Schweiz

Schickse und Schadchen

Szene aus dem Spielfilm »Wolkenbruch« Foto: DCM

Der erfolgreichste Schweizer Film des vergangenen Jahres war die Verfilmung von Thomas Meyers Roman Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse – die Geschichte des Moti Wolkenbruch, der aus einer orthodoxen Familie stammt und die Ungeheuerlichkeit besitzt, sich in eine Nichtjüdin zu verlieben.

Es geht um die Irrungen und Wirrungen eines jungen jüdischen Mannes, dessen Eltern (vor allem seine Mamme) keinen anderen Wunsch zu haben scheinen, als ihren Sprössling »standesgemäß« unter die Haube zu bringen. Im Film geschieht dies vor allem dadurch, dass Wolkenbruchs Mutter alle Mädchen aus dem Bekanntenkreis mit ihrem Sohn zusammenbringt – doch ohne Erfolg.

Seit der Film in den Schweizer Kinos läuft, wächst das öffentliche Interesse an dem Thema.

Praxis Dass sich orthodoxe Eltern bei der Verheiratung ihrer Kinder zunächst in ihrem Bekanntenkreis umsehen, sei nicht etwa für die Leinwand erfunden, sondern gängige Praxis, sagt Alisa Winter. Die 22-jährige Jurastudentin hat ihre Abiturarbeit zum Thema »Schidduchim: Zwischen Liebe und Zwang?« geschrieben. Und im Untertitel heißt es: »Die Heiratsvermittlung in der jüdischen Orthodoxie«.

Seit der Film in den Schweizer Kinos läuft, interessiert sich die Öffentlichkeit plötzlich dafür, wie sich orthodoxe jüdische Männer und Frauen zwischen Zürich und Genf kennenlernen. Und so ist Winter eine gefragte Gesprächspartnerin.

Für ihre Arbeit, die sie vor vier Jahren geschrieben hat, die aber seither nichts von ihrer Aktualität verloren hat, interviewte sie sieben Personen aus dem orthodoxen Zürich. Sie wählte vor allem Frauen als Gesprächspartnerinnen, da orthodoxe Männer über diese Themen nicht mit einer Frau sprechen. »Dies wollte ich respektieren«, sagt Winter.

Dating-Seiten »In orthodoxen Kreisen, auch und gerade hier in Zürich, ist man auf Schidduchim angewiesen«, fasst sie das Er­gebnis ihrer Arbeit zusammen. Ein Kennenlernen, wie es in der jüdisch-säkularen und in der nichtjüdischen Welt gang und gäbe sei, käme für orthodoxe Heiratswillige nicht infrage. Aber selbst orthodoxe Dating-Seiten oder die sozialen Medien seien problematisch: »Auf diesen Seiten muss man doch gewisse persönliche Informationen von sich preisgeben. Und das ist in orthodoxen Kreisen völlig unüblich.«

»Wenn meine Eltern, die mich gut kennen, mir jemanden vorstellen, würde ich mir diesen Mann sicherlich anschauen.«

So blieben dann die Kontakte der Eltern oder der Gang zum Heiratsvermittler, dem Schadchen oder der Schadchanit. Und da sei der Druck, den die Eltern oder das soziale Umfeld auf die Heiratswilligen ausüben, oft groß. »Dieser Druck ist eine Tatsache«, sagt Alisa Winter auch aufgrund ihrer Recherchen. Doch sie betont: »Eine Zwangsehe, wie das in den Schweizer Medien ab und zu diskutiert wird, lässt sich für die jüdische Orthodoxie hierzulande aber definitiv ausschließen.«

Und wie sieht die junge Frau die Heiratsvermittlung für sich selbst? Alisa Winter hat hier klare Vorstellungen: »Wenn meine Eltern, die mich gut kennen, mir jemanden vorstellen, würde ich mir diesen Mann sicherlich anschauen.« Einen Schidduch, bei dem man sich schon nach dem ersten oder zweiten Treffen verloben müsste, schließt sie aber aus. »Das ist definitiv nicht mein Weg.«

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