USA

Zwischen Normalität und Tod

Eine Seite aus dem Tagebuch von Joseph Stripounsky Foto: dpa

Das United States Holocaust Memorial Museum in Washington will mit einem großen Erinnerungsprojekt Zeitzeugenberichte aus der NS-Zeit erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Dafür werden Tagebücher von Holocaust-Überlebenden und Opfern, geschrieben während der Zeit der Nazi-Gräuel, übersetzt und digitalisiert.

Dem Museum liegen rund 200 Tagebücher in 17 Sprachen vor. Die Veröffentlichung dieser »Beweisstücke« sei wichtig, um den Holocaust besser zu verstehen und Holocaust-Leugner zu widerlegen, sagt Museumsmitarbeiterin Dana Weinstein. Das Projekt soll mit Spenden finanziert werden.

tagebücher Man wolle die vielfältigen Stimmen der Opfer erklingen lassen, erläutert Kuratorin Kyra Schuster. Es geht um Bruchstücke aus Lebensgeschichten zwischen Normalität und Tod. Ruth Müller aus Mannheim schreibt in einem mit Bleistifthalter versehenen rot umrandeten Tagebuch von ihrem Teenager-Leben Anfang der 30er-Jahre: der erste Kuss mit 15. 1937, ein paar Jahre später, hätte es ernst werden können. »Der Mann wollte mich heiraten und ich ihn auch! Aber der elende Hund Hitler, das Saustück. Arierparagraph ...«

»Wir trafen uns noch einige Male, aber es hat keinen Zweck«, notiert die junge Frau. Ruths Mutter Marie war Jüdin. 1939 erhielten die Müllers die Einreisegenehmigung nach England, mit dem Zug sei es von London »vorbei an verdunkelten Bahnhöfen« nach Manchester gegangen, und von dort in die USA.

Er rede nicht gerne über diese Zeit, es tue weh, sagt der 81-jährige A.C. Strip, der heute noch als Rechtsanwalt in Ohio aktiv ist. Eines der Tagebücher wurde von seinem Bruder Joseph 1940 und
1941 auf der Flucht vor den Nazis geschrieben. Stripounsky hieß die Familie damals, sie lebte in Antwerpen. A.C. war fünf Jahre alt, Joseph 17, als die Deutschen im Mai 1940 kamen.

erinnerungsstücke Die jüdische Familie hat nur das Notwendigste gepackt – und ein paar Erinnerungsstücke und Schabbatkerzen. Joseph nahm ein kariertes Mathematik-Schulheft mit, in dem er Tagebuch führte über das Jahr der Flucht durch Frankreich, Spanien und Portugal und schließlich in die USA, mit Zeichnungen und Landkarten. In Frankreich wurden die Stripounskys von einer Bauernfamilie aufgenommen. »Das bedeutete, wir hatten zu essen«, erinnert sich Strip.

Er habe als kleiner Junge gar nicht bemerkt, dass Joseph schrieb. Überrascht habe ihn das hinterher aber nicht. Sein mit 91 Jahren verstorbener Bruder sei ein sehr sorgfältiger Mensch gewesen. In den USA sei er Ingenieur geworden. Mehrere Verwandte wurden dagegen von den Nazis ermordet

Sydney Goodman schrieb ganz klein auf der Rückseite von Familienfotos. Der US-Soldat war als Kriegsgefangener aus Stalag IX-B bei Bad Orb nach Berga gebracht worden, als »Sklave«, wie er schrieb. Berga war Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Ankunft am 13. Februar 1945. »Sah zahlreiche Gefangene – Franzosen, Tschechen, Russen, usw. Auch internierte Juden ... Sah jüdische Kinder 10–15 Jahre alt ... Ein trauriges Bild«.

häftlinge In Berga wurde für die Rüstung produziert. Die Häftlinge mussten Stollen anlegen für die unterirdische Produktion: »Die Jungs werden zu Skeletten ...« Am 22. März schrieb Goodman. »Heute Morgen ist ... Schultz an Hunger gestorben ... Gestern Nacht Gerüchte, dass der Krieg vorbei ist«. Sydney Goodman hat überlebt.

Bei einem Tagebuch ist der volle Namen der Autorin nicht bekannt. Es sind brüchige und versengte Fragmente aus Warschau, geschrieben von einer jungen Widerstandskämpferin, die den Namen Debora verwendete. Debora schrieb über das Morden der Deutschen. Ihre Mutter sei erschossen worden. »Niemand kann sich das Gefühl vorstellen. In einem brennenden Ghetto zu sein, nur unter Leichen.«

Debora kam bei dem bewaffneten Aufstand gegen die Deutschen 1944 ums Leben. Das Holocaust-Museum habe das Tagebuch von den Kindern einer verstorbenen Mitkämpferin von Debora erhalten, erklärt Kuratorin Schuster. Debora habe der Freundin gesagt, wo sie das Tagebuch finden würde, sollte sie nicht überleben.

Seit einigen Wochen bemüht sich das Holocaust-Museum mit einer Online-Spendenkampagne um Mittel für das Erinnerungsprojekt. Die Kampagne habe am 12. Juni begonnen, sagt Dana Weinstein, dem Geburtstag von Anne Frank. Deren Tagebuch sei ein »Katalysator« gewesen für junge Menschen, sich mit dem Holocaust zu befassen. Mehr als 3000 Spenden sind bereits eingegangen. Ziel sind 250.000 Dollar binnen eines Monats.

Rotterdam

Wieder Brandanschlag auf Synagoge - diesmal in Holland

Erneuter Terrorakt gegen die jüdische Gemeinschaft: Am Freitagmorgen wurde am Eingang des Gotteshauses der jüdischen Gemeinde Rotterdam ein Feuer gelegt

 13.03.2026

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 13.03.2026 Aktualisiert

Michigan

Antisemitischer Anschlag: Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet. Donald Trump spricht von einer »schrecklichen Sache«

 13.03.2026 Aktualisiert

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  12.03.2026

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026

Supercentenarians

Älteste Holocaust-Überlebende Mollie Horwitz wird 110 - oder gar 113

Mit 110 Jahren steigen Hochbetagte auf in die Gruppe der »Supercentenarians«, von denen es nicht viele auf der Welt gibt. Gehört Mollie Horwitz jetzt dazu oder schon seit drei Jahren, wie Wissenschaftler vermuten?

von Christiane Laudage  11.03.2026

Brüssel

Belgische Juden fordern Antisemitismusbeauftragten

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die Synagoge von Lüttich verlangt der jüdische Dachverband CCOJB größere Anstrengungen der Politik im Kampf gegen Judenhass

 10.03.2026

Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

In seinem Jahresbericht zum Antisemitismus verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zwar einen Rückgang bei tätlichen Angriffen - aber einen massiven Zuwachs im Online-Bereich

von Michael Thaidigsmann  10.03.2026