Kroatien

Jüdisch in Rijeka

Wer die Juden von Rijeka besucht, begegnet auf dem Weg zu ihnen Hunderten junger Menschen. Direkt gegenüber der Synagoge in der Filipovic-Straße hat die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität ihren Sitz. Es wimmelt von Studenten. Sie schlendern zu ihren Vorlesungen, sitzen auf Bänken, tummeln sich vor einem Café.

Die Synagoge ist ein frei stehendes Gebäude in einer Zeile von stattlichen Häusern aus dem 19. Jahrhundert, einer Zeit, als die kroatische Hafenstadt Rijeka noch zur k.u.k. Monarchie gehörte. Grauer Putz, schmale Fenster, Davidsterne darüber, ein schmiedeeiserner Zaun davor. Hinter dem Tor tut sich ein Hof auf. Am Rand vor einer Mauer stehen hochgewachsene Oleanderbüsche, neben dem Eingang zur Synagoge ragt eine einzelne Palme in die Höhe, daneben hängt eine Gedenktafel: »Für die Opfer des faschistischen Terrors«.

Während der Schoa, als Kroatien zuerst unter italienischer und dann ab 1943 unter deutscher Besatzung stand, wurden in dem faschistischen Satellitenstaat Juden brutal verfolgt. Viele kamen in Konzentrationslagern ums Leben.

Heute machen sich gelegentlich Enkel, die im Ausland leben, auf den Weg nach Rijeka, um die Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. Oft kommen sie dann auch zur Gemeinde in die Filipovic-Straße.

bethaus Die Synagoge von Rijeka scheint heute vor allem zum Zeigen da zu sein. »Ich muss gestehen, dass wir hier so gut wie nie beten«, sagt Vivian Spacapan, die Sekretärin und Archivarin der Gemeinde. Ein wenig verlegen schiebt sie hinterher: »Natürlich sage ich selbst zu Hause am Beginn des Schabbats die Bracha und zünde die Kerzen an«, aber in der Synagoge treffe man sich eben nur äußerst selten zum Gebet. Eigentlich, so Spacapan, finde in Rijeka nur einmal im Jahr Gottesdienst statt, an Rosch Haschana.

Ansonsten dient die Synagoge als Ort, an dem vor allem Außenstehende etwas über das Judentum erfahren. Mehr als 1000 Gäste besuchen das Bethaus jedes Jahr, sagt Spacapan. »Hauptsächlich Schulklassen kommen und organisierte Gruppen von Studenten, aber auch Touristen.«

In diesem Jahr, wenn Rijeka, gemeinsam mit dem irischen Galway, Kulturhauptstadt Europas ist, erwartet die Gemeinde noch mehr Touristen als sonst. Hinzu kommt, dass die Synagoge seit einigen Jahren auch in Reiseführern steht. Sie wird dort als »Musterbeispiel der Moderne mit interessanten Details aus dem Art déco« gepriesen.

Wer einen jüdischen Großelternteil hat, kann Gemeindemitglied werden.

Erbaut wurde sie 1930/31 von dem ungarischen Architekten Vittorio Gözö Angyal und dem Italiener Pietro Fabbro. Sie war damals die Synagoge der Orthodoxen. Die weitaus größere Hauptsynagoge der Stadt wurde in der Schoa zerstört.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten rund 2500 Juden im Großraum Rijeka, das damals Fiume hieß. »Jeder, der wollte, konnte sich hier niederlassen, es war eine offene Stadt«, sagt Spacapan. Das jüdische Leben in der Donaumonarchie blühte, und Fiume, die Stadt mit dem achtgrößten Hafen Europas, war für viele Juden ein begehrter Wohnort. Heute leben in Rijeka offiziellen Angaben zufolge gerade einmal 40 Juden. Zumindest sei das die Anzahl der Mitglieder, die Beiträge zahlen, sagt der Gemeindevorsitzende Ranko Spigl. Es gebe weit mehr Juden in der Stadt, betont er, vermutlich 120 bis 150. Doch seit der Schoa hätten manche Angst und behalten deshalb ihr Jüdischsein lieber für sich.

Wie überall im ehemaligen Jugoslawien orientiert man sich auch in vielen Gemeinden in Kroatien am israelischen Rückkehrgesetz. Das heißt, jeder, der einen jüdischen Großelternteil hat, kann Gemeindemitglied werden.

säkular »In der Synagoge und beim Minjan zählen natürlich halachische Kategorien«, sagt Ernest Herzog, der in der kroatischen Hauptstadt Zagreb für den Jüdischen Weltkongress arbeitet. In Sachen Mitgliedschaft sei man aber relativ großzügig. Dies habe dazu geführt, dass es im Land einige »sehr säkulare und ›inklusive‹ Gemeinden gibt, die nicht im religiösen, sondern im politischen Sinne liberal sind«. Rijeka sei eine dieser Gemeinden.

Ranko Spigl, der Gemeindevorsitzende, bestätigt dies: »Ja, wir sind sehr offen.« Spigl, der heute 69 Jahre alt ist, wurde in Split geboren, der zweitgrößten Stadt Kroatiens. Sein Vater wuchs in Sarajewo auf, die Großeltern sprachen Jiddisch und Deutsch. Spigls Großvater kam im KZ Jasenovac ums Leben, die Großmutter in Djakovo, einem Frauen-KZ, das die faschistische Ustascha betrieb.

Als studierter Bauingenieur war Spigl vor einigen Jahren geradezu prädestiniert für das Amt des Gemeindevorsitzenden. Denn als er antrat, stand die Gemeinde vor großen Baumaßnahmen. Und so arbeitete er maßgeblich an der Renovierung der Synagoge und der Mikwe unter dem Kantorenhaus mit.

Die nach Spigl zweitwichtigste Person in der Gemeinde ist die 66-jährige Vivian Spacapan. Bis vor Kurzem arbeitete sie als Zahnärztin, doch seit sie in Rente ging, ist sie in der Gemeinde »Mädchen für alles«: Sie kümmert sich um ältere Mitglieder, berät, hält Kontakte zu jüdischen Organisationen, korrespondiert mit Nachfahren ehemaliger Gemeindemitglieder, führt Besucher durch die Synagoge und, und, und.

Anders als Spigl wurde Vivian Spacapan in Rijeka geboren. Ihre Großeltern kamen in der Schoa ums Leben. »Meine Mutter war sehr traumatisiert«, sagt Spacapan, »denn sie hat ihre Mutter zum KZ begleiten müssen.« Auch für sie selbst, sagt Spacapan, sei es nicht immer leicht gewesen, »mit einem solchen Elternteil zu leben, das sehr traurig ist, obwohl es nicht traurig sein möchte«. Über die Schoa wurde in ihrer Kindheit zu Hause wenig gesprochen, ihre Mutter erwähnt lediglich die vielen Verwandten, die es einst gab. »Doch mich jüdisch zu erziehen – das hat sie nie versucht.«

So erging es vielen Gemeindemitgliedern. Etliche seien, so wie Spacapan selbst, in einem sehr engen Verhältnis mit ihren Eltern aufgewachsen und hätten jüdische Bräuche gepflegt, erzählt sie. »Aber wir wussten nicht, was dahintersteckt. Erst allmählich entdeckten wir, dass dies oder jenes aus der Tora ist.«

Nach der Schoa hat in vielen jüdischen Familien in Rijeka Religion keine Rolle mehr gespielt. »Wir alle lesen heute viel übers Judentum, aber wir wurden eben nicht religiös erzogen«, sagt Spacapan.

Und so kommt es, dass die Gemeinde bis heute eher eine kulturelle Institution ist. Die Renovierung der Synagoge hat ihr durchaus einen Auftrieb gegeben, religiöser jedoch ist sie dadurch nicht geworden.

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert

Porträt

Geboren in Auschwitz

Angela Orosz-Richt kam im Dezember 1944 in einer Baracke des deutschen Vernichtungslagers zur Welt. Im Januar wird sie bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag sprechen. Unserem Autor hat sie ihr bewegtes Leben geschildert

von Michael Thaidigsmann  09.10.2026