Die tschechische Literaturwelt hat nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen im August 1968 ein Wunder vollbracht: Alle wirklich wichtigen Autoren, alle unsere Großen haben sich dem neuen Regime nicht angepasst – oder sie emigrierten wie Josef Škvorecký und Milan Kundera. Nur drei der damals viel gelesenen und bekannten Schriftsteller sind umgefallen und wurden »zugelassen«: Ladislav Fuchs, Jiří Šotola und Vladimír Páral. Ansonsten stieg unsere gesamte Literatur in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Untergrund ab – und man publizierte nur dort. Auch viele junge Leute, also die zukünftigen »Doch-auch-gerne-Literaten« wie ich, sahen nur diese eine Perspektive vor sich.
Der Schriftsteller Ludvík Vaculík – Autor des »Manifests der 2000 Worte« vom Frühjahr 1968 – gründete die erste und bis heute bekannteste Samisdat-Edition des Landes. Sie hieß Petlice (Riegel) und diente als Vorbild für viele andere Herausgeber der folgenden zwei Jahrzehnte.
Das Wort »Samisdat« kommt aus dem Russischen und bedeutet so viel wie »Selbstverleg(t)«
Das Wort »Samisdat« kommt aus dem Russischen und ist für Slawen leicht zu entziffern. Ins Deutsche umgewandelt, könnte man dafür das Schrumpfwort »Selbstverleg(t)« kreieren. Von einem »Verlag« (Isdatjelstwo) sollte damals aus rechtlichen Gründen lieber nicht die Rede sein.
Ich fühle mich zwar nicht wirklich alt, mit Schrecken denke ich jetzt aber daran, dass ich von Dingen spreche, die teilweise mehr als 50 Jahre zurückliegen. Als ich einmal einen Literatur-Workshop für Schulkinder gestaltet habe, begeisterten sie sich vor allem für meine alte Schreibmaschine – in ihren Augen war das kleine Monster ein Wunder. Sie »übertrug« mittels Tasten und schmalen Hebeln wie aus dem Nichts – dafür recht laut – Buchstaben auf ein Blatt Papier, das um eine fahrende Walze gespannt war.
Da meine Mutter schon seit dem Ende der 50er-Jahre Redakteurin von »Literární noviny« war, der Zeitung des Literaturverbandes, gehörte sie, wie später auch Ludvík Vaculík, zum Kern der Redaktion. Nach deren endgültigen Auflösung im Frühjahr 1969 traf sich dieser »Freundeskreis« regelmäßig in verschiedenen Wohnungen – unter anderem bei uns zu Hause.
Das Gros meiner Sammlung besitze ich nicht mehr
Wenn Vaculík an den Treffen teilnahm und Exemplare seiner Edition frisch abgetippt und gebunden waren, brachte er sie mit. Und meine Mutter kaufte ihm regelmäßig seine Bücher ab – natürlich auch meinetwegen. Wenn ich zu Besuch kam, blieb mir für die Lektüre meistens nur sehr wenig Zeit. Das Gros meiner Sammlung besitze ich nicht mehr, vieles habe ich bereits vor Jahren der Prager Samisdat-Bibliothek »Libri prohibiti« übergeben.
Die Manuskripte wurden auf Schreibmaschinen abgetippt, meistens mit neun Durchschlägen.
Man kann sich das heute kaum vorstellen: Die angenommenen Manuskripte wurden privat auf robusten Schreibmaschinen abgetippt, meistens mit neun Durchschlägen. Die jeweilige Auflage betrug dann eben zehn Stück. Die Bücher kosteten aber trotzdem nur so viel, wie für die Bezahlung der Schreibkräfte und Buchbinder nötig war.
Falls sich jemand wundern sollte, warum in keinem der Bücher der Name der jeweiligen Edition vermerkt ist: Die Exemplare galten formal als private Abschriften, die der Autor an seine Freunde verschenken konnte. Und auf einem der vorderen Blätter stand, dass es verboten sei, diese Typoskripte weiterzuverbreiten.
Aus Angst, doch zur Rechenschaft gezogen zu werden, unterschrieben manche Autoren ihre Bücher lieber nicht. Viele erschienen außerdem unter Pseudonym. Trotz allem wurden sie aber natürlich auch ins Ausland geschmuggelt, wo sie von Exilverlagen herausgegeben werden konnten.
Für lange Jahre inhaftiert
Ludvík Vaculík war so bekannt, dass er nicht einmal im Zusammenhang mit der von ihm mitgegründeten Charta 77 ins Gefängnis musste. Viele jüngere Samisdat-Herausgeber, Mitglieder des musikalischen Underground und andere mutige Akteure des kulturellen Widerstands wurden dagegen für lange Jahre inhaftiert. Sie wurden dauerhaft bedroht, gedemütigt, körperlich misshandelt – bis einige schließlich das Land verließen.
Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im August 1968 wurde ich auch politisch radikal. Die anschließende Gleichschaltung der Kultur empfand ich als eine Katastrophe – und wurde ein Bewunderer der einzigen Rockband, die sich dem Druck während der sogenannten Normalisierung nicht beugte – bis sie zu einer musikalischen Ikone des Underground wurde: »The Plastic People of the Universe«.
Mein erstes, noch tschechisch geschriebenes Buch erschien Mitte der 80er-Jahre in Prag in der Edition von Sergej Machonin. In Ost-Berlin, wohin ich 1978 zog, war die Situation eine ganz andere. Meine wichtigste »Publikationsmöglichkeit« bestand hier eher in den zahlreichen Wohnungslesungen, und irgendwann erschienen meine Texte auch im Westen.
Die Mächtigen haben in der Tschechoslowakei letzten Endes hoch verloren. Die Gesamtheit der Samisdat-Bewegung – in den 70er- und 80er-Jahren wurden immer neue und neue Editionen gegründet – bewahrte alle Schätze unserer authentischen, also im Bewusstsein der geistigen Freiheit entstandenen Literatur für die Zukunft.
Der Autor, 1951 in Prag geboren, ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Sein
jüngster Roman »Trottel« erschien 2022 bei Kiepenheuer & Witsch und
wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet.