Guatemala

Wo Europas Juden Schutz fanden

Das historische Zentrum von Guatemala-Stadt ist eine architektonische Schatzkammer des kolonialen Erbes. Wuchtige Gebäude säumen die schachbrettartig angelegten Straßen. Auch das Haus in der 6 Avenida 1-88 im Barrio San Sebastián zeugt von der einstigen kolonialen Üppigkeit. Der Boden ist noch mit den traditionellen Kacheln aus jener Epoche ausgelegt, Rundbögen begrenzen die Raumdurchgänge und ein überdachter Umlauf den sogenannten spanischen Patio.

Das Glanzstück kolonialer Architektur wird ab Anfang kommenden Jahres das Museo del Holocausto beherbergen, das erste Museum Mittelamerikas, das sich der Schoa widmet. Die Idee für das Museum geht auf eine Privatinitiative zurück – ins Leben gerufen von Enkeln von Holocaust-Überlebenden.

patrick desbois Mitgründer ist der katholische Priester Patrick Desbois aus Frankreich. Er ist Vorsitzender der christlich inspirierten Organisation »Yahad – In Unum«. Der Name bedeutet auf Latein und Hebräisch »Gemeinsam – in einem«. Die gemeinnützige Einrichtung kümmert sich vor allem um die von Nazideutschland hinterlassenen Massengräber in der ehemaligen Sowjetunion. Die Organisation hat bislang rund 3000 von ihnen katalogisiert, und die Opfer wurden zum Teil identifiziert.

Geschäftsführer in Frankreich ist der Guatemalteke Marco Gonzáles. Als er, Desbois und die israelische Künstlerin Mira Maylor vor einiger Zeit einander begegneten, war die Idee schnell geboren. »Unsere Zusammenarbeit stellt ein wichtiges Mittel dar, um weltweit Toleranz, Mitgefühl und Humanität zu fördern«, sagt Maylor.

Marco Gonzáles erhofft sich vor allem etwas für sein Land, das jahrzehntelang von Gewalt und Bürgerkrieg erschüttert wurde. »Wo Gewalt alltäglich war, lässt sich, wenn man die Folgen von Gleichgültigkeit aufzeigt, eine Änderung der Gesellschaft herbeiführen«, sagt Gonzales, der die Umbaumaßnahmen des historischen Hauses geleitet hat.

ausstellung Die Räume des Holocaust-Museums sind zwar seit einem Jahr für das Publikum geöffnet, die eigentliche Ausstellung über das Leiden der Juden während der Schoa ist jedoch noch nicht zu sehen. »Wir hoffen, dass wir die Dauerausstellung Anfang 2018 eröffnen können«, sagt Museumsdirektorin Marsha Pamela López. » Wir sind auf Spenden angewiesen und noch dabei, das nötige Geld für die kostspielige Präsentation der Exponate einzuwerben.«

Die Mehrzahl der Ausstellungsstücke lagert bereits im Museum. Jüdische Einwanderer, die in den 30er-Jahren auf der Flucht vor Verfolgung in Guatemala Schutz fanden, haben alte Koffer, Reisepässe, Schiffslisten, Einreise- und Visastempel gestiftet, damit sie der Öffentlichkeit präsentiert werden können. Augenzeugenberichte sollen den künftigen Besuchern das Schicksal der Verfolgten verdeutlichen. »Wir werden Originalstücke von Stacheldraht aus einem Lager zeigen sowie ein Stück Eisenbahnschiene und Schuhe, die den Ermordeten abgenommen wurden«, berichtet López.

Zur Eröffnung vor einem Jahr präsentierte Yahad – In Unum die Ergebnisse ihrer Recherchearbeit in einer Ausstellung mit dem Titel »Holocaust der Kugeln«. Derzeit zeigt Mira Maylor ihren künstlerischen, sehr subjektiven Umgang mit den Erinnerungen von inzwischen verstorbenen Schoa-Überlebenden.

erziehungsministerium »Sehr zentral für uns wird jedoch die Bildungsarbeit mit guatemaltekischen Schülern sein«, sagt Marsha López. Basis dieser Arbeit ist eine Vereinbarung mit dem Erziehungsministerium des Landes. Das hat das Thema Holocausterziehung für Schüler im Alter zwischen 15 und 16 Jahren zum Pflichtfach gemacht. Außerdem entstand in Zusammenarbeit des Bildungsministeriums mit der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem und der jüdischen Gemeinde Guatemalas eine Webseite, auf der sich Schüler und Lehrer fachbegleitend informieren können.

Ungefähr 6000 Schüler haben das Museum bereits besucht, berichtet Yehudi Sabbagh, der Präsident der heute knapp 1000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde des Landes. »Wir hoffen, dass diese Zahl weiter steigen wird – im Interesse eines toleranteren und fortschrittlicheren Guatemalas.«

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026

Italien

Pride in Rom schließt jüdische LGBTQ-Organisationen aus

Die Organisatoren der Rome Pride Parade verbannen jüdische LGBTQ-Gruppen, die sich nicht von einem angeblichen Völkermord in Gaza distanzieren

von Nicole Dreyfus  27.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

New Jersey

Donald Newhouse mit 96 Jahren gestorben

Er war einer der einflussreichsten Medienmanager in den USA. Das Rampenlicht suchte er nur selten

 27.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Nachruf

Barney Frank mit 86 Jahren gestorben

Als liberale Stimme im Washingtoner Kongress prägte der jüdische Abgeordnete der Demokraten sowohl die Debatten über Finanzmarktregulierung als auch über die Rechte von Homosexuellen

 20.05.2026

Spanien

Mordverdacht: Sohn von Mango-Gründer festgenommen

Die Polizei in Katalonien hat Medienberichten zufolge den Sohn des Mango-Gründers und Philanthropen Isaak Andic festgenommen. Jonathan Andic war als einziger dabei, als sein Vater im Dezember 2024 einen Abhang hinunterstürzte

 19.05.2026