Steinhardt-Museum

Artenvielfalt gestern und heute

Raus in die Natur oder in den Zoo – das klingt nach der besten Idee, wenn man Tiere sehen will. Aber ins Museum? Andererseits: Wo kann man heute noch den asiatischen Geparden sehen? Den gibt es schließlich seit 1911 nicht mehr. Oder den einheimischen Bären – der wurde in der Region letztmals 1916 lebend gesichtet. Auch das Krokodil aus dem Taninim-Fluss ist längst ausgestorben. Im neu eröffneten Steinhardt-Museum für Naturgeschichte hingegen können sich Besucher Exemplare dieser Tierarten genauer ansehen – und noch zahlreichen weiteren präparierten Tieren nahekommen.

Das Tel Aviver Museum ist das erste seiner Art in Israel und zeigt auf rund 1700 Quadratmetern mehr als 1000 Ausstellungsstücke. Besucher lernen etwas über die verschiedenen Lebensräume in Israel und wie sich Tierarten entsprechend angepasst haben. Auch erfährt man, wie der Mensch die Lebensräume verändert, teilweise gar zerstört hat.

Die Sammlung des Museums, die nur in Teilen zu sehen ist, umfasst rund fünfeinhalb Millionen Exemplare präparierter Tiere, die im Zoo oder in der freien Wildbahn gestorben sind oder vor vielen Jahrzehnten gejagt wurden – was heute zu Forschungs- und Ausstellungszwecken nicht mehr geschieht. Bislang schlummerten die Stücke versteckt in verschiedenen Fakultäten der Tel Aviver Universität, der Öffentlichkeit nicht zugänglich – darunter auch die historische Sammlung des deutschen Zoologen und katholischen Priesters Ernst Schmitz, der in Israel lebte.

Geldgeber Es war die Zoologin und Professorin Tamar Dayan, die das Museumsprojekt in den vergangenen 22 Jahren vorangetrieben hat – finanziell unterstützt von Michael Steinhardt, nach dem das Museum benannt ist, sowie von anderen Geldgebern, unter anderem auch von der Regierung. Umgerechnet rund 33 Millionen Euro hat das Museum gekostet, das zur Universität Tel Aviv gehört. Seit Anfang Juli kann vorerst eine begrenzte Anzahl von Besuchern die Ausstellungen im Norden der Stadt besichtigen – vorübergehend nur für vier Stunden am Tag, dafür zu einem reduzierten Preis, bis das Museum dann Ende August regulär öffnet.

Die Museumsmacher wollen die Zeit als Testphase nutzen: Finden sich die Besucher zurecht? Verstehen sie, dass sie die verschiedenen Federarten berühren dürfen – und auch die Knochen an der Wand, um zu spüren, wie leicht der Knochen eines Vogels ist im Vergleich zu dem eines Säugetiers? Halten sich die Besucher an die Anweisungen, dass die ausgestopften Affen, Ameisenbären und Hasen nicht angefasst werden dürfen?

Noch sind zahlreiche Ausstellungsobjekte nämlich nicht durch eine Glaswand von den Besuchern getrennt – und wenn es nach Tamar Dayan, der heutigen Vorsitzenden des Museums, geht, soll das auch so bleiben. Die Testwochen sollen zeigen, ob das Konzept aufgeht. Erst dann öffnet das Museum ganztägig und für eine unbegrenzte Anzahl von Besuchern. Mit 150.000 pro Jahr wird gerechnet.

Ökosysteme Der Fokus des Museums liegt auf der Naturgeschichte des Landes – das wird bereits im Eingangsbereich deutlich. Dort schweben jene Vogelarten in der Luft, die im Herbst Israel passieren, auf dem Weg zu ihren Überwinterungsplätzen im Süden. Mittlerweile bleiben einige von ihnen sogar und verbringen die kalten Monate hier. 500 Millionen sind es jährlich, darunter der große weiße Pelikan, der größte Zugvogel, sowie der Weidenlaubsänger, der kleinste.

Außerdem erfahren Besucher gleich zu Beginn von den sechs verschiedenen Lebensräumen für Tiere in Israel: von der Wüste bis zur Gebirgsregion am Hermon-Berg. So vielfältig ist das Land, dass es hier gleich drei Igelarten gibt: den Wüsten-, den Sand- und den europäischen Igel, jeweils angepasst an unterschiedliche Lebensbedingungen.

Der Gedanke hinter der Gründung des Museums ist auch, den Besuchern – vor allem Stadtbewohnern mit wenig Bezug zur Natur – die Lebenswelt der Tiere näherzubringen, wie und wovon sie leben, was sie brauchen und wie sie durch die Eingriffe des Menschen gefährdet werden. »Im Vergleich zu Deutschen sind sich Israelis weniger dessen bewusst, dass die größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert die Umwelt ist. Wir verlieren Arten und Ökosysteme mit einer nie da gewesenen Schnelligkeit«, erklärt Tamar Dayan.

So sollen die Besucher verstehen, wie der Mensch die Natur in Israel in den vergangenen 150 Jahren beeinflusst hat – nicht immer zum Positiven. »Wir befanden uns in einem Dilemma: Wir wollten als Museum die Öffentlichkeit auf die Veränderung der biologischen Vielfalt aufmerksam machen. Aber es sollte interessant sein, nicht beängstigend und vor allem nicht urteilend«, sagt Tamar Dayan. Schließlich habe der Mensch die Erde nicht aus bösem Willem verändert. Doch das Bevölkerungswachstum – allein in Israel stieg die Bevölkerung von einer Million Menschen im Jahr 1950 auf heute 8,5 Millionen – hat Spuren hinterlassen.

Forschung Und den Museumsmachern ist es gelungen, diese verständlich darzustellen – zum Beispiel anhand einer vereinfachten, interaktiven Karte Israels aus dem 19. Jahrhundert, auf der Besucher durch Handauflegen sehen können, wie sich das Land verändert hat: Die Öffnung des Suezkanals brachte die Quallenplage an die Strände. Das massenhafte Abpumpen von Wasser aus dem Kinneret führt dazu, dass nach und nach das Tote Meer und der Jordan austrocknen. Die Trockenlegung des Hula-Tals ließ einige Tierarten verschwinden. Durch die Jagd starb der syrische Braunbär aus.

In einem kurzen Videoclip und an zahlreichen Erklärtafeln erfahren Besucher, wie durch Unmengen von Plastikmüll die Meere zerstört werden. Die Ausstellung zeigt aber auch, wie der Mensch von der Natur abhängt: wie Bäume für Möbel und als Heizmaterial genutzt werden oder Bienen dafür sorgen, dass Pflanzen bestäubt werden, die wir später als Lebensmittel nutzen.
Doch das neue Museum ist nicht nur Ausstellungsort, sondern auch Forschungszentrum: »Applied policy relevance research« heißt der Bereich. Hier sollen Forschungsergebnisse entstehen, die beispielsweise für Politiker relevant sind und auf Basis derer sie Entscheidungen hinsichtlich des Managements natürlicher Ressourcen treffen sollen.

»Die Welt beschäftigt sich derzeit mit biologischer Vielfalt und Erhalt, mit Ökosystemen und Umweltschutz«, erklärt Tamar Dayan. Sie hält das Timing für die Eröffnung des Museums samt Forschungsabteilung in Israel deshalb für perfekt. »Ich schätze mich glücklich, in diesen Zeiten Ökologin zu sein, denn wir befinden uns an der vordersten Front der Herausforderungen der Menschheit. Es ist ein Privileg, dieses Museum gerade jetzt eröffnet zu haben.«

www.smnh.tau.ac.il/en

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  01.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 01.01.2026 Aktualisiert

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025

Shkoyach! Die Kulturkolumne

Der »Seinfeld«-Effekt oder: Curb your Antisemitism!

2026 kann ja heiter werden

von Sophie Albers Ben Chamo  31.12.2025

Sprachgeschichte

Rutsch, Rosch und Rausch

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln?

von Christoph Gutknecht  31.12.2025 Aktualisiert

Programm

Götter, Märchen und Le Chaim: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Dezember bis zum 13. Januar

 31.12.2025

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 28.12.2025

Film

Spannend, sinnlich, anspruchsvoll: »Der Medicus 2«

Nach zwölf Jahren kommt nun die Fortsetzung des Weltbestsellers ins Kino

von Peter Claus  25.12.2025