Literatur

»Die Mazze-Packung kreiste wie ein Joint«

»Die DDR und mich verband keine besondere Zuneigung«: der Schriftsteller und Kinderpsychiater Jakob Hein Foto: Stephan Pramme

Literatur

»Die Mazze-Packung kreiste wie ein Joint«

Jakob Heins neuer Roman handelt von einer berauschenden Idee in der DDR. Ein Gespräch über Cannabis, schreibende Ärzte und jüdischen Schinken

von Katrin Richter  20.02.2025 09:45 Uhr

Herr Hein, was passiert im Gehirn, wenn man Gras raucht?
Das ist nicht so gut erforscht, wie man vielleicht meinen möchte. Es gibt Rezeptoren für die verschiedenen Cannabinoide, es gibt Versuche zum THC, zu bestimmten CBD-Formen. Aber die Probandinnen und Probanden fanden das mit dem isolierten THC gar nicht so interessant wie Cannabis selbst und damit den Mischkonsum. Die langjährigen Intensivanbauer von Cannabis wissen da viel besser Bescheid. Ich denke, dass es sicherlich unwissenschaftliche Cannabis-Experten gibt, die mehr Ahnung haben als die Wissenschaftler, die das auch erforschen.

Und was passiert im Kopf, wenn man sich langweilt?
Das wiederum ist relativ gut untersucht. Es gibt einen berühmten Schweizer Forscher, dem es gelungen ist, Elektroden in lebende Nervenzellen zu bringen. Heraus kam: Langeweile ist das Gegenteil von freudiger Überraschung. Man hat ein absolutes Dopamin-Defizit. Kurz erklärt: Es gibt eine Dopamin-Basiskurve, die immer so vor sich hin wabert. Wenn wir eine freudige Überraschung erleben, geht das Dopamin in die Höhe. Manche Drogen, die besonders abhängig machen, bewirken übrigens das Gleiche. Wenn der Normalzustand wegfällt, entsteht eine riesige Dopaminlücke. Und das mögen Menschen überhaupt nicht. Es ist ein ganz unangenehmer Zustand, bei dem man sehr schnell Abhilfe sucht.

Grischa, die Hauptfigur in Ihrem Buch »Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste« langweilt sich auf seiner allerersten Arbeitsstelle fürchterlich. Er kam mit großen Erwartungen von der Uni in den Betrieb und dann – passiert nichts.
Die Arbeit an dieser Stelle ist sicherlich sehr stark durch das Buch »Bullshit Jobs« von David Graeber geprägt, der darin ausführlich beschreibt, wie Menschen sich in Jobs wiederfinden, in denen sie nichts tun sollen. Er erläutert, wie unangenehm dieser Zustand ist und wie man da Abhilfe schaffen kann. Sowohl Grischa als auch Wiebke sind ja diesem Problem ausgeliefert und finden jeweils für sich Lösungen.

Grischa befasst sich mit Medizinalhanf. Wie ist diese Geschichte entstanden?
Es gibt einen Entwurf in meinem Buch »Antrag auf ständige Ausreise: Mythen der DDR« vor 15 Jahren. Es war dieses Buch, in dem ich über Sachen schreibe wie: Hat Erich Honecker einen Ausreiseantrag gestellt? Oder: Hat sich Goethe explizit in einem Schriftstück gegen den Arbeiter- und Bauernstaat ausgesprochen? Denn er hat ja Arbeiter und Bauern verachtet. In diesem Buch gibt es auch eine Geschichte, dass Cannabis vom Bruderstaat Afghanistan ins FDJ-Schulungslager an den Werbellinsee gebracht wird und man sich daraufhin entschließt, Cannabis zu legalisieren. Diese Idee, dass die DDR Cannabis legalisiert, wollte mir nicht aus dem Kopf, weil es eine Möglichkeit gewesen wäre. Von daher würde ich mein Buch als verspäteten Neuerervorschlag beschreiben, weil man es eigentlich so, wie es da steht, hätte machen können. Es war insbesondere im Osten, aber letztendlich auch auf beiden Seiten der Mauer nicht annähernd genug Coolness vorhanden, um das durchzuziehen. Aber: Man hätte es machen können.

Die Idee kommt wirklich etwas spät – knapp 36 Jahre mindestens.
Ja, aber die DDR und mich verband keine besondere Zuneigung. Ich habe da nicht sehr gerne gelebt, und mir wurde auch immer wieder signalisiert, dass ich da nicht so gut gefunden werde. Die Idee ist ja nicht ernst gemeint, und die Leichtigkeit hat man ja nur durch den Abstand. Aber das hätten sie machen können! Alles in dem Buch ist genauestens recherchiert. »Plantival« zum Beispiel, diese Schlaftropfen aus Leipzig, die gab es wirklich. Das erregte offensichtlich keinerlei Interesse bei der maroden Jugend. Ich habe erst durch die Recherchen zum Buch erfahren, dass es in DDR-Apotheken Medizinalhanf gab und dass es offensichtlich nicht wirklich auf der Verbotsliste stand. Und genau das war ja meine Ausgangsfrage: Wie war die offizielle Haltung der DDR zu Cannabis? Die Antwort ist: Es gab eigentlich keine offizielle Haltung. Man schummelte sich so rum. In der damaligen Sowjetunion – in Staaten wie Georgien, Kirgistan, Turkmenistan – wurde ja viel gekifft. Darüber wurde nicht groß geredet, aber das war nun mal so.

Sie sagten gerade, dass Sie nicht gerne in der DDR gelebt haben. Wie blicken Sie auf Ihre Kindheit zurück – mit dem Wissen oder dem Nichtwissen, dass Ihre Mutter aus einer jüdischen Familie kam?
Das Wissen hatte ich. Ich bin ja jüdisch aufgewachsen, im Rahmen der DDR-Möglichkeiten. Wir sind regelmäßig in die Jüdische Gemeinde gegangen, hier in der Oranienburger Straße – und dadurch habe ich diese ganze Veranstaltung auch ein bisschen mitbekommen. Auch ihre Improvisiertheit. Nach meiner Erinnerung hatten wir keinen festen Rabbiner. Einer ist zwar mal aus den USA gekommen, aber nach ein paar Jahren entsetzt wieder abgereist. Zu Pessach zum Beispiel bekamen wir eine Packung Mazze – zugeschickt aus irgendeiner obskuren Quelle. Das Pessachfest bestand dann darin, dass wir die Packung sozusagen kreisen ließen. Wie einen Joint.

Lass die Packung mal rumgehen?
Genau, und dann hat Frau Salomon den Rest der Mazze mitgenommen. Also, sie fragte, ob sie das mitnehmen dürfte, weil das mit Schinken wunderbar sei. Das war irgendwie ganz normal. Aber es war bestimmt jüdischer Schinken. Nach dem posthumen Rauswurf meiner Mutter aus der jüdischen Gemeinde wollte ich mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Ich halte schon ein bisschen was aus, ich bin auch bereit, mich Diskussionen zu stellen, aber wie mit meiner Mutter umgegangen wurde, das hat mich tief verbittert zurückgelassen. Und damit war das Kapitel für mich beendet.

Vielleicht müssen Sie das kurz erklären. Ihre Mutter sollte als »Vaterjüdin« nicht auf dem jüdischen Friedhof begraben werden.
Sie durfte nicht begraben werden. Auf dem Friedhof, auf dem unsere halbe Familie liegt, in dessen Nähe wir ewig gewohnt haben, auf den wir immer gingen und wo sie mir meine Verwandtschaft gezeigt hat. Ich hatte immer den Eindruck, dass meine Mutter alles das, was am Jüdischsein schlecht ist, miterleben musste. Ihr Vater wurde im KZ ermordet. Sie wuchs in einem Versteck auf, um nicht von den Nazis gefangen zu werden. Sie erkrankte an einer Form von Brustkrebs, von der besonders oft aschkenasische Jüdinnen betroffen sind. Aber eine Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof, das war nicht möglich. Diese Gemeinde, in die sie ging, die damals ja eher eine Art jüdisch angehauchter Diskutier-Kreis war, die verwehrt ihr das Grab? Für mich war damit alles klar, es gab keinen Diskussionsbedarf mehr.

Ist die Tür zum Jüdischsein komplett zu?
Ja, absolut. Das Witzige ist: Als ich in Amerika gelebt und gearbeitet habe, haben Freunde mal gesagt: »Kommst du zu Pessach vorbei?« Meine Reaktion war: »Würde ich gerne, aber ich muss dir meine Geschichte erzählen.« Sie haben sie sich angehört und dann gesagt: »Ja, aber du bist trotzdem jüdisch.« Deutsche seien da immer so kompliziert, hieß es. Und die reformierten Juden, die ich in den USA kennenlernte, fanden das total albern. Ich kann es akzeptieren, dass es hier in Deutschland viel strenger gesehen wird. Als damit aber auch klar war, dass ich nicht jüdisch hätte heiraten können, dachte ich: »Have a nice life!«

Was müsste denn passieren, dass Sie – sagen wir mal – Rosch Haschana feiern?
Nee, nee, nee. Nichts mehr. Ich gratuliere natürlich all meinen jüdischen Freunden – und das sind viele – zu Rosch Haschana, und Jom Kippur ist schon auch ein besonderer Tag geblieben. Ich verfolge auch Nachrichten über Israel immer mit einem besonderen Platz in meinem Herzen. Das ist mir sehr wichtig, aber ansonsten: Nein Danke. Und das ist auch in Ordnung.

Für viele Autorinnen und Autoren ist der 7. Oktober 2023 sehr präsent. Wie ist das bei Ihnen?
Mich hat die Situation in Israel total beklommen gemacht. Auch beim letzten Mal, als ich da war – vor nicht einmal zehn Jahren. Ich hatte zwar eine tolle Reise, habe mit vielen interessanten Menschen gesprochen, aber die Stimmung war gekippt. So, als wüsste man, dass es jeden Moment Krieg geben kann. Wenn ich an den 7. Oktober denke, dann auch, weil ich selbst Kinder habe, die Techno-Fans sind, und die wären auf jeden Fall zu dem Festival hingefahren. Bei diesen Events geht es ja auch um Ekstase und um Vergessen – unabhängig von Chemie. Wenn man die Geografie ausblendet, dann ist diese Landschaft natürlich eine perfekte Location für so ein Festival. Meine Kinder wären da sicher hingegangen. Es ist alles so schrecklich. Der Angriff der Hamas fiel in eine Zeit, in der es Annäherungen zwischen Israel und Saudi-Arabien gab, Möglichkeiten für Handel. Das klang alles sehr hoffnungsfroh, und dann wurde alles zunichtegemacht. Der 7. Oktober war ein schlimmer, schlimmer Tag, in einer Region, in der alle in absolutem Glück und Wohlstand leben könnten.

Sie sind hauptberuflich Arzt. Wann schreiben Sie eigentlich?
Prinzipiell habe ich ein sehr geregeltes Leben. Meine Praxis läuft ja sowieso nach Terminlogik, sodass ich da sein muss, um meine Patientinnen und Patienten zu sehen. Das heißt, ich schreibe am Wochenende von 9 bis 12 Uhr. Die Sachen sind vorher irgendwie in mir; ich beschäftige mich mit Ideen, werfe sie von links nach rechts durch meinen Kopf, verwerfe eben auch mal etwas.

Weshalb gab oder gibt es so viele Ärztinnen und Ärzte, die literarisch schreiben?
Es ist ganz normal, als Arzt ein gewisses Interesse für Menschen zu haben. Narration ist auch immer ein Teil der Medizin gewesen. Auch dass man Patientinnen und Patienten damit hilft, Modelle zu finden, die ihnen ihre Krankheit besser erklären.

Gottfried Benn war ein bekannter schreibender Arzt, Alfred Döblin …
… ein jüdischer Arzt in Friedrichshain und auch großes Vorbild. Ein großartiger Autor. Eva Mirasol ist eine Kollegin, die schreibt. Dota Kehr ist Sängerin, aber auch Dichterin. Wie Patti Smith sagte: »Ich bin Dichterin.« Und wer würde es wagen, Patti Smith zu widersprechen?

Mit dem Berliner Schriftsteller sprach Katrin Richter.
Jakob Hein: »Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste«. Roman. Galiani, Berlin 2025, 256 S., 23 €

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