Rumänien

Worte ohne Taten

Holocaust-Mahnmal in Bukarest Foto: dpa

Seit vergangenem Herbst erinnert ein Holocaust-Mahnmal in der Bukarester Innenstadt an die während des Faschismus in Rumänien begangenen Verbrechen. Eine Gedächtnishalle soll das Andenken an die 300.000 ermordeten Juden und Roma bewahren helfen. Das Mahnmal ist einige Meter ins Erdreich eingelassen – der Besucher steigt beim Betreten in die Vergangenheit hinab. Die Konstruktion besteht aus Beton, im Inneren aus poliertem Granit. Durch die Öffnungen im Dach dringt Tageslicht von außen ein und wirft eine Schraffur aus Licht und Schatten, die mit der Zeit über die Steine wandert – Ausdruck für die Vergänglichkeit. Entworfen wurde das Mahnmal von dem rumäniendeutschen Bildhauer Peter Jacobi.

Ein Schuldbekenntnis des rumänischen Staates – ohne jeden Zweifel: Man liest die Namen der Opfer, die Deportationsorte. Damit lässt sich der Holocaust nicht mehr leugnen. Doch werden Mahnmal und Opferzahlen Betroffenheit auslösen? Was fehlt, ist ein Dokumentationszentrum mit den Geschichten der Opfer so wie am Berliner Mahnmal. Der jüdisch-rumänische Historiker Andrei Oisteanu macht den Unterschied zwischen beiden Gedenkstätten deutlich: »Wir sind irgendwo erst am Anfang, die Geschichte zu akzeptieren. Deutschland hat das in den 50er-, 60er-Jahren gemacht. Ein Mahnmal im heutigen Berlin beginnt einen Prozess abzuschließen, ein Mahnmal im heutigen Bukarest beginnt einen Prozess anzustoßen.

Staatseigentum Anlässlich der Einweihung sagte Staatspräsident Traian Basescu, es sei die Pflicht Rumäniens, «den Völkermord während des Zweiten Weltkrieges anzuerkennen» und die Opfer zu ehren. Wovon er nicht sprach, war die aus dem Schuldbekenntnis resultierende Pflicht zur Wiedergutmachung. Fast 60 Jahre lang waren Völkermord, Verfolgung und Enteignungen totgeschwiegen worden. Der in der Zeit der Antonescu-Diktatur in Staatseigentum überführte jüdische Besitz wurde nach 1945 erneut enteignet; damit wurden die Enteignungen legitimiert.

Erst im Jahr 2004 legte eine internationale Historikerkommission eine umfassende Beweissammlung vor. Seither wird der Völkermord an Juden und Roma als Thema im Geschichtsunterricht überhaupt behandelt. 2007 folgte eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, herausgegeben vom Staatlichen Institut zum Studium des Holocaust in Rumänien. Der Historiker Andrei Pippidi, Mitglied der Expertenkommission, sieht noch ein weiteres Problem: «Bis auf die Holocaustüberlebenden kennt der Rest des rumänischen Volkes die Fakten nicht, und ich würde sogar sagen, dem Volk gefällt es auch nicht, diese Informationen zu hören.»

Säuberung Das Antonescu-Regime war an der Ermordung von mehr als 280.000 Juden und 11.000 Roma direkt beteiligt und steht somit in der Schreckenshierarchie des Holocaust an zweiter Stelle nach Deutschland. Die Pogrome von Iasi Ende Juni 1941 waren der Beginn des von Marschall Ion Antonescu erdachten Planes zur ethnischen Säuberung des rumänischen Territoriums. Antonescus «Lösung» nahm vorweg, was ein halbes Jahr später auf der Wannsee-Konferenz als «Endlösung» beschlossen wurde.

Der 2008 von den Bukarester Historikern Felicia Waldman und Mihai Chioveanu veröffentlichte Beitrag Public Perceptions of the Holocaust in Post-Communist Europe dokumentiert die zögerliche Restitutionspolitik des rumänischen Staates. Erst im August 1999 wurde das Gesetz zur Wiedergutmachung für die Opfer des Kommunismus aus dem Jahre 1990 um den Personenkreis der Opfer des Faschismus ergänzt. Ein 2002 verabschiedetes Gesetz ermöglichte der Vereinigung der Juden in Rumänien (FEDROM), die 1.809 von den Kommunisten beschlagnahmten Gemeindeimmobilien zurückzufordern, ohne Berücksichtigung der in der Zeit des Faschismus enteigneten 1.042 Immobilien. Bis heute fand in nur 50 Fällen eine Rückübertragung statt. Die Zahl der Immobilien, die sich in jüdischem Privatbesitz befanden, lässt sich nur erahnen.

Korruption Die letzten Nachkommen eines Fabrikdirektors aus Timisoara führen seit mehr als zehn Jahren einen Prozess um die Rückgabe der enteigneten Immobilie. Eine 2008 beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingelegte Beschwerde offenbarte die hohe Zahl der seit den 90er-Jahren verschleppten Rückgabeverfahren. «Gegen die Korruption und Willkürpraxis im rumänischen Justizapparat hat der einzelne Kläger keine Chance. Ich weiß von vielen Betroffenen, die bereits aufgegeben haben», sagt eine Verwandte aus Bukarest. Es sei an der Zeit, dass sich das Europäische Parlament damit beschäftige.

Noch ist nicht abzuschätzen, wie viele Rückgabeverfahren in Zukunft auf den rumänischen Staat zukommen werden. Eines machen diese Erfahrungen jedoch deutlich: Rumänien ist bei der Aufarbeitung der Verbrechen seiner Vergangenheit noch lange nicht in Europa angekommen. Daran ändert auch der Bau eines Mahnmals wenig. Dem Eingeständnis von Schuld müssen nun Taten folgen.

Frankreich

Französisches Gericht: Antisemitismus kein Motiv für die Vergiftung jüdischer Familie durch Nanny

Ein Gericht in Versailles sieht Antisemitismus nicht als Motiv des Versuchs einer Nanny, ihre Arbeitgeber und deren Kinder zu vergiften

 19.04.2026

Spanien

Madrid ist raus

Premier Pedro Sánchez geriert sich und seine Anti-Israel-Politik seit dem 7. Oktober 2023 als vorbildlich. Das hat nun Folgen

von Michael Ludwig  19.04.2026

Iran

Iran macht Öffnung der Straße von Hormus rückgängig

Keine 24 Stunden nach der Zusage des Iran, die Straße von Hormus zu öffnen, wurde sie wieder zurückgenommen.

 19.04.2026

Frankreich

43 Jahre nach Anschlag auf jüdisches Lokal: Verdächtiger Palästinenser ausgeliefert

Der Anschlag auf das »Chez Jo Goldenberg« in der französischen Hauptstadt am 9. August 1982 erschütterte das Land und seine jüdische Gemeinschaft schwer

 17.04.2026

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thaidigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026