Sprachgeschichte(n)

Esoterik und Intrigen

Dauerbrenner: Schillers »Kabale und Liebe«, hier im Berliner Ensemble Foto: imago

Unlängst erschien im Duden-Verlag ein Bändchen mit dem makabren Titel Wortfriedhof. Es enthält »Wörter, die uns fehlen werden« – nach Einschätzung der Redaktion: »Im vorliegenden Wörterbuch soll einmal der Blick in die Vergangenheit gerichtet werden: auf all die schönen Wörter, die uns möglicherweise aus der Kindheit oder aus der Lektüre älterer Texte noch bekannt sind, die wir aber selbst nicht gebrauchen und auch schon seit Jahren nicht mehr gehört haben.«

perfidie Eines dieser angeblich vom Aussterben bedrohten Wörter findet man auf Seite 41: »Kabale = Intrige«. In diesem Fall allerdings scheint die Todesmeldung etwas voreilig zu sein. Schillers Drama Kabale und Liebe, durch Leander Haußmanns letztjährigen Fernsehfilm noch einmal popularisiert, steht nach wie vor auf deutschen Theaterzetteln. Zudem taucht das Wort in politischen Analysen der Medien immer wieder auf. Die Süddeutsche Zeitung überschrieb einen Bericht über Silvio Berlusconi »Kabale, Triebe und Halleluja«. Die Wiener Kronenzeitung zitierte aus David Rockefellers Erinnerungen eines Weltbankiers: »Einige meinen gar, wir sind Teil einer geheimen Kabale.«

Der Online-Duden nennt als Synonyme für Kabale »Arglistigkeit, Gemeinheit, Heimtücke, Hinterhältigkeit, Hinterlist, Machenschaften, Niederträchtigkeit, Ruchlosigkeit, Tücke, Winkelzüge; (gehoben) Arglist, Machination, Niedertracht, Perfidie; (bildungssprachlich) Intriganz; (derb) Hinterfotzigkeit; (abwertend) Falschheit, Infamie, Verschlagenheit; (gehoben veraltend) Ränke; (Jargon) Mobbing«.

england Woher aber stammt dieses – auch im Englischen und Französischen bekannte – Lexem, das unverständlicherweise nicht im Duden-Herkunftswörterbuch verzeichnet ist? Es gibt amüsante volksetymologische Deutungen. Der große britische Historiker Thomas B. Macaulay beispielsweise schrieb in seiner Geschichte von England (1848–1861): »Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort cabal gleichbedeutend mit cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen bestand nämlich das Kabinett im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren Namen die Anfangsbuchstaben das Wort CABAL bildeten, es waren Clifford, Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale.

Durch diese Anwendung erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, dass es seitdem nur als ein Vorwurf gebraucht wird.« Spöttelnd übernahm D. Sanders dies in seinem Wörterbuch der deutschen Sprache (1860) und ergänzte, dass auch »nach den Endbuchstaben der Namen das von Brandenburg, Strotha, Manteuffel, Ladenberg, Rabe und Uhden gebildete Ministerium das GALGEN-Ministerium genannt wurde. Manche haben dieses Witzspiel für Etymologie ausgeben wollen.«

frankreich Tatsächlich gibt es »Cabal(e)« im Deutschen schon seit dem 16. Jahrhundert, entlehnt vom französischen Substantiv »cabale«. Romanischer Herkunft ist das Wort aber nicht. Es geht in Form und Bedeutung tatsächlich auf die Kabbala zurück. Das hebräisch-rabbinische Wort »qabbalah« bezeichnet eine »Überlieferung, von den Älteren überkommene Geheimlehre«.

In diesem Sinn wurde der Begriff im Deutschen auch ursprünglich gebraucht. Der frühneuhochdeutsche Schriftsteller Johann Baptist Fischart schreibt zum Beispiel in seinem Bienenkorb des heiligen Römischen Immenschwarms (1580), dass »man der juden kabalen und thalmud also wol müszt annemmen als die fünff Bücher Mosis und die Schrifften der Propheten«.

Und in der Abhandlung Sarepta oder Bergpostille (1562) spricht der Reformator Johann Mathesius davon, dass Berthold Schwarz, der Erfinder des Schießpulvers, »nach der alten künsten Cabal (= Geheimlehre) den Saliter (= Salpeter) gern figirt (= verdickt) und dicht gemacht hatte«. Derweil vollzog sich beim französischen »cabale« ein Bedeutungswandel zu »heimlich abgesprochene Praktiken, Intrige«, der im 17. Jahrhundert für das deutsche »Kabale« übernommen wurde. Schuld an den negativen Konnotationen sind in diesem Fall mal nicht die Deutschen.

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026

TV-Tipp

Das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Hollywood

Sean Penn plant Film um Polizisten bei Kapitol-Attacke

Für seine Nebenrolle in »One Battle After Another« bekam er im März seinen dritten Oscar. Nun will der Hollywood-Star wieder Regie führen - und einen brisanten Stoff anpacken

 17.06.2026