Montenegro

Männermangel auf dem Balkan

Er ist ein Riese, seine Kippa sitzt wie angegossen auf seinem glatt rasierten Kopf. Er telefoniert, gibt Anweisungen, redet mit seiner Tochter Hanna und ist hier und da und dort – alles zur selben Zeit. Jascha Alfandari, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, ist ein Energiebündel, dem man seine 65 Jahre nicht ansieht. Seinem Elan ist es zu verdanken, dass es in Montenegro seit bald neun Monaten eine jüdische Gemeinde gibt. Und, dass diese mit großen Schritten voranschreitet.

Im September besuchte Israels aschkenasischer Oberrabbiner Yona Metzger die Gemeinde und wurde von führenden Politikern empfangen. Ende Januar erkannte das Parlament die Juden Montenegros als nationale Minderheit an und erklärte das Judentum zur vierten offiziellen Religion des Landes.

Anfänge Gewitzt kommentiert Alfandari den rasanten Aufstieg seiner kleinen Gemeinde: »Ach, das sind Kleinigkeiten! Wichtig ist, dass wir endlich eine Gemeinschaft sind, dass wir wissen, woher wir kommen und wer wir sind. Wir sind die jüngste und wahrscheinlich die kleinste jüdische Gemeinde der Welt. Alles, was wir tun, ist bei uns Premiere.« Vergangenen Herbst haben die Juden Montenegros zum ersten Mal Rosch Haschana gefeiert, vor vier Wochen erstmals den Sederabend begangen.

76 Mitglieder zählt die kleine Gemeinde. Unter ihnen sind auch Dina und Milos aus Niksic, einer Stadt hoch oben in den Bergen, sowie Savo und Vesna aus Ulcinj an der montenegrinisch-albanischen Grenze. Edita kommt aus Budva an der Adria, Djordje aus der Hauptstadt Podgorica und Frau Beba, die Seniorin, aus Cetinje. »Und weil wir so wenige sind, laden wir zu allen Feiertagen Gäste ein«, sagt Jascha Alfandari zwinkernd. »Zu Rosch Haschana haben wir Männer ›importiert‹, und zum Sederabend kamen Robert Djerasi, der für den Balkan zuständige JOINT-Mann aus Bulgarien, sowie zwei Chabad-Jungs aus Boston.«

Die Feiertage sind im Leben der kleinen Gemeinde besonders wichtig, denn ihre Mitglieder leben in verschiedenen Städten, und man sieht sich nur selten. Zu den Festen versammeln sie sich, genießen die Gemeinsamkeit und die rituellen Speisen, die wie Mazze, Fleisch oder Wein aus Budapest kommen.

Minjan Eine Synagoge gibt es bislang nicht in Montenegro, und wann eine gebaut wird, ist offen. »Wir haben nichts von unseren Vorfahren geerbt, sie haben uns keine Synagoge hinterlassen«, sagt Alfandari. »Und weil wir arm sind, müssen wir mit dem Bau einer Synagoge eben warten.« Aber wohl nicht nur deshalb. Denn zurzeit gibt es nicht genügend Männer, um einen Minjan zusammenzubekommen. Nur sieben Männer haben eine jüdische Mutter.

Dina Tunjesevic ist eine von ihnen, die Liebe hat sie nach Montenegro geführt: »Ich bin geboren in Grosny, in Tschetschenien, in der damaligen Sowjetunion. Meine Familie wanderte in den 90er-Jahren nach Israel aus, dort habe ich mich in Milos verliebt.« Dinas Mandelaugen leuchten, wenn sie davon erzählt. »Wir haben geheiratet und sind dann mit Kind und Kegel nach Montenegro, in die Heimat meines Mannes, gezogen.«

beweise Montenegro, etwas kleiner als Schleswig-Holstein, ist der jüngste Staat Europas. Etwa 600.000 Menschen leben hier. Nach der Trennung vom gemeinsamen Staat Serbien-Montenegro ist das Balkan-Land im Juli 2006 in die Unabhängigkeit entlassen worden. Das bergige Hochland und die Skutari-See-Ebene sind vorwiegend christlich-orthodox, Katholiken leben vor allem in der Adria-Küstenregion, Muslime in den Grenzgebieten zum Kosovo und zu Albanien.

Man schätzt, dass etwa 200 Juden in Montenegro leben. Die meisten stammen aus gemischten Ehen – die Mütter sind Jüdinnen. Der mittelalterliche jüdische Friedhof in der Bucht von Kotor ist einer der wenigen Beweise des jahrhundertealten jüdischen Lebens im Land. Bis 2005 war der Friedhof in jämmerlichem Zustand, die Restaurierung erfolgte mithilfe der Stadt Kotor.

Ende des 15. Jahrhunderts kamen Juden nach der Flucht vor der Inquisition aus Spanien und Portugal in die Balkanländer und ließen sich hier nieder. Die Osmanischen Herrscher verfolgten eine tolerante Religionspolitik und räumten den Minderheiten viele Rechte ein. Sarajevo, heutige Hauptstadt Bosniens und nur 20 Kilometer von der montenegrinischen Grenze entfernt, wurde »Jerusalem des Balkans« genannt. Die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum jüdischer Kultur. Zahlreiche Bücher in Ladino, der Sprache der spanischen Juden, wurden hier gedruckt.

überleben Während des Zweiten Weltkriegs wurden die wenigen Juden Montenegros zuerst von den italienischen Besatzern nicht behelligt. Erst, als die Deutschen kamen, flohen die jüdischen Familien nach Albanien oder Italien. Die meisten überlebten. Die Eltern von Savo Kostic aus Ulcinj retteten sich nach Albanien. Doch die Mitglieder der Familie seiner Mutter aus Bosnien wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Jascha Alfandaris Familienmitglieder flohen nach Italien und blieben am Leben.

»Uns geht es heute gut in Montenegro«, sagt der Gemeindevorsitzende. »Antisemitismus gibt es kaum. Und wenn, dann ist er aus Serbien oder Bosnien importiert.« Kostic fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: »Wir sind Juden, unsere Mütter sind Jüdinnen, aber unsere Väter sind Montenegriner. Deshalb sind auch wir Montenegriner. In dieser patriarchalischen Gesellschaft zählen mehr die Väter, sodass wir gut geschützt sind.«

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026