Brüssel

»Wir wollen eine Stimme der Vernunft sein«

»Es ist uns wichtig, dass die Verantwortlichen in Brüssel verstehen, wie vielfältig das Judentum ist«: Sonja Guentner, Vorsitzende der Europäischen Union für das Progressive Judentum (EUPJ) Foto: Darryl Egnal

Frau Guentner, viele jüdische Gruppen unterhalten Büros in Brüssel. Vergangene Woche hat dort auch Ihre Organisation ein Büro eröffnet. Was beabsichtigen Sie damit?
Unser Dachverband, die World Union for Progressive Judaism, ist der weltweit größte Zusammenschluss von religiösen Juden. Als europäischer Zweig ist es unser Anliegen, hier im Herzen der EU sichtbarer zu werden, unsere Anliegen einzubringen. Dabei wollen wir durchaus ein eigenes Profil entwickeln. Uns ist es wichtig, dass die Verantwortlichen hier verstehen, wie vielfältig das Judentum ist. Entgegen der vorherrschenden Meinung in Brüssel besteht es nicht nur aus Männern mit schwarzen Hüten und Bärten. Die Mehrheit der Juden ist für die volle Gleichberechtigung der Geschlechter, für inklusive und pluralistische Strukturen sowohl in den jüdischen Gemeinden als auch in der Gesellschaft allgemein.

Als was für eine Stimme wollen Sie in Brüssel hörbar werden?
Das Judentum hat nie mit nur einer Stimme gesprochen, und das ist womöglich auch der Grund dafür, warum es heute allen Widrigkeiten und Anfeindungen zum Trotz immer noch Juden gibt. Wir wollen hier in Brüssel eine Stimme der Vernunft sein, eine Stimme der Solidarität mit den Schwächeren in der Gesellschaft und eine Stimme, die für den Dialog eintritt.

Welche Themen stehen für Sie und Ihr neues Büro ganz oben auf der Agenda?
Leider ist der Kampf gegen den Antisemitismus noch immer und jetzt wieder zunehmend ein Thema, das wir mit großer Aufmerksamkeit bedenken müssen. Wir haben eine Studie zu Holocaustleugnung und Revisionismus in Auftrag gegeben, die im Januar vorgestellt werden soll. Wir werden auch Fragen der Anerkennung progressiven jüdischen Lebens in den Ländern der EU diskutieren müssen. Vor allem aber wollen wir eine progressive jüdische Stimme einbringen zu gesellschaftsrelevanten Fragen wie den Themen Flüchtlinge und Schutz der Lebensgrundlagen.

Welche Rolle spielt die Europäische Union aktuell, und welche sollte Sie Ihrer Meinung nach in Bezug auf den Schutz und die Förderung jüdischen Lebens in Europa künftig spielen?
Die amtierende Europäische Kommission, und da vor allem Vizepräsident Frans Timmermans, hat schon jetzt mehr für den Schutz des Judentums getan als ihre Vorgänger. Es gibt eine Antisemitismusbeauftragte, EU-Fördermittel für den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften und für Projekte gegen Antisemitismus. Außerdem engagiert sich die EU im Kampf gegen Hass und Hetze im Internet. Aber es gibt noch einiges zu tun. Wir hoffen, dass wir mit unserer Präsenz in Brüssel einen guten Beitrag leisten können.

Wie sehen Sie die künftige Zusammenarbeit mit anderen jüdischen Organisationen in Brüssel?
Einige Kooperationen sind bereits entstanden, und wir freuen uns sehr darüber, dass darin die verschiedenen Ausrichtungen des Judentums vertreten sind. Es gibt viele Anliegen, die wir am besten gemeinsam angehen. Ich nenne als Beispiel die Brit Mila. Wir wollen aber nicht nur defensiv auftreten, sondern auch eigene Vorschläge und Anregungen geben. Besondere Anliegen, über die genannten hinaus, sind Jugend und Bildung.

Wie stark ist das Reformjudentum heute?
In den vergangenen 70 Jahren war die EUPJ vor allem britisch geprägt – ich bin die erste Vorsitzende, die nicht aus Großbritannien kommt. Aber seit gut 20 Jahren verzeichnen wir in vielen europäischen Ländern ein starkes Wachstum, auch in Deutschland, das bekanntlich vor 200 Jahren das liberale Judentum hervorgebracht hat. Unser Büro in Brüssel ist auch das Signal, dass wir als progressive Juden zumindest einen ganz kleinen Teil des Selbstbewusstseins dieser Zeit zurückgewonnen haben.

Mit der Vorsitzenden der Europäischen Union für das Progressive Judentum (EUPJ) sprach Michael Thaidigsmann.

England

Maccabi-Fan-Bann: Ministerin entzieht Polizeichef das Vertrauen

Ein Bericht zum Agieren der West Midlands Police beim Ausschluss von Fans des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv vom Spiel gegen Aston Villa hat schwere Fehler zutage gefördert

 15.01.2026

Irak

Humor als Waffe

Elizabeth Tsurkov berichtet über ihre 903 Tage als Geisel einer pro-iranischen Terrormiliz und was ihr beim Überleben half

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026