Österreich

Trotzki und die anderen

»Ich bin gezwungen, mich in einer wichtigen Sache an Sie zu wenden«, schreibt Leo Trotzki 1914 in einem Brief an Victor Adler. »Ich muss mir unbedingt irgendwo 300 Kronen ausleihen.« Der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen, Trotzki muss Wien verlassen. Adler zögert nicht lange. Mit dem Geld flieht Trotzki über die Schweiz nach Frankreich, bis er später nach Spanien und in die USA abgeschoben wird. Als 1917 der Zar abtritt, kehrt Trotzki wieder nach Russland zurück.

Victor Adler, der Begründer der österreichischen Sozialdemokratie, als Fluchthelfer für den russischen Revolutionär: Es ist nur eine der vielfältigen Verbindungslinien zwischen Wien und Moskau, die in der Ausstellung Genosse. Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden gezeigt wird. Das Jüdische Museum Wien erzählt die Geschichte der Oktoberrevolution und der Sowjetunion aus einer Wiener, aber auch aus einer jüdischen Perspektive. Sowohl Trotzki als auch Adler waren Juden.

Sowjetunion Österreich und Sowjetrussland waren nach dem Ersten Weltkrieg zwei Länder, die mehr trennte als knapp 2000 Kilometer. Hier der Zerfall der Monarchie, die Erste Republik und der Aufstieg des Nationalsozialismus. Dort die Anfänge der Sowjetära, geprägt von Aufbruch und Euphorie, aber auch vom Bürgerkrieg.

Die Ausstellung versucht, diese Welten über das Leben österreichisch-jüdischer Kommunisten zu verbinden – wie etwa Otto Pohl, ein österreichischer Sozialist, der nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk für die Kriegsgefangenenkommission nach Moskau reiste und zum ersten österreichischen Gesandten in der Sowjetunion wurde. Oder Elisabeth Markstein, die Tochter des KPÖ-Vorsitzenden Johann Koplenig, die mit ihrer Familie in den 30er-Jahren ins politische Exil nach Moskau ging.

»Wir wollten nur das Paradies auf Erden«, dieses Zitat von Prive Friedjung, einer jüdischen Kommunistin aus der Bukowina, wurde namensgebend für die Schau. Es bezieht sich auf eine Hoffnung, die sich in den intellektuell und künstlerisch produktiven Anfangsjahren der Sowjetunion entlud, an denen Juden einen großen Anteil hatten.

Ernüchterung Diesem Aspekt wird in der Ausstellung viel Platz eingeräumt: vom russischen Avantgarde-Künstler El Lissitzky bis hin zu Birobidschan, dem Traum vom »Roten Zion« im russischen Fernost. Die Ernüchterung kam indes schon mit dem Stalin-Terror, der die Juden als »wurzellose Kosmopoliten« verfolgte. Diese Wende verdichtet sich in der Ausstellung in einem eigenwilligen, aber eindringlichen Objekt: einem Wandteppich mit Stalins Konterfei aus den 30er-Jahren, später übermalt mit einem Theodor-Herzl-Bart.

Eine Fundgrube sind die Karikaturen von Boris Jefimow (1900–2008), die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Der jüdische Zeichner illustrierte mit seinen bissigen Karikaturen die sowjetische Ära bis zu ihrem Zerfall – als »Tinten-Kuli des Apparats«, wie er sich selbst bezeichnete. Doch auch seine Familie blieb nicht von den Repressionen verschont. Sein Bruder wurde als »Konterrevolutionär« verhaftet und 1940 erschossen.

»Russische Revolution und jüdisches Problem, das muss jeden aus der Ruhe bringen, der sich damit befasst, handelt es sich doch um eine höchst komplexe und vielschichtige Frage«, wird der galizisch-jüdische Kommunist Isaac Deutscher in der Ausstellung zitiert. »Nichts wäre leichter, nichts aber auch schädlicher, als diese Frage zu simplifizieren und womöglich Schuld zuzuteilen – die Juden schuldig zu sprechen oder die Revolution oder die Russen.«

topos Mit diesem Zitat vor Augen haben Gabriele Kohlbauer-Fritz und Sabine Bergler die Ausstellung kuratiert: dokumentieren statt kommentieren. Um eine Frage kommen die Kuratorinnen allerdings nicht herum: Wie stellt man den antisemitischen Topos vom »jüdischen Bolschewismus« dar, der bis heute durch den Diskurs geistert? In der Ausstellung werden diese Objekte nicht im Original, sondern bewusst in Reproduktionen gezeigt und von den anderen Ausstellungsstücken auch mit einem Balken optisch abgehoben.

Es ist eine detailreiche Schau, die mit nur einem Besuch kaum zu überblicken ist. Selbst wer in der sowjetischen und in der jüdischen Geschichte beschlagen ist, wird hier viel Neues entdecken.

Die Ausstellung ist bis zum 1. Mai 2018 im Jüdischen Museum Wien, Dorotheergasse 11, zu sehen.
www.jmw.at

New York

Ronald Lauder sucht Nachfolger

Der WJC-Präsident, Unternehmer und Philanthrop wirbt außerdem dafür, dass sich eine neue Generation wohlhabender Juden stärker für jüdisches Leben engagiert – durch Investitionen in Bildung

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Schweiz

Die gegen den Hass sprüht

Inna E. fühlt sich dem jüdischen Volk verbunden und macht gegen anti-israelische Graffitis mobil. Wenn die Behörden nicht reagieren, auch mit Farbe

von Peter Bollag  14.07.2026

Monaco

Zweitjüdischste Nation der Welt

Die kleine jüdische Gemeinschaft im Stadtstaat wächst. Immer mehr Jüdinnen und Juden entscheiden sich für das luxuriöse und sichere Fürstentum

von Mark Feldon  13.07.2026

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026