Alles ist durchweg in Aufruhr: auf der Tonspur hektische perkussive Jazz-Sounds, die Kamera rast und gleitet in langen Einstellungen durch die Räume. Menschen unterhalten sich in irrem Tempo, diskutieren, streiten und brüllen einander an.
Gleich zu Beginn springen Matt Remick (Seth Rogen) und sein langjähriger Kollege Sal Saperstein (Ike Barinholtz) nervös durch die Büros der Filmproduktionsfirma. Wer wird der neue Präsident der (fiktiven) Continental Studios?
Matt Remick wird ins Büro von Griffin Mill gerufen, gespielt von einem herrlich windigen Bryan Cranston als New-Age-CEO-Guru – und damit auch als eine Karikatur seines legendären Walter White aus der Serie Breaking Bad.
Aus dem Getränkepulverkonzentrat Kool-Aid einen Blockbuster schustern
Remick bekommt den Job unter einer Bedingung: Er soll nach dem kommerziellen erfolgreichen Vorbild Barbie von Greta Gerwig aus dem Getränkepulverkonzentrat Kool-Aid einen Blockbuster schustern. Autsch!
In The Studio, der zehnteiligen Apple TV+-Serie von Seth Rogen und Evan Goldberg, ist alles darüber – und doch auf den Punkt. Der Serie gelingt das Kunststück, der Filmbranche satirisch den Spiegel vorzuhalten und zugleich die Kunst des Bewegtbildes exponiert zu feiern.
Damit steht The Studio in einer langen Tradition, denn die Hollywood-Satire ist ja quasi ein immer da gewesenes, eigenes Genre, die Liste der Filme kilometerlang: Barton Fink und Hail, Caesar! der Coen-Brüder, Robert Altmans The Player, Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) von Alejandro González Iñárritu, um ein paar zu nennen.
Die Serie grätscht hinein in eine Zeit, in der die – historisch gesehen – immer wieder krisengebeutelte Filmbranche angezählter denn je ist. Die Folgen der Pandemie, die Streiks der Schauspieler und Drehbuchautoren 2023, die Sequel- und Franchise-Wut, weniger Filmproduktionen, Studiosterben, Arbeitslosigkeit, die katastrophalen Brände in Hollywood und ein neuer alter Präsident, der das ganze Land und auch die Kultur verändern möchte: Es sieht düster aus.
Die Serie steht in einer langen Tradition: »Barton Fink«, »Hail, Caesar!« und »The Player«.
In The Studio kulminieren einige gegenwärtige Diskussionen in dem wankelmütigen neuen Studioboss Remick. Der ist selbst ein Freund der Kinokunst, liebt Celluloid und versucht, den Spagat hinzubekommen, kommerziell erfolgreiche künstlerische Filme zu produzieren. Er will es allen recht machen, eitlen Stars, Produzenten und anderen Bossen mit Dollarzeichen in den Augen – und schlägt sich mit neidischen Kollegen oder Streaming-Konkurrenz herum. Unmöglich!
Seinen Lieblingsregisseur Martin Scorsese, der sich mit einem Augenzwinkern wie halb Hollywood in The Studio selbst spielt, treibt der Studioboss an den Rand des Zusammenbruchs, weil er ihm erst seinen Kool-Aid-Pitcher – ein Sektenmassaker! – zusagt und ihn dann auf einer Party von Charlize Theron doch abserviert.
Seth Rogen und Evan Goldberg sind langjährige Kreativpartner
Seth Rogen und Evan Goldberg sind langjährige Kreativpartner. Mit ihrem Drehbuch für Superbad haben sie einen Klassiker der zotigen, vor Fäkalhumor, Penis- und Sauf-Witzen platzenden Highschool-Klamotte geschrieben. In ihrem Regiedebüt Das ist das Ende steht die Apokalypse vor der Tür, während ihr Freundeskreis auf einer Party bei James Franco in Los Angeles freidreht.
Der Bekanntere von beiden ist Rogen, vor allem auch, weil er neben seiner Komiker- und Autorentätigkeit immer wieder selbst vor der Kamera steht. Mit seiner Nebenrolle in der Jugendserie Voll daneben, voll im Leben trat er schauspielerisch ins Rampenlicht, international bekannt wurde er durch Judd Apatows Komödien Jungfrau (40), männlich, sucht … und Beim ersten Mal, in der Seth Rogen die Hauptrolle neben Katherine Heigl spielte.
Rogen wurde 1982 im kanadischen Vancouver als Sohn einer jüdischen Familie ukrainischer und russischer Herkunft geboren. Seine Mutter war Sozialarbeiterin, sein Vater arbeitete für jüdische Wohltätigkeitsorganisationen und als stellvertretender Direktor der jüdischen Bruderschaftsorganisation The Workerʼs Circle. Seine jüdische Identität lässt der 42-jährige Kanadier oft in seine Rollen und Witze einfließen, auch sein Studioboss in The Studio ist jüdisch.
Seine jüdische Identität lässt der 42-jährige Kanadier oft in Rollen und Witze einfließen.
Dass Remick mit seiner nostalgisch gefärbten Sprunghaftigkeit und Dusseligkeit zwischen seinem mal für, mal gegen ihn arbeitenden Team um Sal, Assistentin Quinn (Chase Sui Wonders) und Marketingchefin Maya (Kathryn Hahn) vieles zum Implodieren bringt, macht The Studio zu einem großen Spaß.
Beim Set-Besuch treibt Matt Remick Regisseurin Sarah Polley, die gerade eine One-Shot-Szene drehen will, komplett in den Wahnsinn in einer Folge, die selbst als One-Shot daherkommt. Er bringt Zac Efron bei einer vom Noir-Film affizierten Folge um eine verlorene Filmrolle auf die Palme oder streitet bei einem Charity-Event mit Kinderonkologen darüber, ob das Kino genauso wichtig ist wie Ärzte.
Inspiriert ist die Serie von der Aussage eines Studiobosses, den Rogen und Goldberg vor Jahren trafen und der ihnen erklärt hat, was die beiden Matt Remick in der Serie in den Mund legen: »Ich bin in die Branche eingestiegen, weil ich Filme liebe. Aber irgendwie beschleicht mich die Angst, dass es mein Job ist, sie zu ruinieren.«
Die Serie ist beim Streamingdienst Apple TV+ zu sehen.