Militärgeschichte

Angriff aus dem Untergrund

Römer vor Ambrakia, Zeichnung von 1370 Foto: akg-images / Jean-Claude Varga

Erklärtes Ziel der israelischen Militäroffensive »Protective Edge« im Gazastreifen ist es – neben dem Stopp des Raketenbeschusses –, die »terroristische Infrastruktur« der Hamas nachhaltig zu schädigen. Mit »terroristischer Infrastruktur« ist das weit verzweigte Tunnelsystem gemeint, das die Hamas unter dem Gazastreifen angelegt hat.

Die Zerstörung der Tunnel ist allerdings schwieriger, als die israelische Armee erwartet hatte. »Tunnel sind eine mittelalterliche Taktik. Das ist so ›low tech‹, dass wir das im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf dem Radar hatten«, zitiert »Spiegel Online« Michael Oren, einen ehemaligen Geheimdienstoffizier und israelischen Ex-Botschafter in Washington.

Festung Aus historischer Sicht ist »mittelalterlich« nicht ganz richtig. Denn der sogenannte Tunnelkrieg ist noch viel älter. Bereits in der Antike, genauer im 2. Jahrhundert v.d.Z., wandten die Römer diese Taktik in einem längst vergessenen Krieg an. Bei der Belagerung der antiken Stadt Ambrakia, dem heutigen Arta an der griechischen Westküste, gruben sie in tagelanger Arbeit einen Tunnel von außen mitten in die Stadt.

Geplant war, einen Angriff aus der Festung des Gegners heraus zu starten. Obwohl die Römer die ausgehobenen Erdmassen sorgfältig versteckt hatten, entdeckten die Verteidiger den Tunnel und begannen, selbst einen zu graben. Als sie auf den Schacht der Römer stießen, füllten sie diesen mit brennenden Federn. Die Angreifer erstickten jämmerlich.

Einer ähnlichen Kriegslist bedienten sich die Belagerer im Mittelalter. Auch sie gruben Tunnel unter den Burgen der Belagerten hindurch, füllten sie mit Holz und zündeten sie an – in der Hoffnung, die Burgen, die bis ins 12. Jahrhundert ebenfalls aus Holz gebaut waren, würden zusammenbrechen. Diese frühen Varianten der unterirdischen Kriegsführung waren für die Angreifer allerdings oft gefährlicher als für die Verteidiger.

Weltkrieg Viel größere Dimensionen hatte der Tunnelkrieg in Europa im Ersten Weltkrieg. Nun ging es nicht mehr darum, gegnerische Befestigungen in die Luft zu jagen, sondern den Stellungskrieg zu überwinden und hinter die feindlichen Linien zu gelangen. Eine der ambitioniertesten Operationen waren die Tunnel von Arras. In der nordfranzösischen Stadt hatten die Alliierten ab Herbst 1916 unterirdische Steinbrüche zu einem 20 Kilometer langen Netzwerk verbunden.

Die Stadt unter Tage bot Platz für 24.000 Mann und hatte alles, was Soldaten damals zum – bescheidenen – Leben brauchten: Strom und Licht aus einem eigenen Elektrizitätswerk, Küchen und sogar ein Spital. Am frühen Morgen des 9. April 1917 – es war der Ostermontag – kam der Befehl zum Angriff. Die Soldaten, größtenteils Briten und Neuseeländer, strömten aus den Tunneln den überraschten Deutschen entgegen. In den folgenden Tagen konnten die Alliierten zwölf Kilometer Front gewinnen – verglichen mit dem, was im Stellungskrieg üblich war, war das ein gewaltiger Erfolg.

Guerilla Aus dem Nichts auftauchen, überraschend zuschlagen und wieder verschwinden, bevor der Feind reagieren kann: Das ist die klassische Taktik des Guerillakampfes. Es war nicht von ungefähr der vietnamesische General Võ Nguyen Giap (1911–2013), neben Mao Tse-Tung und Che Guevara einer der bekanntesten und wichtigsten Theoretiker des Guerillakrieges, der den Tunnelkrieg mit unterirdischen Stützpunkten, Labyrinthen für den Rückzug und Überraschungsangriffen weiterentwickelte.

Dieser Taktik Giaps verdankten die vietnamesischen Vietminh unter anderem ihren Sieg über die Franzosen bei Dien Bien Phu (Mai 1954). Kurz darauf perfektionierten die Vietcong das Tunnelsystem. Sie bauten es über mehrere Hundert Kilometer und auf drei Ebenen aus. Den Amerikanern gelang es nach eigenen Angaben nie, die unterirdischen Stollen endgültig zu zerstören.

Diese Erfahrung macht jetzt auch die israelische Armee. Denn die Hamas hat den Gazastreifen systematisch untertunnelt. Die Tunnel dienen als Waffenlager und Abschussrampen, aber auch als Rückzugsraum für die Hamas-Anführer. Die Kommandozentrale der Islamisten-Organisation befindet sich angeblich unter dem Schifa-Spital, der größten Klinik im Gazastreifen. Ferner wurden Tunnel unter der Grenze zu Israel hindurchgegraben. In bewährter Guerilla-Manier können die Hamas-Kämpfer blitzschnell aus diesen Tunneln in Israel auftauchen, Ziele attackieren oder Geiseln nehmen.

Die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen mögen die Menschen in Israel verängstigen, sie richten aber kaum Schaden an. Viel gefährlicher sind aus militärischer Sicht die Tunnelsysteme der Hamas. Israel Ziel war, diese Tunnel zu zerstören. Doch nur die Islamisten wissen genau, wie viele es davon gibt, wo die Zugänge sind und wie sie miteinander verbunden sind. Und sobald der Gazakrieg 2014 zu Ende ist, wird die Hamas wieder zu graben beginnen.

Die Autorin ist Militärhistorikerin und Leiterin der außenpolitischen Redaktion der »Nordwestschweiz«.

Geschichtsforschung

Mörderische Mitmacher

Der Historiker Götz Aly geht in seinem neuen Buch der »zentralsten Frage aller deutschen Fragen« nach: »Wie konnte das geschehen?«

von Till Schmidt  04.01.2026

Aufgegabelt

Gesunder Januar-Saft

Rezepte und Leckeres

 04.01.2026

Medizin

Mit mRNA-Impfstoff gegen die Lungenpest

In Israel ist der weltweit erste mRNA-basierte Impfstoff gegen ein tödliches antibiotika-resistentes Bakterium entwickelt worden

von Sabine Brandes  03.01.2026

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 02.01.2026 Aktualisiert

Theater

Zwischen Witz und Wut

Avishai Milstein erinnert in seinem neuen Stück in den Münchner Kammerspielen an Philipp Auerbach – mit Samuel Finzi in der Hauptrolle

von Michael Schleicher  02.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

Der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin wird 100 Jahre alt. Er floh 1939 nach Shanghai und ging 1947 in die USA. Heute fragt er sich, ob wir aus der Geschichte gelernt haben

von Axel Brüggemann  02.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025