der in Weißrussland als Rosa Lebensbojm geborenen Anna Margolin (1887–1952):

»Ich war vor langer Zeit ein Jüngling,/ hab bei den Säulen Sokrates gehört./Hab meinen Busenfreund und Liebling,/den schönsten Torso von Athen begehrt./

War Cäsar. Und habe eine helle Welt/gebaut aus Marmor, war ihr letzter/und hab zum Weibe auserwählt/mir meine stolze Schwester./Bekränzt mit Rosen und beim Wein bis spät/hab ich gehört in hochmütigem Frieden/von jemand schwächlichen aus Nazareth/und wilde Reden über Juden.«

Kindheit Malka Heifetz Tussman (1896–1987), in eine chassidische Familie in der Westukraine geboren, ist wohl die poetischste der vier Lyrikerinnen. Natur, Liebe und die unbeschwerte Kindheit auf dem Land spielen eine große Rolle in ihrem Werk. Noch mit 90 Jahren schreibt sie 1977 in Tel Aviv:

»Steh mir bei, dass ich um Himmels Willen nicht sage,/gerade jetzt,/in der Reife meiner Jahre:/Spann die Pferde aus, Mikita,/ich fahr ja doch/nirgendwo mehr hin./Steh mir bei,/dass ich um Himmels Willen/so etwas nicht sage.«

Großen Raum nimmt in den Werken die Schoa ein, die den Frauen ihre Ohnmacht deutlich werden lässt, das Ende aller Normalität und Orientierung. Kadja Molodowsky (1894–1975) beginnt 1946 ihr Gedicht Der mejlech Dowid alejn iz gebliebn:

»Gnädiger Gott,/such dir ein andres Volk,/einstweilen./Wir sind müd vom Sterben und Gestorben./Wir haben kein Gebet mehr./such dir ein andres Volk,/einstweilen./Wir haben keinen Tropfen Blut mehr,/ uns zu opfern./Zu einer Wüste wurde unser Haus./Die Erde ist zu eng für unsre Gräber./Keinen Gesang der Trauer gibt es mehr für uns,/kein Lied der Klage mehr/in unsren alten Schriften.«

Trauer Rochl Korn (1898–1982), die ihre Familie in der Schoa verlor, thematisiert in ihrem Nachkriegswerk die Trauer über den Verlust ihres Volkes und ihrer Lebenswelt. 1947 schreibt sie in Stockholm A naj klejd:

»Angezogen hab ich heut/zum ersten Mal/nach sieben langen Jahren/ein neues Kleid./Doch es ist zu kurz für meine Trauer/und zu eng für mein Leid,/und ein jeder weiß-gläserner Knopf –/wie eine Träne ist er,/die fließt, die Falten hinab,/versteinert und schwer.«

Die Schoa bedeutete auch das Ende der osteuropäischen jüdischen Kultur. Fortan gab es kaum mehr Verfasser oder Leser jiddischer Poesie. Splitter von Licht und Nacht ist eine Hommage an die Dichterinnen und ihre vernichtete Welt.

Peter Comans (Hg.): »Splitter von Licht und Nacht«. Jiddische Gedichte von Anna Margolin, Kadja Molodowsky, Malka Heifetz Tussman und Rochl Korn. Campus, Frankfurt/M. 2013, 452 S., 34,90 €

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026