Medizin

Beten fürs Gehirn

Nicht nur gut für die Seele: Dawnen kann bei Frauen Demenz vorbeugen. Foto: Flash 90

Beten kann helfen. So lautet das Resultat einer aktuellen Studie aus Israel, die sich mit den Ursachen von Alzheimer auseinandersetzt. »Gebete setzen eine geistig fordernde Aktivität des Gehirns voraus«, erklärt Rivka Inselberg, die Leiterin der Untersuchung. »Das geschieht unabhängig von deren Inhalt und scheint eine Art Schutzfaktor gegen Alzheimer zu sein.«

Vorausgesetzt, man ist weiblich. Denn dann reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, eines Tages an dieser Form der Demenz zu erkranken, um rund 50 Prozent. »Bei Männern dagegen konnten wir keinen Zusammenhang zwischen der Gewohnheit zu beten und dem Auftreten einer Demenzerkrankung feststellen, und das, obwohl der Anteil derer, die ihre Religion regelmäßig praktizieren, in beiden Gruppen ungefähr gleich groß war«, resümiert Inselberg.

gartenarbeit Probanden beider Geschlechter wurden unter die Lupe genommen, wobei sich die Wissenschaftler insbesondere dafür interessierten, was diese bis zum Alter von 40 Jahren in ihrer freien Zeit so alles unternommen hatten. Selbstverständlich wurde eine ganze Palette weiterer Risikofaktoren identifiziert. Wer unter Bluthochdruck, Diabetes, übermäßig hohen Fettwerten im Blut oder Herzproblemen leidet, läuft schneller als andere Gefahr, dement zu werden. Darüber hinaus förderte die Studie einige weitere interessante Aspekte zutage: Personen, die in jungen Jahren viel Gartenarbeit als Hobby betrieben haben, leiden im Alter ebenfalls weniger häufig an einer Demenz. Über die Zusammenhänge kann man nur spekulieren, so die Autoren der Studie.

Wie wichtig die Forschung in Sachen neurodegenerative Erkrankungen ist, belegen die Statistiken: Fünf Prozent aller Menschen im Alter ab 65 sind von Alzheimer, der am häufigsten auftretenden Form der Altersdemenz, betroffen. Eine Heilung gibt es bis dato trotz aller Anstrengungen der medizinischen Forschung noch nicht. Allein in Deutschland wird die Zahl der Demenzkranken auf rund 1,2 Millionen geschätzt, davon 700.000 Alzheimer-Fälle – Tendenz rapide steigend.

Auch im jüdischen Staat wächst die Zahl der Patienten mit hirnorganischen Krankheiten, die sich zuerst in Gedächtnislücken und später oftmals in einem völligen Verfall der geistigen Leistungen manifestieren. Laut der Alzheimer Association of Israel sind es derzeit schätzungsweise 100.000 Personen. Aufgrund der demografischen Entwicklung sowie der steigenden Lebenserwartung rechnet man mit einem Anstieg auf 120.000 bereits im Jahr 2020. Für die Patienten und ihre Angehörigen beginnt dann meist ein langer Leidensweg. Kein Wunder, dass die Alzheimer-Forschung auch in Israel einen hohen Stellenwert einnimmt.

ablagerungen Gerade in jüngster Zeit haben israelische Wissenschaftler zahlreiche neue und vielversprechende Therapieansätze entwickelt. So fanden Forscher der Universität Haifa eine Verbindung zwischen Alzheimer und dem Aktivitätslevel eines Proteins namens eIF2alpha. »Bisher hat sich die Wissenschaft vor allem darauf konzentriert, die Symptome nach dem Ausbruch der Krankheit zu bekämpfen«, berichtet Kobi Rosenblum, Chef der Abteilung für Neurobiologie.

»Dabei weiß man eigentlich seit vielen Jahren, dass die Ursachen bereits lange vorher im Gehirn angelegt sind«, so der Haifaer Forscher. »Im fortgeschrittenen Stadium lassen sich dann kleine Ablagerungen identifizieren, die aus abnorm veränderten Proteinen bestehen, was auch als Amyloidose bekannt ist.« Genau diese Proteine sind dafür verantwortlich, dass es zu den Gehirnfunktionsstörungen kommt, die als typisch für Alzheimer gelten.

Ihr weiteres Wachstum zu verhindern oder sie verschwinden zu lassen, war meist das Ziel der Forschung. »Wir wollten aber bereits viel früher eingreifen«, so Rosenblum. »Und zwar, bevor sich diese Ablagerungen zu bilden beginnen und der größte Risikofaktor eine Rolle spielen kann, nämlich das Alter.« In einer Versuchsreihe mit genetisch veränderten Mäusen konnte nun belegt werden, dass das Protein eIF2alpha durch seine Einwirkung auf die als Risikofaktor für Alzheimer bekannte E4-Variante eines anderen menschlichen Proteins die kognitiven Fähigkeiten noch recht junger Tiere erheblich einschränkt.

»Das ist das erste Mal, dass ein solcher Zusammenhang überhaupt festgestellt werden konnte«, freut sich Yfat Segev, eine der Mitarbeiterinnen von Rosenblum. »Und weil die Mechanismen dieses eIF2alpha-Proteins seit geraumer Zeit sehr intensiv erforscht werden, erhoffen wir uns bald Erkenntnisse darüber, wie man es manipulieren kann.« Auf diese Weise ließe sich viel früher medizinisch intervenieren und der Krankheitsverlauf eines Tages vielleicht deutlich verlangsamen. Im Kampf gegen die um sich greifenden Demenzerkrankungen wäre das ein wichtiger Schritt – was natürlich niemanden davon abhalten sollte, weiter zu beten oder im Garten zu arbeiten.

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