Identität

Das Bild der anderen

Wenn Sie auch jüdisch sind, wissen Sie, wie sich so etwas anfühlt. Man ist wütend und einsam, wenn sich ein eigentlich sympathischer Mensch als Antisemit entpuppt. Foto: Thinkstock

Identität

Das Bild der anderen

Antisemitismus hat viele Gesichter – auch ein freundlich lächelndes. Ein Essay

von Thomas Meyer  19.06.2018 00:00 Uhr

Lassen Sie uns ein kleines Spiel spielen. Ich verrate Ihnen etwas über mich, und Sie überlegen sich spontan, was das über mich aussagt. Sind Sie bereit? Also, hier kommt es: Ich bin Jude.

Wenn Sie auch jüdisch sind, fühlen Sie sich mir nun auf jene eigenartige Weise verbunden, die zwischen allen Juden besteht – zumindest so lange, bis sich gegebenenfalls zeigt, dass die Ansichten zu Religion und Politik zu sehr auseinanderklaffen. Oder Sie sind einfach neugierig, was ein anderer Jude zum Thema Antisemitismus zu sagen hat. Was Sie nicht tun werden: von meiner Eigenschaft »Jude« auf andere Eigenschaften schließen.

»geldgierig« Wenn Sie nicht jüdisch sind, werden Sie jedoch wahrscheinlich genau dies tun. Dann ist vorhin das Wort »geschäftstüchtig« in Ihrem Kopf aufgeploppt. Oder sogar »geldgierig«. Oder »intelligent«. Oder »guter Humor«. Nun bekommen wir leider Streit miteinander, und der geht so: Ich weise Sie darauf hin, dass Sie, wenn Sie glauben, es gebe »typisch jüdische« Eigenschaften, eine antisemitische Haltung haben. Darauf entgegnen Sie: »Was soll antisemitisch daran sein, jemanden für seinen Humor zu loben?« Und ich antworte: »Antisemitismus entscheidet sich nicht daran, ob er sich feindselig oder anerkennend äußert, sondern an seiner Logik, die besagt, dass ein Jude zwingend bestimmte Merkmale habe.«

Vermutlich wollen Sie kein Antisemit sein. Die wenigsten wollen das. Also rufen Sie empört: »Aber ich bin nicht antisemitisch!« Und ich sage: »Diese Selbstbeschreibung schützt aber nicht vor der bereitwilligen Annahme und dem Kolportieren antisemitischer Vorurteile.«

So geht das noch ein wenig hin und her, und weil es Ihnen wirklich wichtig ist, kein Antisemit zu sein, lassen Sie aus genau diesem Grund keines meiner Argumente gelten, mit denen ich zu beweisen versuche, dass auch ein anständiger, gebildeter Mensch zu judenfeindlichen Aussagen imstande ist – vor allem dann nämlich, wenn er überzeugt ist, damit die Wahrheit zu erzählen. »Aber es ist doch so!«, sagen die Antisemiten gern, die behaupten, keine zu sein. Und fragen sich, warum der Jude ein solches Problem damit hat, als schlau und lustig betrachtet zu werden.

Am Ende unseres Gesprächs dann sagen Sie etwas in der Art, dass die Juden »zu empfindlich« seien, und ich werde entgegnen: »Sehen Sie, genau das meine ich«, und wir werden uns mit unguten Gefühlen trennen. Ich, weil ich Antisemitismus zum Kotzen finde; Sie, weil Sie es beleidigend finden, dass man Ihnen eine niedere Gesinnung unterstellt.

freundlich So habe ich das unzählige Male erlebt, und zwar nicht etwa mit Grobianen in Bomberjacken oder giftigen Mütterchen am Israel-Boykott-Infostand, sondern eben mit klugen, belesenen, freundlichen Menschen. Mit Kollegen auf der Arbeit, mit Bekannten in der Bar, mit Freunden bei mir zu Hause, aus denen plötzlich Nazi-Propaganda herausbrach, und die dann nichts davon hören wollten, dass das ziemlich unangenehm für mich ist, sondern mit gespenstischem Starrsinn erklärten, dass »den Juden« im Mittelalter nur das Kreditgeschäft erlaubt gewesen sei und dass sie heute deshalb so gut darin seien, mit Geld umzugehen.

Oft hatte ich auch zu hören bekommen, man habe sich schon gedacht, dass ich Jude sei – wegen meiner Nase nämlich. Jedes Mal habe ich geduldig erklärt, das Judentum sei eine Religion, keine Ethnie, weswegen es so etwas wie eine jüdische Nase nicht geben könne. Doch die Leute haben nur weiter schamlos auf meine Nase gestarrt, um sie schließlich als Ausnahme gelten zu lassen, mit Verweis auf die vielen Regelfälle, die ihnen schon begegnet seien.

Wenn Sie ebenfalls jüdisch sind, wissen Sie, wie sich so etwas anfühlt. Man ist wütend. Nicht zuletzt, weil man schon wieder so einen Schmock in seine Nähe gelassen hat. Man ist verzweifelt. Weil man mit Logik nichts erreicht. Kein Argument bohrt tief genug, um in jene Region des menschlichen Verstandes vorzudringen, wo entschieden wird, dass jeder Jude fanatisch nach Geld giert und dass man darüber jeden Witz reißen darf, der einem in den Sinn kommt. In bestem Vertrauen auf den guten jüdischen Humor.

SS-Uniform Vor allem aber fühlt man sich einsam. Dass da draußen Millionen anderer Juden die gleichen zwecklosen Gespräche führen, hilft einem nicht. Man ist allein, umgeben von Menschen, die man eigentlich gernhat und mit denen man sein Leben teilt, die aber mit dem Mist, den sie von sich geben, prima in eine SS-Uniform passen würden.

Kein einziges Mal ist es mir gelungen, jemanden von seinen Vorurteilen gegenüber Juden abzubringen. Zu kränkend ist es offenbar für den Intellekt, einem dummen Klischee aufgesessen zu sein, und so wird dieses eben zur Wahrheit erklärt und jener, der diese anzweifelt, zum Lügner. Immer wieder habe ich mich mit Menschen gestritten, die mir bis dahin nahestanden und denen es am Ende lieber war, diese Nähe preiszugeben als ihre rassistische Überzeugung, die halt leider auch dann rassistisch ist, wenn sie nicht als solche erkannt wird. Ein Antisemit kann auch sein, wer’s nicht weiß.

Zugegeben, es ist schwierig, jemandem eine Geisteshaltung zu beweisen. Erst recht, wenn er sie leugnet. Es existiert keine Rassismus-DNA, die an Urteilen haftet und die im Labor sichtbar gemacht werden kann. Aber Judenhass wird eben nicht nur mit Pistolen, Fäusten und schäumenden Online-Kommentaren ausgetragen. Und bloß, weil man sich von solchen Tätigkeiten fernhält, darf man noch nicht für sich in Anspruch nehmen, einen reinen Geist zu haben. Denn es gibt auch den kultivierten Antisemitismus fernab jeder Feindseligkeit, den man sogar im Feld der respektvollen Anerkennung ansiedeln kann.

Dieser Antisemitismus ist überzeugt, mit nichts als der Wahrheit zu handeln, und wundert sich ehrlich, wenn dann einer behauptet, man halte da leider eine Fälschung in den Händen. Dann wird der freundliche Antisemit ziemlich schnell unfreundlich; wie jeder, der merkt, dass er über den Tisch gezogen worden ist. Vor allem, wenn er es selbst getan hat, mit seiner eigenen Dummheit.

begegnung Vor einiger Zeit habe ich mit einer älteren Dame über diesen ganz normalen, alltäglichen Antisemitismus gesprochen, dem keine Juden zum Opfer fallen, sondern das ungezwungene, offenherzige Verhältnis zu ihnen. Ich habe ihr erzählt, dass viele meiner Bekannten und Freunde recht finstere Ideen in ihren Köpfen herumtragen und beispielsweise allen Ernstes glauben, »die Juden« seien geschäftstüchtiger als andere Menschen.

»Aber es ist doch so«, meinte sie, und wieder versammelten sich haufenweise schlechte Gefühle in meinem Bauch. Ich fragte die Frau, woher sie das wisse. »Es ist doch so«, wiederholte sie. Das machen die Menschen gern, wenn sie keine Argumente haben: Sie wiederholen ihre Behauptungen. Oder sagen, wie die Dame als Nächstes dann: »Das weiß man halt.«

Ich fragte weiter nach der mysteriösen Quelle, und irgendwann, nach einem langen und absurden Umweg über die Rothschilds und die Ostküste der USA, landeten wir bei ihren Eltern. Die hatten ihr einst Klischees über »die Juden« erzählt und in ihr unverstelltes, argloses kleines Gehirn hineingelegt, so wie es vermutlich schon ihre Eltern mit ihnen gemacht hatten, und seither läuft dieser Mensch mit problematischen Glaubenssätzen durch sein Leben und sieht überall Beweise dafür, wie das eben so ist mit dem Weltbild.

defizit Antisemitismus ist ein schweres Charakterdefizit, und ihn zu leugnen, ist gleich noch mal eines. Daran leidet nicht nur der offenkundig Rechtsextreme, auch viele Linke sind davon betroffen. Denn es geht hierbei nicht um eine politische Haltung, ja noch nicht einmal um eine des Geistes, sondern um die des Herzens. Judenhass ist pure Willkür, er tätigt willkürliche Zuschreibungen gegenüber einem Individuum, ungeachtet dessen tatsächlichen Verhaltens und Wesens, und verurteilt es damit. Ein geschäftstüchtiger Jude ist »typisch«, und einer, der es nicht ist, hat bloß keine rechte Gelegenheit dazu gehabt.

Übrigens sind Sie vielleicht gar kein Antisemit. Vielleicht sind Sie einer der wenigen Menschen, die es fertigbringen, sich immer wieder an eine simple Tatsache zu erinnern: Jedes Individuum hat das Recht auf eine eigene Identität. Eine Identität, die gänzlich unberührt ist von den Zuschreibungen gegenüber seinem Kollektiv.

Vielleicht ist Ihnen bewusst, dass die Eigenschaften »jüdisch« und »geschäftstüchtig« sich in demselben Menschen vereinen können, aber nicht müssen. Vielleicht sind Sie einer der wenigen Menschen, die frei sind von diesen gedanklichen Zwängen, und es ist zu hoffen, dass Sie gegenüber allen anderen Ihre Stimme erheben. Denn Antisemitismus ist nicht zuletzt auch das Schweigen jener, die es besser wissen.

Von dem Autor stammt der Bestseller »Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse«, dessen Verfilmung im Januar in die deutschen Kinos kommt.

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