USA

Sommer ohne Camps

In den Sommercamps atmen Kinder und Jugendliche für eine Zeitlang jüdische Kultur und jüdische Lebensform. Foto: Getty Images

Enttäuschung, Tränen, Frust – in den vergangenen Tagen gab es daran keinen Mangel in jüdischen Haushalten in den USA. Der Grund: Nach wochenlangen Überlegungen sagten die meisten Veranstalter jüdischer Sommercamps ihre traditionellen Ferienlager (Machanot) für dieses Jahr aufgrund der Coronavirus-Krise ab oder schränken ihre Aktivitäten erheblich ein.

»Mit großer Traurigkeit teilen wir mit, dass aufgrund der Covid-19-Pandemie alle unsere Camps für dieses Jahr gecancelt werden«, heißt es auf der Website des Camp Ramah Darom im US-Bundesstaat Georgia. Auch andere Ferienlager des konservativen Camp-Ramah-Netzwerks – darunter in Wisconsin, Colorado, Kalifornien und Massachusetts – kündigten an, ihre diesjährigen Programme einzuschränken oder ganz ausfallen zu lassen.

INFEKTIONSSCHUTZ In der vergangenen Woche hatte die Union for Reform Judaism (URJ) entschieden, alle 15 Sommercamps in den Vereinigten Staaten sowie Reisen für jüdische Jugendliche nach Israel abzusagen.

Eine Anpassung der Camp-Aktivitäten an die Maßgaben zum Infektionsschutz – beispielsweise, die Zahl der Teilnehmer zu reduzieren oder auf Teamsport, gemeinsame Mahlzeiten, Feiern und Workshops zu verzichten – »würde das Wesen der Camp-Erfahrung bis zur Unkenntlichkeit verstellen«, heißt es in einer Erklärung der URJ-Leitung.

Und auch die Notwendigkeit, Jugendliche und Camp-Mitarbeiter, die unter Asthma oder anderen Vorerkrankungen leiden, von bestimmten Gemeinschaftsaktivitäten auszuschließen, »widerspricht einem unserer wichtigsten Werte: Inklusion«.

Manche Veranstalter wollen versuchen, virtuelle Alternativen anzubieten.

Die Absage der Machanot trifft jüdische Familien hart. »Sommercamps sind eines der wichtigsten Erziehungsinstrumente für die jüdische Gemeinschaft in Amerika«, sagt Jonathan Krasner, Professor für Erziehungswissenschaften an der Brandeis University in Massachusetts und Autor eines Buches über jüdische Sommercamps. »Die Erinnerungen an Machanot brennen sich bei vielen Kindern und Jugendlichen ein und halten oft ein Leben lang.«

NETZWERKORGANISATION Nach Angaben der Netzwerkorganisa­tion Foundation for Jewish Camp (FJC) nahmen im vergangenen Jahr mehr als 80.000 jüdische Kinder und Jugendliche in den USA und Kanada an einem der rund 200 jüdischen Sommercamps teil.

Auch zahlreiche Reisen für jüdische Jugendliche aus der Diaspora nach Israel dürften in diesem Sommer der Covid-Pandemie zum Opfer fallen. So hat einer der bekanntesten Veranstalter, die Non-Profit-Organisation Taglit – Birthright Israel, ihre für Juni und Juli geplanten Reisen bereits verschoben.

Neben den Sommercamps spielten Reisen zu den eigenen Wurzeln eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung junger Juden. »Die Jugendlichen knüpfen eine Beziehung zu dem Land und zu ihrer eigenen Geschichte, und zugleich knüpfen sie Beziehungen untereinander«, sagt Krasner.

ERZIEHUNG Jüdische Erziehung findet in den USA auf mehreren Wegen statt, erklärt Shaul Kelner, Soziologe an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee: in Synagogen und ihnen angeschlossenen Hebräisch-Schulen, ferner in privaten jüdischen Kindergärten, Grundschulen und Highschools.

Während Synagogen und jüdische Schulen in erster Linie für die formale Erziehung sorgten, böten Sommercamps und Israelreisen »eine informelle Form der Erziehung, die auf das persönliche Erleben, das Eintauchen in die jüdische Welt setzt«, sagt Kelner weiter.

Bei jüdischen Kindern und Jugendlichen, die nicht in Gegenden mit einem signifikanten jüdischen Bevölkerungsanteil aufwachsen, nicht auf jüdische Schulen gehen oder deren Familien nicht nach jüdischen Regeln leben, sei das Sommerlager umso wichtiger für ihre Identitätsbildung, sagt Kelner.

MINDERHEIT Auch in den USA seien die meisten jüdischen Kinder eine Minderheit in ihrer Schule und ihrer Nachbarschaft. »Sie fühlen sich häufig anders, manchmal unwohl in ihrem Jüdischsein.« Deshalb sei für diese Kinder ein Ort jenseits ihres Alltags wichtig, »ein Ort, an dem das, was sie zu Hause anders macht, plötzlich normal ist und sogar gefeiert wird«. Sommercamps helfen Kindern dabei, »sich sicher zu fühlen in ihrer eigenen Haut als Juden«, betont Kelner.

In den Sommercamps atmen Kinder und Jugendliche für eine Zeitlang jüdische Kultur und jüdische Lebensform. Das Essen findet nicht im Speisesaal statt, sondern im »Chadar Ochel«, wie es auf Hebräisch heißt.

Außerdem singen die Teilnehmer hebräische Lieder, begehen gemeinsam den Schabbat und beenden ihn mit der Hawdala, bei der sich alle um das Lagerfeuer versammeln, geflochtene Kerzen anzünden und an duftenden Gewürzen riechen.

Zu Hause in ihren Familien erzählen sie dann davon. Das Camp-Erlebnis sei eine Erfahrung, die die Kinder mit ihren Geschwistern, mit ihren Eltern und Großeltern teilen, sagt Kelner – »eine Tradition, die manchmal mehrere Generationen umspannt«. Auch aus diesem Grund seien die Stornierungen vieler Camps »ein schmerzlicher Verlust«.

VERLUST So wie andere Erziehungseinrichtungen versuchen auch die Sommerlager, diesen Verlust mit kreativen Lösungen zumindest teilweise abzumildern. »Viele Camps haben in den vergangenen Wochen der physischen Kontaktsperre begonnen, Möglichkeiten für ein virtuelles Engagement anzubieten«, schreibt Jeremy Fingerman, Geschäftsführer der Foundation for Jewish Camp, in einem E-Mail-Statement. »Und wir werden weiterhin Wege erkunden, um die Aktivitäten der Camps über das gesamte Jahr zu unterstützen.«

»Zoom-Camps sind keine gute Idee, denn es geht ja gerade darum, Technik auszublenden.«

Shaul Kelner, Soziologe

Shaul Kelner ist skeptisch. Die Standardlösung im Umgang mit Kontaktsperren und Social-Distancing-Geboten laute derzeit: »Wir machen das auf Zoom.« Das sei in diesem Fall aber keine gute Idee, findet der Soziologe. Denn: »Ein Sommercamp ist das Anti-Zoom.« Im Machane gehe es darum, Technik auszublenden und mit anderen Menschen direkt, ungefiltert und in der Natur zu kommunizieren, sagt er, weit weg von dem, was sonst im Alltag üblich sei.

Dennoch: Bei all der verständlichen Trauer und allem Frust warnt der Erziehungswissenschaftler Jonathan Krasner davor, in Katastrophenstimmung zu verfallen. »Einen Sommer zu verlieren, ist nicht das Ende der Welt.« Immerhin bleibt für viele jüdische Kinder und Jugendliche die Perspektive: nächstes Jahr im Summer Camp.

Bonn/Berlin

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