Kanada

Wallenbergs Schützling

Die Aufmerksamkeit ist Judith Weiszmann hörbar unangenehm. Mit leiser Stimme sagt die 83-jährige grauhaarige Dame: »Er ist derjenige, dem die Ehre gebührt. Ohne ihn wäre niemand von meiner Familie hier.« Trotzdem ist sie die Hauptperson der kleinen Feier im jüdischen Gemeindezentrum Miles Nadal in Toronto, zu der das kanadische Staatsunternehmen Canada Post eingeladen hat.

Judith Weiszmann steht vor einer auf Posterformat vergrößerten Briefmarke, die Raoul Wallenberg mit einem »Schutz-Pass« als Hintergrund zeigt. Die jüdische Kanadierin verdankt ihr Leben dem Mann auf der Briefmarke. »Ich wünschte, er könnte hier sein. Er rettete so viele Menschen. Es ist so traurig, dass wir ihn verloren haben«, sagt sie.

Auch ihre Tochter Ann, Schwiegersohn Daniel sowie ihre Enkel Gabriel (17) und Adrian (9) sind gekommen. Canada Post hatte die Feier im jüdischen Gemeindezentrum angeregt, und deren Präsident Deepak Chopra unterstreicht das Ungewöhnliche dieser Briefmarke, mit der die kanadische Post den schwedischen Diplomaten Wallenberg ehrt, der während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn Zehntausende Juden vor den Nazi-Vernichtungslagern bewahrt hatte.

Als die Marke im Januar auf den Markt kam, wusste niemand, dass der darauf abgebildete und auf den Namen Judith Kopstein ausgestellte Schutz-Pass einem Mädchen gehörte, das damit dem Holocaust entkam und heute unter dem Namen Judith Weiszmann im kanadischen Winnipeg lebt. »Alle unsere historischen Briefmarken erzählen eine großartige Geschichte«, betont Deepak Chopra, »aber keine eine solche wie diese.«

Entdeckung Erst Tage nach Erscheinen der Briefmarke am 17. Januar wurde die Identität der »Pass«-Inhaberin bekannt. Judith Weiszmanns in Toronto lebende Tochter Ann hatte einen Film zum 100. Geburtstag Wallenbergs gesehen. Bei der Vorführung wurde auch die Gedenkbriefmarke angeboten.

Ann kaufte sechs Marken, sah sich diese aber erst später genauer an. »Oh, mein Gott«, habe sie zu sich gesagt, »diese junge Frau sieht nicht nur aus wie meine Mutter, sie ist meine Mutter.« Tatsächlich war der sogenannte Schutz-Pass auf Judith Kopstein, geboren am 30. Januar 1930 in Budapest, ausgestellt.

Mit der Briefmarke ehrt Kanada Raoul Wallenberg, der 1945 in sowjetischem Gewahrsam verschwand und am 4. August vergangenen Jahres 100 Jahre alt geworden wäre. Entworfen wurde die Marke von »q30 design« in Toronto. Bei der Fotoagentur Getty Images fanden die Designer ein Foto des Schutz-Passes. Nachforschungen, wer das Mädchen war, blieben erfolglos. Als Ann Weiszmann bei Canada Post anrief, herrschte dort ungläubiges Erstaunen. »Wir versuchten, die Identität des Mädchens zu ermitteln. Aber sie kam ja unter einem anderen Namen nach Kanada«, erzählt Jim Phillips, Direktor des Briefmarkendienstes.

Erinnerung Die Briefmarke brachte die Erinnerung an die Vergangenheit zurück. »Ich habe die Ereignisse jener Zeit nie vergessen«, betont Judith Weiszmann. Sie spricht Englisch, Ungarisch und überraschend gut Deutsch, das sie mit ihren Eltern und mit dem »österreichischen Fräulein« gesprochen hatte, das als Kindermädchen bei ihnen gelebt hatte.

Die Familie lebte im August 1944 in der von den Deutschen besetzten ungarischen Hauptstadt Budapest. »Wir hatten Angst vor der Deportation. Viele unserer Verwandten waren schon deportiert worden und endeten in den Gaskammern von Auschwitz. Es sah so aus, als sollte dies unser Schicksal sein.«

Dann aber stellte Raoul Wallenberg der Familie einen Schutz-Pass aus und rettete ihr damit das Leben. Der junge schwedische Diplomat war im Juni 1944 an die Botschaft in Budapest gekommen, um eine Rettungsaktion für Juden zu organisieren. Durch sein mutiges Eintreten bewahrte er Zehntausende Juden vor dem Tod.

Mit Geld, das das amerikanische War Refugee Board zur Verfügung stellte, mietete er Häuser an, die er zum exterritorialen Gebiet erklärte. Zusammen mit seinem Kollegen Per Anger und weiteren Botschaftsangehörigen stellte er Personalpapiere aus. Der »Schutz-Pass« mit den drei schwedischen Kronen wies die Inhaber als schwedische Staatsbürger aus, die auf ihre Repatriierung nach Schweden warteten.

»Ein Telegramm der schwedischen Botschaft informierte uns, dass ein schwedischer Geschäftspartner meines Vaters unser Sponsor ist und wir den Schutz-Pass bekommen werden«, berichtet Judith Weiszmann.

Die Familie erlebte das Ende des Krieges in Budapest und blieb in Ungarn. 1953 heiratete Judith Kopstein Erwin Weiszmann, der ebenfalls dank Wallenberg dem Holocaust entkommen war. Nach Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956 flohen beide nach Österreich. Was die Spurensuche nach der Inhaberin des Wallenberg-Passes erschweren sollte: Die Kopsteins hatten 1955 ihren jüdisch klingenden Namen wegen der antisemitischen Stimmung in Ungarn in »Kenedi« geändert. Judith wanderte als Weiszmann, geborene Kenedi, mit ihrem Mann aus, zuerst nach Quebec, später nach Winnipeg.

Souvenir »Wer weiß, wie viele von denen, die durch den Schutz-Pass gerettet wurden, noch leben«, sagt die alte Dame, die mit 83 Jahren noch die Kraft hat, jungen Menschen zu erzählen, was damals geschah. Den Original-»Schutz-Pass« bewahrt sie in einem Banksafe auf und holt ihn nur heraus, wenn sie an Universitäten und Schulen über den Holocaust und ihre Rettung durch Wallenberg spricht. »Wallenberg ist mein Held und wird es bleiben bis zum Ende meines Lebens.«

Der Präsident von Canada Post zeigte sich beeindruckt. »Zu erfahren, dass die Person, die auf der Marke abgebildet ist, lebt und ihre Geschichte erzählen kann, ist erstaunlich.« Als Geschenk für Judith Weiszmann hat Deepak Chopra eine gerahmte Ausgabe der Briefmarke mitgebracht. Im vergangenen Jahr hatte auch die schwedische Post eine Gedenkmarke zum 100. Geburtstag Wallenbergs herausgebracht. Der Ersttagsbrief zeigt einen Wallenberg-Schutz-Pass – es ist ebenfalls jener Ausweis, der Judith Weiszmann das Leben rettete.

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