Grossbritannien

Kein Penny für Ed

In der Kritik: Ed Miliband Foto: dpa

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Kein Penny für Ed

Labour-Chef Miliband verliert jüdische Unterstützer

von Daniel Zylbersztajn  17.11.2014 20:59 Uhr

Noch sechs Monate sind es bis zu den nächsten Wahlen des britischen Unterhauses. Der oppositionelle Herausforderer der Labourpartei, Ed Miliband, steht unter Druck. Zuerst vergaß er, bei seiner auswendig vorgetragenen Parteitagsansprache das Staatsdefizit zu erwähnen, dann waren es Labourhinterbänkler, die gegen ihn rebellierten. Schließlich verkündete die Zeitung Independent on Sunday, »jüdische Unterstützer« hätten genug von Ed Miliband.

Neben anonymen Quellen, die behaupteten, reiche jüdische Labouranhänger wollten die Partei nicht mehr unterstützen, wurde jedoch nur eine einzige Person namentlich genannt: die Schauspielerin Maureen Lipman. Sie beschwerte sich, dass Miliband im Oktober Labour dazu ermutigt hatte, im Unterhaus für die Anerkennung eines palästinensischen Staates zu stimmen. In einer BBC-Nachrichtensendung sprach man gar von einer »begüterten jüdischen Lobby«, die sich nun gegen Miliband richte.

Gideon Falter, der Vorsitzende der Campaign Against Antisemitism, bezeichnete dies im Jewish Chronicle als Anspielung auf das jahrhundertealte Stereotyp, eine reiche jüdische Lobby benutze ihr Geld, um politische Ziele zu erreichen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Miliband Ziel solcher Attacken ist. Bereits vor einem Jahr bezeichnete das Boulevardblatt Daily Mail Milibands verstorbenen Vater, den jüdischen Marxisten Ralph Miliband, als Hasser Großbritanniens. Ed Miliband wehrte sich in unmissverständlichen Worten.

Schwäche Tatsächlich gibt es verärgerte jüdische Labouranhänger. Laut Josephine Bacon, 72, einem Mitglied der jüdischen Arbeiterbewegung, hätte Miliband bei der Palästina-Abstimmung akute Schwäche gezeigt. Bacon nennt ihn einen Feigling, dem es nicht zustehe, Labour zu führen.

Der ehemalige Journalist Adrian Needlestone, 65, der Labour nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten unterstützt, verurteilt den Parteichef sogar noch schärfer: »Miliband beugt sich den Stimmen der muslimischen Wähler sowie der pro-palästinensischen Mehrheit«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen und folgerte, dass Miliband kein Gewissen habe. Das habe man bereits vor vier Jahren bei den Wahlen zur Parteispitze gesehen, als er gegen seinen Bruder David antrat, der als eigentlicher Spitzenkandidat galt: »Erst verriet er seinen eigenen Bruder wie Jakob Esau, und jetzt hat er keine Skrupel, gegen Israel zu stimmen«, argumentiert Needlestone.

Ganz stimmt die Analyse des ehemaligen Journalisten allerdings nicht. Immerhin forderte Ed Miliband schon in seiner ersten Rede als Parteiführer die Anerkennung Palästinas durch Israel sowie ein Ende der Siedlungspolitik. Trotzdem erklärte Miliband vergangenes Jahr, er verstehe sich als Zionist, »auch wenn er mit einigen Entscheidungen Israels nicht einverstanden« sei.

unterstützung Fragt man bei Labour nach, so erfährt man, dass die finanzielle Unterstützung aus der jüdischen Gemeinschaft nie ausschlaggebend gewesen sei, sich bereits seit zwei Jahrzehnten verringert habe und nicht erst seit Miliband.

Was Parteispenden anbelangt, hat Labour nur wenige bekannte jüdische Unterstützer. Einer von ihnen ist Lord Alan Sugar. Er vermachte der Partei bei den letzten Nationalwahlen eine halbe Million Euro. Im vergangenen Jahr, also unter Ed Miliband, sollen es nur noch knapp 64.000 Euro gewesen sein. Als Lord Sugar im Oktober in einer Radiosendung angab, er würde gern wieder Gordon Brown an der Parteispitze sehen, deutete man dies als ein Statement gegen Ed Miliband.

Immobilienmogul Andrew Rosenfeld hingegen kündigte bereits im September an, dass Labour von ihm 1,25 Millionen Euro für die Wahlkampagne 2015 erhalten würde. Auch die Werbeagentur Saatchi & Saatchi hat Labour in der Vergangenheit unterstützt. Die Spenden von Einzelpersonen machen bei Labour nur einen Anteil von sieben Prozent der Gesamteinahmen aus, die von Firmen sogar nur drei Prozent. Der Rest kommt von Gewerkschaften und Parteimitgliedern.

Sozialist Ruth Appleton, 70, Mitglied der britischen Gruppe jüdischer Sozialisten, ist mit Ed Miliband zufrieden. »Es ist viel Unsinn über ihn in Umlauf«, sagt sie. Das liege daran, dass er Sozialist ist, was auch innerhalb der Labourpartei manchen nicht gefalle.

Ein bekannter jüdischer Soziologe, der nach eigener Auskunft seit Jahrzehnten Labour wählt, aber anonym bleiben möchte, meint, man könne sich durchaus wünschen, dass Miliband Israel stärker unterstützt. Unzufrieden sei er vielmehr darüber, dass sich Miliband zwar über Israel, aber bisher so gut wie nie zur Situation der Kurden und Syrer geäußert habe. So etwas isoliere Israel.

In Sachen Antisemitismus, sagt der Soziologe, sei Miliband jedoch robust. So schrieb der Parteichef kürzlich auf Facebook, dass für ihn »als Sohn jüdischer Holocaustflüchtlinge, die in Großbritannien ein neues Zuhause gefunden haben«, die Zunahme des Antisemitismus in den vergangenen Monaten besorgniserregend sei und nicht geduldet werden dürfe.

Ein Vorfall, der etlichen jüdischen Wählern nicht gefallen hat, trug sich im Mai zu: Miliband wollte ein sehr großes Sandwich bewältigen und wurde beim uneleganten Hineinbeißen von einigen Fotografen ertappt. Während sich die meisten Briten über seine Grimasse lustig machten, hatte man in jüdischen Kreisen andere Sorgen: Obwohl Miliband sich selbst als Atheist jüdischer Herkunft bezeichnet, mag vielen jüdischen Beobachtern beim Anblick der Fotos der Appetit vergangen sein, denn inmitten der mit Ketchup gefüllten Brotscheiben lag auch eine fette Portion gebratener Speck. Dass Miliband in das Sandwich biss, um muslimischen Wählern zu imponieren, kann niemand behaupten.

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