Ausstellung

Avantgarde für den Alltag

Ein zitronengelbes Teeservice: Tassen und Kanne sind kegelförmig, die Gießöffnungen dreieckig, die Griffe kreisrund. Dieses vom Bauhaus inspirierte Design für ein Gebrauchsgeschirr zählte in den 20er-Jahren zum Fortschrittlichsten, was man haben konnte. Doch den Namen der Künstlerin, Margarete Heymann, kennen heute nur wenige. Sie ist eine von drei Keramikerinnen, die das Bröhan-Museum in Berlin-Charlottenburg in seiner neuen Sonderausstellung »Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919–1933« vorstellt.

180 Arbeiten führen exemplarisch die künstlerische Moderne der Zeit in der Weimarer Republik vor Augen. Die Ausstellung ist Teil des Berliner Themenjahres »Zerstörte Vielfalt«, das mit zahlreichen Veranstaltungen an die Machtübernahme der Nationalsozialisten vor 80 Jahren und die bis heute spürbaren Auswirkungen erinnert.

Auch die Entwürfe von Marguerite Friedlaender, die sie für die Staatliche Porzellanmanufaktur (KPM) in Berlin schuf, prägen elegante, zeitlos-moderne Formen, wie etwa eine Teekanne in Zylinderform. Die 1896 in Lyon geborene Tochter eines jüdischen Seidenhändlers kam nach Berlin, um sich als Holzbildhauerin ausbilden zu lassen.

Bauhaus Mit der Gründung des Bauhauses 1919 zieht sie nach Weimar und wird Lehrling in den Keramikwerkstätten in Dornburg. Mit der Umsiedlung des Bauhauses 1925 nach Dessau wird das Atelier geschlossen. Marguerite Friedlaender übernimmt an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle zunächst die Keramikklasse, dann die für Porzellan-Gestaltung.

»Es gab damals eine ganz fortschrittliche Kooperation zwischen der Burg Giebichenstein und der KPM«, berichtet Claudia Kanowski, die Kuratorin der Ausstellung. Das Angebot der KPM sollte modernisiert werden. Auf einem Plakat wirbt die Manufaktur mit dem Slogan »Porzellan für die Neue Wohnung«, abgebildet ist ein Mokkaservice von Marguerite Friedlaender.

Ihre eleganten Vasen, Schalen und Services sind noch heute Klassiker des KPM-Sortiments, doch ihr Name wird 1933 aus den Listen getilgt. Auch ihre Stellung an der Kunstschule muss sie aufgeben, sie emigriert über die Niederlande in die USA. Dort baut sie eine eigene Keramikwerkstatt auf – in Deutschland ist sie vergessen.

Gestalterin Auch Margarete Heymann, die künstlerisch radikalste der drei Gestalterinnen, beginnt ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar. Sie löst sich früh und wechselt bereits 1921 als Designerin zu den Steingutfabriken Velten-Vordamm bei Berlin. Mit ihrem ersten Mann, Gustav Loebenstein, gründet sie in Marwitz die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik. Ihre Entwürfe orientieren sich an konstruktivistischen Formen, sie benutzt kräftige Farben wie Uran-Orange, Türkis, Zitronengelb.

Während der Weltwirtschaftskrise 1929 gerät die Marwitzer Manufaktur in wirtschaftliche Schwierigkeiten, nach 1933 wird Margarete Heymann zur Zielscheibe der Nazis, ihre Kunst als »entartet« diffamiert. Ein Jahr später verkauft sie die Werkstatt – unter Wert – an die heute noch bekannte Keramikerin Hedwig Bollhagen. Diese ändert den künstlerischen Kurs der Manufaktur, übernimmt jedoch auch Entwürfe der Vorgängerin.

Heymann, die 1936 nach England emigriert, kann im Ausland nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Hedwig Bollhagen hingegen gelingt es, sich mit ihrer Alltagskeramik in drei politischen Systemen zu behaupten. Den Vorwurf, sie habe sich mit dem Kauf der Haël-Werkstatt an einer Konkurrentin bewusst bereichert, konnte eine 2008 erarbeitete Studie nicht bestätigen. Kuratorin Claudia Kanowski streift das Problem nur am Rand: »Es ist so, dass Margarete Heymann großes Unrecht widerfahren ist, aber Hedwig Bollhagen die Schuld zuzuschreiben, finde ich auch historisch problematisch.«

Erfolgsgeschichte Und schließlich erzählt die Ausstellung doch noch eine Erfolgsgeschichte: Die Keramikerin Eva Stricker kommt 1928 aus Ungarn nach Berlin. Mit ihren unkonventionellen Entwürfen findet sie rasch Auftraggeber. 1932 verlässt sie Deutschland jedoch, um in der Sowjetunion die neue Gesellschaft aufzubauen, gerät aber in den Strudel des stalinistischen Terrors. Über den Umweg Österreich gelingt ihr die Emigration in die USA. Trotz Heirat und Familie setzt sie ihre Karriere als Keramikerin fort und trägt maßgeblich zur Entstehung des amerikanischen »Organic Designs« bei. epd

Die Ausstellung ist bis zum 20. Mai, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, zu sehen.

Information: www.broehan-museum.de

Köln

Andrea Büttner schafft christlich-jüdisches Kunstwerk im Kölner Dom

Das geplante Kunstwerk solle die Geschichte des jüdischen Quartiers mit dem Dom verbinden, erklärte die Vorsitzende der Wettbewerbsjury

 03.04.2025

Restitution

Bremer Kunsthalle darf bedeutendes Pissarro-Gemälde behalten

Der niederländische Textilunternehmer Jaap van den Bergh hatte das Werk 1942 über Zwischenhändler an den Bremer Kaufmann Hugo Oelze verkaufen müssen, um sein Leben als von den Nazis verfolgter Jude im Untergrund finanzieren zu können

 03.04.2025

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. April bis zum 10. April

 03.04.2025

Todestag

Meister des himmlischen Blaus

Der Maler Marc Chagall starb vor 40 Jahren

von Jens Bayer-Gimm  03.04.2025 Aktualisiert

Streaming

Die Hollywood-Satire

In der neuen Serie »The Studio« hält der Kanadier Seth Rogen der Filmbranche den Spiegel vor

von Jens Balkenborg  03.04.2025

Bayern

Nazi-Raubkunst: Staatsminister um den Schlaf gebracht

Bayerns Kunstminister Markus Blume hat gleich mehrere Untersuchungen angekündigt. Auf seine eigene Rolle ging er kaum ein

von Michael Thaidigsmann  02.04.2025

München

Raubkunst-Debatte: Sammlungschef Maaz muss gehen

Auslöser für die Raubkunst-Debatte waren Berichte, wonach die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern nicht über NS-Raubkunst im Besitz der Staatsgemäldesammlungen informiert wurden

 02.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Wolfenbüttel

Buch von jüdischem Sammler an Erben übergeben

Vom Raubgut zur Schenkung: Ein Buch aus der Sammlung des Juden Benny Mielziner wurde an dessen Erben zurückgegeben. Und bleibt nun trotzdem öffentlich in der Herzog-August-Bibliothek

von Raphael Schlimbach  02.04.2025