Jahrestag

Der Streit um die jüdischen Bücher

Johannes Reuchlin Foto: PantherMedia / Gerald Kiefer

Kurz vor der Reformation brach ein Streit um die Vernichtung jüdischer Bücher aus, der europaweit beachtet und zu einem großen Medienereignis vor der Reformation wurde. In diese Auseinandersetzung waren im Laufe eines Jahrzehnts verschiedene Universitäten, Gerichte, Bischöfe sowie Kaiser und Papst involviert. Der Humanist Johannes Reuchlin setzte sich als einziger Gutachter für den Erhalt der Bücher ein. Reuchlin starb vor 500 Jahren, am 30. Juni 1522.

Die Stadt Pforzheim, aus der Reuchlin gebürtig stammt, lobt auf ihrer Website sein »selbstloses Engagement für eine verfolgte Minderheit, die europäischen Juden«. Mit seinem Einsatz für das jüdische Schrifttum gelte er als Vorbild der Toleranz und des interreligiösen Dialogs, so die Stadt. Daher vergibt sie seit 1955 alle zwei Jahre den Reuchlinpreis für eine hervorragende deutschsprachige Arbeit auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft. In diesem Jahr erhält ihn die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

PFEFFERKORN Der Initiator der Kontroverse war der konvertierte Jude Johannes Pfefferkorn (1469–1521), der sich nach seiner Taufe mit seiner Familie in Köln niederließ. 1507 veröffentlichte Pfefferkorn seine erste Schrift Der Judenspiegel, um den Juden zu zeigen, dass sie angeblich einem Irrglauben anhingen. Ein Vorschlag von ihm: Beschlagnahmung der Bücher. In den folgenden Jahren verfasste er weitere Schriften, die seine antijüdische Radikalisierung aufzeigten.

1509 erwirkte er eine Vollmacht des Kaisers, alle jüdischen Bücher, die sich angeblich gegen die Bibel oder den christlichen Glauben richteten, zu konfiszieren. Pfefferkorn begann mit der Umsetzung gezielt am Vorabend von Sukkot, dem Laubhüttenfest, in Frankfurt, wo die größte jüdische Gemeindeschaft in Deutschland ansässig war.

Die jüdische Gemeinde schaltete sofort den Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen ein, der in einem Schreiben an Kaiser Maximilian I. das Vorhaben Pfefferkorns infrage stellte. Maximilian wiederum beauftragte den Erzbischof, Gutachten von verschiedenen Universitäten und Persönlichkeiten, darunter auch Johannes Reuchlin, einzuholen, »ob es göttlich, löblich und dem christlichen Glauben nützlich sei, die jüdischen Bücher zu verbrennen«.

HEBRÄISCH Reuchlin war als Autor eines Gutachtens die erste Wahl. Nach seinem Studium arbeitete er als Jurist. Seine Liebe aber galt den Sprachen. Er beherrschte nicht nur Latein und Griechisch, was für einen Humanisten damals selbstverständlich war; er war auch des Hebräischen mächtig. Daher war er bekannt als »das dreisprachige Wunder«.

Ganz besonders war er von der Kabbala fasziniert. Der Historiker und Philosoph Gershom Scholem (1897–1982) meinte, Reuchlin habe »die Wissenschaft vom Judentum in Europa ins Leben gerufen«.

Reuchlin habe »die Wissenschaft vom Judentum in Europa ins Leben gerufen«.

Gershom Scholem (1897–1982)

Mit der Eskalation der Auseinandersetzung, die Pfefferkorn mit der Veröffentlichung seiner Schrift Der Handspiegel (1510) provozierte, wurde die Auseinandersetzung um die jüdischen Bücher zu einem Medienereignis. Denn Reuchlin veröffentlichte seine Antwort, Der Augenspiegel, in der er seine Position deutlich machte: »Erkundet das Fremde, zerstört es nicht.« – »Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt.« Er bekam Unterstützung aus dem Lager der Humanisten, die sich als intellektuelle Avantgarde verstanden.

DOMINIKANER Weil sich Pfefferkorn auf die Kölner Dominikaner und die Universität stützen konnte, ließ sich eine kleine Gruppe aus dem Kreis der Humanisten etwas Besonderes einfallen: Sie veröffentlichten eine Parodie auf die Kölner – die »Dunkelmännerbriefe«. Damit führten sie die Kölner als rückständige Trottel vor und hatten die Lacher auf ihrer Seite.

Nur Johannes Reuchlin hatte wenig zu lachen, denn er wurde in Rom als Ketzer angeklagt. 1520 verurteilte Papst Leo X. Reuchlins Augenspiegel als »skandalös« und erlegte dem Autor Stillschweigen auf.

Sehr lange Zeit wurde der Reuchlin-Streit als epische Schlacht zwischen zwei verschiedenen Bildungstraditionen – den Humanisten und den Scholastikern – gesehen. Dass es vor dem Hintergrund des christlichen Antijudaismus aber um die Rolle der jüdischen Gemeinschaft ging und um die Frage, zu wie viel Toleranz man bereit war – darüber wird erst seit einiger Zeit wieder gesprochen.

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