Medien

»Es braucht keine Klischees«

»Viele Fotos und Karikaturen haben mit der Realität des Judentums wenig zu tun«: Reinhard Kleist Foto: dpa

Herr Kleist, muss ein Zeichner mit Klischees arbeiten? Mit krummen Nasen oder abstehenden Ohren?
Ich zeichne ja Graphic Novels, da arbeite ich mit konkreten Figuren. Aber Karikaturisten bei Tageszeitungen müssen mit einer Zeichnung direkt auf den Punkt kommen. Da werden Nasen sehr gerne vergrößert.

Gibt es eine Grenze? Wann sollten Klischees nicht mehr verwendet werden?
Es wird dann schwierig, wenn Klischees dazu dienen, Gruppen herabzusetzen. Natürlich kommt es auf den Kontext an, aber wer beispielsweise Hakennasen zeichnet, um Juden zu charakterisieren, bedient sich eines antisemitischen Klischees.

Wenn Juden als Kollektiv gezeigt werden – bei Fotos oder Zeichnungen – werden meist Charedim gezeigt. Geht das zu weit?
Vor allem hat das mit der Realität des Judentums und Israels nicht viel zu tun.

Meine Frage bezieht sich auf mögliche Fallen, in die man tappen kann. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Stellt man bei einem Politiker, etwa Guido Westerwelle, dessen Homosexualität in den Vordergrund, benötigt man da nicht Klischees?
Vermutlich. Aber wenn Sie Westerwelle mit einer Federboa zeichnen, stellen Sie ja keine Wiedererkennung her. Und um Westerwelle politisch zu kritisieren, braucht es keinen Bezug auf sein Schwulsein. Auch um eine Haltung zu Barack Obama einzunehmen, sollten Sie keine Negerwitze reißen.

2005 gab es Streit um Mohammed-Karikaturen. War hier zeichnerisch eine Grenze überschritten worden, in deren Folge es zu Todesdrohungen und Anschlägen kam?
Ich fand die Beiträge nicht gut. Sie waren platt und verletzend. Aber es gibt zeichnerische Beschäftigungen mit dem Islam, die ich gut finde – etwa die Arbeiten von Ralf König: Die waren kritisch und sehr sensibel.

König wurde nicht so attackiert wie der dänische Zeichner Kurt Westergaard. Lag es daran, dass empörungsbereite Muslime seine Bilder nicht kannten? Oder daran, dass sie zu gut waren?
Vielleicht beides. Man merkt Königs Arbeit an, dass es ihm wirklich um die Auseinandersetzung mit dem Thema geht.

König wurde ja berühmt mit seinen Schwulen-Comics. Er ist selbst schwul und hat das Milieu beobachtet. Gibt es da eine Analogie zu Juden im Comic? Gelingt deren Darstellung besser, differenzierter und kritischer, wenn der Zeichner jüdisch ist?
Beispiele, die das nahelegen, gibt es: Art Spiegelmans »Maus«, Rutu Modans »Blutspuren« oder Sarah Glidden, die mit »Israel verstehen« eine großartige Annäherung an Israel vorgelegt hat. Dort wird Kritik so formuliert, dass der Betrachter sich selbst damit auseinandersetzen muss. Das hat mit Klischees nichts zu tun.

Taugen denn Klischees wenigstens noch zur Provokation?
Ach, Provokation ist eine ganz schwierige Sache. Ich habe keine Lust mehr, mich mit irgendwelchen Leuten zu beschäftigen, die mit so etwas Billigem wie einem Hitlergruß provozieren wollen.

Die Fragen stellte Martin Krauss.

Reinhard Kleist ist ein vielfach ausgezeichneter Berliner Graphic-Novel-Autor. Unter anderem hat er die Lebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko

Haft gezeichnet, der das Konzentrationslager überlebte, weil die SS ihn dort für Schaukämpfe einsetzte (»Der Boxer«)

Fernsehen

»Antisemitismus in Deutschland« im Ersten

Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wird ein »ARD extra« zum Thema Judenhass ausgestrahlt. Am nächsten Tag erfolgt eine Übertragung der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag

 15.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 15.01.2026

Dresden

Berben: »Sprachlos darf man nur einen Moment sein«

Die Schauspielerin Iris Berben engagiert sich seit vielen Jahren für eine demokratische Gesellschaft. Beim Dresdner Semperopernball wird sie ausgezeichnet

 15.01.2026

Tel Aviv

TV-Koch in Israel: Kochen gibt in Kriegszeiten Halt

Ist es angemessen, in Kriegs- und Krisensituationen viel Zeit auf gutes Essen zu verwenden? Ja, sagt Tom Franz aus Israel. Gerade dann erfülle Kochen eine wichtige Funktion

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Kulturkolumne

Wiederauferstehung in Venedig

Oder: Brodsky ist ein jüdischer Kater

von Maria Ossowski  15.01.2026

Musik

»Ein starker, erdender Groove«

Die Israelin Tair Haim ist mit der Band »A-WA« bekannt geworden. Jetzt ist ihr Solo-Album »Maktub« erschienen. Ein Gespräch über jemenitische Sounds, Gesänge von Frauen und den Klang der »Tindrum«

von Katrin Richter  15.01.2026

Mainz

Neue Ausstellung erinnert an Synagogen, Rabbiner und Matzenbäcker

Vom uralten Grabstein bis zum KI-generierten Rabbiner-Avatar reicht die Spannweite. Die Ausstellung »Shalom am Rhein - 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« im Landesmuseum Mainz präsentiert so umfangreich wie nie das jüdische Erbe im Land

von Karsten Packeiser  15.01.2026

Los Angeles

Sängerin Gracie Abrams gibt ihr Filmdebüt

Zuletzt machte sie mit Taylor Swift Musik, jetzt wagt sich die 26-jährige Bardin erstmals vor die Filmkamera. Für ihr Spielfilmdebüt hat sie eine gefragte Regisseurin gefunden

 15.01.2026