Sefarden

»Plötzlich sind wir alle Spanier«

»Wie viele Synagogen es in dieser unvergleichlichen Schönheit gibt«, staunte der Reisende Yehudá ben Selmonó Al-Harizi im 12. Jahrhundert über die spanische Stadt Toledo. Foto: Thinkstock

Ich fühle mich bereits als Spanier – das kommt daher, weil ich jüdische Wurzeln habe», sagt Avraham Haim, Präsident der Organisation sefardischer Gemeinden in Jerusalem. Für den 72-Jährigen ist mit der Möglichkeit, in Kürze einen spanischen Pass zu erhalten, ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen: «Die Ankündigung, dass man mir erlaubt, Spanier zu werden, löst in mir ein seltsames Gefühl aus, weil ich mich bei meinen Besuchen auf der Iberischen Halbinsel niemals als fremd empfunden habe.»

Vertreibung Blickt man auf die lange Geschichte der sefardischen Juden zurück, auf den Leidensweg, den sie gegangen sind, kann man Avraham Haims emotionale Reaktion nachvollziehen. Seine Familie gehörte zu jenen Sefarden, die 1492 von der spanischen Königin Isabella von Kastilien und ihrem Ehemann Ferdinand von Aragon vor die Entscheidung gestellt wurden, sich innerhalb von vier Monaten katholisch taufen zu lassen oder das Land zu verlassen.

Avraham Haims Vorfahren blieben ihrem Glauben treu. Sie machten sich auf Wanderschaft – über den Balkan ging es weiter bis nach Hebron, wo sie eine neue Heimat fanden.

SChlüssel Obwohl seither über fünf Jahrhunderte vergangen sind, bewahrte sich die Familie die Erinnerung an Sefarad, wie Spanien auf Hebräisch genannt wird. Viele Flüchtlinge gaben den Schlüssel zu ihrem Haus, das sie verlassen mussten, von Generation zu Generation weiter, so dass sich Sefarad in das kollektive Gedächtnis einbrannte.

Avraham Haim gehört zu jenen Israelis, die nicht unbedingt nach Spanien auswandern wollen. Aber sie wissen die Geste der Madrider Regierung, das vor einem halben Jahrtausend begangene Unrecht wiedergutmachen zu wollen, zu schätzen. Der 72-Jährige hat drei Söhne, auch für sie will er spanische Pässe beantragen.

In Israel ist das Interesse von Sefarden, künftig nicht nur die israelische, sondern auch eine weitere Staatsangehörigkeit zu besitzen, ausgesprochen groß. Die Mitarbeiter der spanischen Konsulate in Jerusalem und Tel Aviv haben alle Hände voll zu tun, um Sefarden die notwendigen Unterlagen auszuhändigen, die sie ausfüllen müssen, um nachzuweisen, dass sie von den 1492 vertriebenen Juden abstammen. Das Innenministerium in Madrid hat einen entsprechenden Fragenkatalog ausgearbeitet.

Ladino Danach haben Personen einen Anspruch auf einen spanischen Pass, die Mitglied einer sefardischen Gemeinde sind und dies durch einen entsprechenden Nachweis belegen können. Einen Antrag auf Einbürgerung können auch diejenigen stellen, die eine Geburts- oder Heiratsurkunde ihrer Vorfahren in kastilischer Sprache vorlegen oder einen Nachnamen tragen, der auf eine sefardische Abstammung schließen lässt. Wer über Kenntnisse des Ladino, der mittelalterlichen jüdisch-spanischen Sprache verfügt, hat ebenfalls gute Chancen.

Die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth titelte angesichts der großen Nachfrage: «Plötzlich sind wir alle Spanier». In einem Cartoon zeigte die Zeitung Haaretz eine Schlange Israelis vor der spanischen Vertretung, die in Trikots des FC Barcelona geschlüpft sind und sich Schals des weltberühmten Fußballclubs umgeworfen haben. «Alle sind ausgesprochen gut drauf», beschreibt die Madrider Tageszeitung El Pais die Menschen in der Warteschlange.

Wenn man sich vor Augen führt, dass womöglich 3,5 Millionen Einwohner Israels, also etwa die Hälfte, sefardischen Ursprungs sind, kann man verstehen, dass die Regierung in Jerusalem die Entwicklung mit gemischten Gefühlen verfolgt. «Im Augenblick legt sie ein skrupulöses Schweigen über die Angelegenheit», schreibt El Pais. Man wolle die spanische Regierung nicht brüskieren und nicht noch mehr Aufmerksamkeit entfachen, als ohnehin schon da ist.

4302 Pässe hat die Madrider Regierung zwischenzeitlich an Sefarden ausgestellt, die entsprechende Anträge gestellt haben. Die meisten kamen nicht aus Israel, sondern aus Venezuela, Marokko und der Türkei.

hugo chavez Vor allem aus dem südamerikanischen Staat wollen viele Juden auswandern, denn dort herrscht seit einigen Jahren ein nicht mehr zu übersehender Antisemitismus. Hugo Chavez, vor zweieinhalb Jahren verstorbener Präsident Venezuelas, bezeichnete während einer landesweit ausgestrahlten Sendung seinen innenpolitischen Kontrahenten Henrique Capriles Radonski, dessen jüdische Vorfahren aus Polen stammen, als «minderwertig» und als «Kandidaten der Bourgeoisie, der Yankees und der Rechten».

Und weiter: «Du hast einen Schweineschwanz, Ohren wie ein Schwein, schnarchst wie ein Schwein – du bist also ein Schwein.» Als Maranen, als Schweine, wurden im späteren Mittelalter die auf der Iberischen Halbinsel zwangsgetauften Juden bezeichnet.

Der heutige Antisemitismus in Venezuela hat auch zu gewalttätigen Übergriffen geführt: 2009 wurde in Caracas die Synagoge Tiferet Israel überfallen. 15 bis 20 schwerbewaffnete Täter verwüsteten Büros und Studienräume und besprühten die Wände mit antisemitischen Parolen.

Noch vor einigen Jahren betrug die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in Venezuela rund 18.000, heute sind es nur noch 9000. Viele haben sich entschieden, nach Spanien auszuwandern.

Rückkehrrecht Seit es ein Recht auf Rückkehr gibt, werden es wohl noch mehr werden. Dieses Recht auf Rückkehr nennt der Präsident der Federación de Comunidades Judias de Espana (FCJE), Isaac Querub Caro, «eine sehr, sehr wichtige Geste».

Auch mit Blick auf die schwierige Situation in Venezuela erklärte er dieser Tage gegenüber El Pais: «Man darf nicht vergessen, dass diese Maßnahme nicht nur eine gefühlsmäßige Dimension hat, sondern auch eine praktische, denn es kann Leben von Juden retten, die in Staaten leben, in denen es in Gefahr ist. In solchen Zeiten können sie die Großzügigkeit und die Gastfreundschaft Spaniens sehr gut gebrauchen.»

Noch ist völlig ungewiss, wie viele Sefarden den spanischen Pass beantragen werden; wer es tun will, hat dazu noch vier Jahre Zeit. Die spanischen Behörden haben sich auf eine Zahl von rund 90.000 eingestellt.

Portugal Inzwischen ist auch im benachbarten Portugal der erste Sefarde in den Genuss der dortigen Staatsbürgerschaft gelangt. Alfonso Paredes aus Panama konnte dieser Tage in Lissabon seinen portugiesischen Pass in Empfang nehmen. Neben Spanien hatte auch das zweite Land der Iberischen Halbinsel beschlossen, den vertriebenen Sefarden ein Rückkehrrecht einzuräumen.

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