Großbritannien

London setzt Moshe Kantor auf Sanktionsliste

Moshe Kantor steht seit 2007 an der Spitze des Europäischen Jüdischen Kongresses – jetzt wurde der 68-Jährige mit Sanktionen belegt. Foto: imago images/TT

Der britische Regierung hat den seit einigen Jahren in London lebenden Geschäftsmann und Multimilliardär Moshe Kantor mit Sanktionen belegt, sein Vermögen in Großbritannien eingefroren und ihm ein Ausreiseverbot auferlegt. Es wird damit gerechnet, dass auch die Europäische Union in den nächsten Tagen nachziehen wird und Kantor auf ihre Sanktionsliste russischer Oligarchen setzt.

Eine solche Entscheidung könnte sich auch nachhaltig auf einige jüdische Organisationen auswirken, nicht zuletzt auf den Dachverband Europäischer Jüdischer Kongress (EJC), dem der 68-jährige Kantor seit 2007 vorsteht und den er maßgeblich finanziert hat in den vergangenen Jahren.

REAKTION Die Organisation zeigte sich am Mittwochabend »zutiefst schockiert und entsetzt« über die britische Entscheidung, Kantor auf die Sanktionsliste zu setzen, und forderte London auf, sie so schnell wie möglich zurückzunehmen. Die Sanktionen gegen Kantor seien fehlgeleitet und entbehre »jeglicher sachlichen oder evidenzbasierten Grundlage«, hieß es in einer Pressemitteilung. Kantor sei britischer Staatsbürger und lebe seit über drei Jahrzehnten in Westeuropa.

»Er ist eine langjährige und angesehene jüdische Führungspersönlichkeit, die ihr Leben der Sicherheit und dem Wohlergehen der jüdischen Gemeinden in Europa sowie dem Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gewidmet hat«, so die Erklärung weiter. Dafür seien Kantor »von vielen europäischen Staats- und Regierungschefs die renommiertesten Auszeichnungen und Ehrungen« verliehen worden.

Viacheslav Moshe Kantor war den Worten von Großbritanniens Außenministerin Liz Truss zufolge einer von acht Oligarchen, die Russlands Staatschef Wladimir Putin »zur Stützung seiner Kriegswirtschaft nutzt«. Der Hauptaktionär des russischen Düngemittelunternehmens Acron sei für die russische Regierung »von entscheidender strategischer Bedeutung«, erklärte Truss in einer Pressemitteilung.

LEBENSLAUF Der 1953 geborene Kantor promovierte noch zu Sowjetzeiten am Staatlichen Luftfahrtinstitut in Moskau und arbeitete anschließend als Wissenschaftler in diesem Bereich. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gelangte er im Zuge der Privatisierung staatlicher Unternehmen 1993 in den Besitz des Düngemittelproduzenten Acron und brachte es damit schnell zu einem großen Vermögen. Heute wird Kantors Marktwert auf mehr als drei Milliarden Euro geschätzt.

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Von 2005 bis 2009 war er Vorsitzender des Russisch-jüdischen Kongresses (RJC). Doch er wollte mehr: 2007 setzte Kantor sich in Brüssel in einer Kampfabstimmung gegen den Franzosen Pierre Besnainou durch und wurde EJC-Chef. Gab es anfangs noch große Vorbehalte gegen ihn, vor allem bei einigen westeuropäischen Gemeinden, galt Kantor in den letzten Jahren als unangefochtener Chef innerhalb des EJC. Ihm wurden sogar Ambitionen nachgesagt, Ronald S. Lauder als Präsident des Jüdischen Weltkongresses abzulösen, doch warf Kantor seinen Hut bislang nicht in den Ring.

HOLOCAUST-FORUM Neben seiner Tätigkeit beim EJC machte der Russe, der seit Langem auch die israelische und seit einigen Jahren die britische Staatsangehörigkeit besitzt, durch zahlreiche andere philanthropische Aktivitäten von sich reden. So gründete er bereits 2005 das World Holocaust Forum, das in Krakau, Kiew, Auschwitz-Birkenau, Brüssel und Theresienstadt große Schoa-Gedenkfeiern organisierte. Im Januar 2020 gelang es Kantor, zahlreiche Staats- und Regierungschefs – darunter auch Wladimir Putin – für eine große Gedenkveranstaltung nach Jerusalem zu holen.

An der Universität Tel Aviv finanziert Moshe Kantor seit einiger Zeit das Kantor Center for the Study of Contemporary European Jewry, das regelmäßig auch Studien zum Antisemitismus weltweit vorlegt. Darüber hinaus trat der Oligarch als Gründer des International Luxembourg Forum on Preventing Nuclear Catastrophe auf und gründete 2008 den European Council on Tolerance and Reconciliation (ECTR), dem zunächst der ehemalige polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski und seit 2015 der frühere britische Premierminister Tony Blair vorstanden. Vor Kurzem berief Kantor den österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz in das Gremium.

In Großbritannien selbst sitzt der Philantrop zudem als Vizepräsident ehrenhalber im Jewish Leadership Council. Ein Sprecher der Organisation teilte aber der Zeitung »Jewish Chronicle« mit, das Mandat Kantors werde im Mai auslaufen und nicht verlängert werden.

Ob und inwieweit Kantor künftig seine ehrenamtlichen Aktivitäten weiterführen kann, ist durch die britische Entscheidung, seine Vermögenswerte einzufrieren und ihm die Ausreise aus dem Land zu verwehren, fraglich geworden. Vor allem der in Brüssel ansässige ECJ ist stark von Kantors Zuwendungen abhängig.

Auch ob sich Kantor trotz seiner guten Beziehungen zu europäischen Politikern an der Spitze des EJC halten kann, erscheint fraglich. Und das, obwohl sich die Organisation in den letzten Wochen auch um Unterstützung für Gefüchtete aus der Ukraine bemüht hat. Kantor selbst, der in zweiter Ehe mit einer Ukrainerin verheiratet ist, gab aber seit Beginn des russischen Angriffs keine öffentlichen Statements mehr ab.

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