Ausstellung

Baumeister der Revolution

Als sich Eliezer »El« Lissitzky 1909 an der Kunsthochschule von Sankt Petersburg bewarb, wurde er dort als Jude abgewiesen. Daraufhin ging er nach Deutschland und studierte von 1909 bis 1914 Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt.

Der russische Antisemitismus konnte seinen Aufstieg nicht aufhalten. Nach der Oktoberrevolution 1917 gehörte Lissitzky zu den sowjetischen Avantgardisten, die mit dem Konstruktivismus zugleich die Kunstwelt revolutionierten und den Ideen des Kommunismus Ausdruck verliehen. Geometrische Elemente verband er in seinen »Proun«-Bildern zu Bildkompositionen, die eine große räumliche Wirkung auf zweidimensionaler Fläche erzielen.

El Lissitzky war aber nicht nur Maler, sondern auch Baumeister. Seine architektonischen Meisterwerke stammen beide aus dem Jahr 1924. Der Entwurf für die Lenin-Tribüne ist eine kranartige Stahlkonstruktion für den Führer der Bolschewiki: Diagonal ausziehbar ist sie mit gläsernem Aufzug und einer »Leinwand zur Verbreitung der Tagesparolen« versehen. Ähnlich bahnbrechend war Lissitzkys Entwurf für »Wolkenbügel«, Bürohäuser, die als Antithese zum amerikanischen Wolkenkratzer halbkreisförmig um den Moskauer Ring herum gebaut werden sollten, als moderne Triumphbögen ihrer Zeit.

konstruktivismus El Lissitzky war einer der »Baumeister der Revolution«. So lautet der Titel einer Ausstellung der Royal Academy of Arts in London, die derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Die Schau lenkt den Blick auf die Architektur der sowjetischen Avantgarde, die in Europa und auch in Russland selbst derzeit endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdientj.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs können westliche Architekturhistoriker erstmals einen Blick auf die Gebäude werfen, die sie bisher nur aus den Geschichtsbüchern kennen. Die Realität, die dabei zutage tritt, ist meist ernüchternd. Der britische Fotograf Richard Pare hat seit 1993 auf zahllosen Reisen nach Russland die wichtigsten erhaltenen Gebäude des Konstruktivismus fotografiert und so eine beeindruckende Bestandsaufnahme des Verfalls angefertigt. In der Berliner Ausstellung werden Pares Fotos mit Zeichnungen aus der Costakis-Kollektion aus Thessaloniki und historischen Fotos aus dem Schtschusew-Architekturmuseum Moskau kontrastiert.

Zu Beginn der Ausstellung grüßt ein Modell von Wladimir Tatlins Entwurf für das »Denkmal der III. Internationale« von 1919 die Besucher. Die Ingenieurskonstruktion prägt durch ihre dynamische Formensprache unser Bild von der Architektur des Konstruktivismus bis heute. Im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion und im Rahmen des ersten Fünfjahresplans 1928-32 wurde auch der Bau neuer Städte vorangetrieben.

Neu waren auch die Bauaufgaben: Kulturhäuser und Arbeiterclubs, Gewerkschafts- und Parteizentralen, aber auch Kraftwerke und Staudämme. Sie symbolisierten die Rolle der neuen proletarischen Klasse. Der Schabolowka-Radioturm von Wladimir Schuchow, 1922 aus sechs übereinander montierten Hyperboloiden errichtet, war mit 150 Metern der höchste Turm dieser Art und ein Meisterwerk russischer Ingenieurskunst. Die elegante, filigrane Struktur wurde zum Symbol der sowjetischen Moderne.

moisei ginzburg Kopf der Konstruktivisten war Moisei Ginzburg, der aus einer jüdischen Immobilienhändler-Familie aus Minsk stammte. Ebenso wie El Lissitzky musste er als Jude im Ausland studieren. Nur drei Jahre, nachdem er 1921 nach Moskau zurückkam, veröffentlichte Ginzburg mit seinem Buch Stil und Epoche das Manifest der Konstruktivistischen Architekten in der jungen Sowjetunion.

Seine Begeisterung für Technik und Ingenieurskunst kombinierte er mit sozialistischen Idealen. Kollektive Wohnanlagen sollten das Leben in der kommunistischen Gemeinschaft prägen. Schon bald nach seinem ersten Experiment mit den Gosstrakh-Apartments in Moskau von 1926 entwarf Ginzburg mit dem »Narkomfin«-Gebäude ein sozial-utopisches Haus, das exemplarisch die Träume vom sozialistischen Zusammenleben ausdrückte.

Der Wohnblock für Mitarbeiter des Kommissariats für Finanzen bot Dachgärten und Gemeinschaftsküche, Kindertagesstätte, Sporthalle und Waschküche – nur schlafen sollten die Bewohner noch allein.

verfall In den frühen 1930er-Jahren wandte sich Ginzburg von der Architektur ab und verstärkt städtebaulichen Planungen zu. Nachdem 1932 der freie Beruf des Architekten in der Sowjetunion verstaatlicht und die eklektische, stalinistische Architektur protegiert wurde, ging es mit den Avantgardisten wie Ginzburg jedoch bergab: Der monumentale Zuckerbäckerstil setzte sich in der Sowjetunion durch und die konstruktivistischen Meisterwerke der Moderne begannen, in einen Dornröschenschlaf zu verfallen, aus dem sie bis heute nicht recht erwacht sind.

Die »verlorene Avantgarde«, wie Pare sie nennt, wird zwar sukzessive wiederentdeckt, ihr weitergehender Verfall zeigt jedoch ein Bild der postsowjetischen Gesellschaft, die ihre Wurzeln erst noch entdecken muss.

»Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915–1935«. Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 9. Juli

www.gropiusbau.de

Soziale Netzwerke

Boris Becker teilt Zweifel an Hitlers Tod im Führerbunker

Floh der Nazi-Diktator nach dem Krieg in Südamerika? Der Ex-Tennisstar scheint den Gerüchten zu glauben

von Michael Thaidigsmann  03.04.2025

Streaming

Die Hollywood-Satire

In der neuen Serie »The Studio« hält der Kanadier Seth Rogen der Filmbranche den Spiegel vor

von Jens Balkenborg  03.04.2025

Bayern

Nazi-Raubkunst: Staatsminister um den Schlaf gebracht

Bayerns Kunstminister Markus Blume hat gleich mehrere Untersuchungen angekündigt. Auf seine eigene Rolle ging er kaum ein

von Michael Thaidigsmann  02.04.2025

München

Raubkunst-Debatte: Sammlungschef Maaz muss gehen

Auslöser für die Raubkunst-Debatte waren Berichte, wonach die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern nicht über NS-Raubkunst im Besitz der Staatsgemäldesammlungen informiert wurden

 02.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Wolfenbüttel

Buch von jüdischem Sammler an Erben übergeben

Vom Raubgut zur Schenkung: Ein Buch aus der Sammlung des Juden Benny Mielziner wurde an dessen Erben zurückgegeben. Und bleibt nun trotzdem öffentlich in der Herzog-August-Bibliothek

von Raphael Schlimbach  02.04.2025

Osnabrück

Neue Bilder werfen neues Licht auf jüdischen Maler Felix Nussbaum

Das Nussbaum-Haus erhielt die Bilder von Maryvonne Collot, einer Nachfahrin der mit Nussbaum befreundeten Familie Giboux-Collot aus Brüssel

 02.04.2025

Antisemitismus

Gert Rosenthal: »Würde nicht mit Kippa durch Neukölln laufen«

Die Bedrohung durch Antisemitismus belastet viele Jüdinnen und Juden. Auch Gert Rosenthal sieht die Situation kritisch - und erläutert, welche Rolle sein Vater, der Entertainer Hans Rosenthal, heute spielen würde

 01.04.2025

Berlin

Hans Rosenthal entdeckte Show-Ideen in Fabriken

Zum 100. Geburtstag des jüdischen Entertainers erzählen seine Kinder über die Pläne, die er vor seinem Tod noch hatte. Ein »Dalli Dalli«-Nachfolger lag schon in der Schublade

von Christof Bock  01.04.2025