Spanien

Spätes Recht für Zwangskonvertierte

Blick auf die Balearenhauptstadt Palma de Mallorca Foto: Getty Images

Das Thema beschäftigt die jüdische Gemeinde Spaniens sehr: Vor den Wahlen im November nahm das Parlament der Balearen einstimmig den von der regierenden konservativen Partido Popular (PP) vorgelegten Gesetzesvorschlag zur Anerkennung der »Marginalisierung und Diskriminierung der Xuetas« auf Mallorca an. Darin wird die Regionalregierung aufgefordert, die Erinnerung an die unterdrückten Nachfahren der zum Christentum übergetretenen Juden wiederherzustellen.

»Die Entscheidung des Balearenparlaments ist das Ergebnis einer langjährigen Forderung einer Gruppe von Xuetas und seit 2018 der jüdischen Gemeinde der Balearen«, sagt Miquel Segura Aguilo, selbst Xueta und Vizepräsident der Gemeinde, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Es war kein einfacher Prozess, und natürlich erfüllt mich dieser Abschluss, der in Wirklichkeit ein Neuanfang ist, mit Genugtuung.«

Als Xuetas werden die Nachkommen mallorquinischer Juden bezeichnet, die zum Christentum (zwangs-)konvertiert wurden und sich im Laufe der Geschichte ein kollektives Bewusstsein ihrer Herkunft bewahrt haben. Aufgrund anhaltender Stigmatisierung und Ausgrenzung haben sie bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fast nur untereinander geheiratet, was an den sogenannten Xueta-Nachnamen wie Aguilo und Seguro gut abzulesen ist.

Diskriminierung reicht fünf Jahrhunderte zurück

Auch der Verband der Jüdischen Gemeinden Spaniens (FCJE) begrüßte die Geste des Parlaments »als Wiedergutmachung für ein historisches Unrecht, das lange Zeit viel Leid für die Xuetas bedeutete, die unter Bedingungen echter Marginalisierung lebten«. Die Diskriminierung der Xuetas reiche fünf Jahrhunderte zurück, sagt Aguilo Segura, besonders stark war sie im 18., 19. und über weite Teile des 20. Jahrhunderts.

»Es war brutal. Sie durften keine freien Berufe ausüben, keine öffentlichen Ämter bekleiden, die Insel nicht verlassen, nicht reiten und vieles mehr. In Schulen und Kirchen herrschte Segregation; Beleidigungen und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Diese Situation führte zu furchtbaren persönlichen und familiären Dramen.«

Heute sei man durch die liberale Demokratie und die Verfassung geschützt, so Aguilo Segura, »aber meine Generation, die in der Nachkriegszeit in Spanien geboren wurde, hat die volle Wucht des Hasses und der Verachtung zu spüren bekommen«. Sogar heute gebe es noch Überbleibsel der Diskriminierung. »Kürzlich wurde eine Frau, die an einer katholischen Religionsschule als Geschichtslehrerin arbeitete und selbst Xueta ist, entlassen, weil sie über Xuetas gesprochen hatte«, erzählt er.

Wissen über mallorquinische Juden in Lehrpläne aufnehmen

Die Partido Popular fordert in ihrem Gesetzesvorschlag, die wichtigen Beiträge zur Wirtschaft, Kultur, Kunst und Gesellschaft anzuerkennen, die über Generationen hinweg von den Nachkommen von Jüdinnen und Juden geleistet wurden. Die Regionalregierung wird aufgefordert, Verfahren einzuleiten, um sicherzustellen, dass die jüdische Gemeinschaft anerkannt und durch ein Gesetz geschützt werde, sowie Unterrichtsmaterial zu entwickeln, damit die Geschichte der Xueta-Gemeinschaft in den Schulen behandelt werden könne.

Dazu soll eine Expertenkommission eingesetzt werden, die das Wissen über mallorquinische Juden und ihre Nachkommen in allen Bereichen in die Lehrpläne der Schulen und Universitäten aufnehmen soll. Die FCJE schließt sich dieser Forderung an. Die Regierung der Balearen solle damit den Beitrag von Personen jüdischer Herkunft zur Gesellschaft hervorheben und den Antisemitismus bekämpfen.

»Jetzt müssen wir gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit kämpfen, die schlimmer sein können als der Hass«, sagt Aguilo Segura. »Wir müssen das Wissen um unsere Geschichte bei den neuen Generationen fördern.« Das aktuelle jüdische Leben auf der Insel könne man als »eigentümlich« bezeichnen, sagt er. Die Gemeinde sei sehr klein – etwa 100 Mitglieder –, viele kämen nur an den Hohen Feiertagen. Wie es in Zukunft weitergehe, sei schwer abzusehen, da es kaum junge Leute gebe. »Nichtsdestotrotz haben wir einen festen Platz im Herzen der Föderation der jüdischen Gemeinden Spaniens.«

Italien

Mann in Mailand wegen Anschlagsplänen auf Synagoge festgenommen

Im Großraum Mailand stellt die Polizei einen 22 Jahre alten Mann, der Anschläge auf eine Synagoge und eine islamische Einrichtung geplant haben soll. Die Hintergründe sind noch unklar

 29.10.2026

»A young woman in a dress and a man in a plaid shirt sit at a small outdoor restaurant table at night, smiling and talking, with food and drinks on the table and city lights in the background.«

Hollywood

Nach dem Happy End ist davor

In der dritten Staffel der Erfolgsserie »Nobody Wants This« machen Joanne und ihr »Hot Rabbi« den Neben-Romanzen Platz. Und dann wird auch noch konvertiert. Spoiler Alert

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Frankreich

»Freiheit ist leicht zu verteidigen«

Der Philosoph und Fernsehmoderator Raphaël Enthoven über Verantwortung, Spinozas Erbe und das Einzige, was uns wahrhaft zu erfüllen vermag

von Ute Cohen  28.10.2026

USA

Mike Tyson will seine Flagge zurück

Der Ex-Boxweltmeister legt sich mit einer Streetwear-Marke an, die ein altes Design in seinem Namen politisiert hat. Dabei geht es auch um Israel

von Hanna Persson  28.10.2026

Showbiz

Noah Wyle ist der »Sexiest Man Alive«, meint das »People«-Magazin

Der »The Pitt«-Star darf sich über den Titel freuen, der einst auch Harrison Ford schmückte. Seine Kinder sticheln schon, sagt Wyle

 28.10.2026

Medien

BBC zahlt 480.000 Euro Entschädigung nach Antisemitismus-Vorwurf

Die entlassene Produzentin Lucie Kon erhält fast 500.000 Euro von der BBC nach Antisemitismus-Vorwürfen. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde ihre Arbeit beim öffentlich-rechtlichen Sender unerträglich

von Jamie Shapiro  27.10.2026

San Francisco/New York

KI mit Elvis-Songs gefüttert: Millionenklage gegen Anthropic

»Return To Sender« und diverse weitere Lieder des King of Rock’n’ Roll sollen ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sein

 27.10.2026

Island

Wo die Mikwe eine heiße Quelle war

Seit diesem Jahr hat der Inselstaat erstmals ein jüdisches Gemeindezentrum. Juden spielten in der Geschichte des Landes allerdings eine wichtigere Rolle als bisher bekannt

von Elke Wittich  26.10.2026

Miami

Bei den koscheren Panthern

Seit 2015 gibt es an der Florida International University die jüdische Studierendenorganisation »Hillel«. Zu Besuch an einem Nachmittag im Oktober

von Katrin Richter  26.10.2026