Frankreich

Judehof und Brandgass

Das Elsass, dieser mit Sonne und fruchtbaren Böden gesegnete Landstrich zwischen Vogesen und Schwarzwald, erinnert mit seinen Weinbergen, den blühenden Gärten, Fachwerkhäuschen und Burgen an eine alte Gobelinstickerei. Nicht grundlos begegnet einem die Geschichte hier auf Schritt und Tritt. Das, was Julius Caesar das beste Stück Galliens genannt hat, kann als die Wiege abendländischer Kultur bezeichnet werden. Kaiserfamilien, Königsgeschlechter und Päpste stammen von hier; Humanisten und Reformatoren; Hexenjäger und – Judenschläger.

Auf Spurensuche nach dem elsässischen Judentum stößt man genauso häufig auf die Relikte von Judenverfolgungen wie auf die ehemaligen jüdischen Lebens. Mit Recht kann man die Juden, die mit den Römern ins Land kamen, zu den Ureinwohnern des Elsass zählen, durch das seit mehr als 1000 Jahren die deutsch-französische Sprachgrenze verläuft.

pestpogrome Wo sonst könnte ein Winzerbetrieb »Willy Wurz et Fils« heißen? Das Mittelhochdeutsche hat sich hier nicht nur in Familiennamen wie Haeberlin und Ortsnamen wie Voegtlinshoffen erhalten, sondern auch in der jiddisch-elsässischen Sprache, die die Juden bei ihrem Exodus infolge der Pestpogrome mit nach Polen nahmen.

Die Wurzeln des Jiddischen reichen bis in die Gegenwart. Wer durch die ehemalige Judengasse von Bergheim spaziert, kann hören, wie aus dem Fenster eines Fachwerkhäuschens jemand nach seiner Katze ruft: »Süßel!« Früher war dies ein jüdischer Vorname, bis heute benutzt man ihn im Elsass als Kosename.

Der Künstler Tomi Ungerer, der in Straßburg vor einigen Jahren das Centre Européen de la Culture Yiddish gegründet hat, behauptet, man habe im Elsass in Harmonie mit den Juden gelebt. Fehleinschätzung! Nach den Kreuzzügen, der »Armledererhebung« und dem Ausbruch der Pest 1348 war es vorbei mit jedweder Harmonie. Die Juden hätten die Brunnen vergiftet, um die Christen zu töten und die Weltherrschaft an sich zu reißen, hieß es. Die Spuren der Massaker, die infolge der Anschuldigungen an den jüdischen Gemeinden im Elsass verübt wurden, finden sich bis heute in zahllosen Straßen- und Flurnamen wie Brand, Brandgass, Brandstatt, Judenbrand und Judenloch.

stereotype Bis heute stößt man auf Stein gewordene antisemitische Stereotype an Kirchen: Die berühmten Figuren der Ecclesia und Synagoga am Straßburger Münster sind ebenso ästhetisch wie perfide. Auf den Dächern der Kirchen von Rosheim und Guebwiller hocken Figuren mit einem Sack auf den Knien – bösartige Darstellungen des jüdischen Geldverleihers. Mit spitzen Hüten als Juden gekennzeichnete Karikaturen, die sich an eine »Judensau« schmiegen, finden sich als Wasserspeier am Colmarer Martinsmünster und ebenso am Portalrelief der alten Kirche von Sigolsheim.

Der Städte verwiesen und der Willkür der Landesherren ausgeliefert, lebten die verkleinerten Gemeinden seit dem späten Mittelalter in Dörfern und Kleinstädten – bis heute nachweisbar in Straßennamen wie Judagass, Judehof oder dem Judegässel in Obernai, wo noch alte hebräische Inschriften im roten Vogesensandstein der Häuser zu finden sind.

relikte Doch man geht lax um mit den Spuren jüdischer Geschichte. Wenig wird getan, um solche Relikte zu erhalten. Hebräische Inschriften in den Balken des Fachwerks oder die Vertiefungen für Mesusot in den ehemaligen jüdischen Häusern wurden von neuen Hausbesitzern oft einfach entfernt. Im nordelsässischen Barr hat man eine Synagoge abgerissen und an dieser Stelle ein »Parking de la Synagoge« eingerichtet. Und man würde auch nicht vermuten, dass das Rex-Kino in dem Touristenort Ribeauvillé eine ehemalige Synagoge ist. Jeglicher Hinweis auf die frühere Funktion des Gebäudes fehlt.

»Da sie immer fürchteten, vertrieben zu werden, hielten die Juden niemals drauf, Tempel mit schöner Architektur zu haben. Ein Haus, das genug Platz enthielt, um die Gemeinde aufzunehmen, mit einigen Torarollen, war zu jeder Zeit ausreichend«, schrieb die »Allgemeine Zeitung des Judentums« von 1887 über die elsässischen Synagogen.

Viele der einstigen Bethäuser stehen heute leer oder dienen als Museen, wie die Synagoge von Bouxwiller, die das Musée Judeo-Alsacien beherbergt. Jüdisches Leben im Elsass blüht heute einzig in Straßburg. Die dortige Gemeinde ist mit rund 15.000 Mitgliedern eine der größten in Frankreich.

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Basel

Herzl im Casino

Das Konzerthaus feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag – es ist auch ein jüdisches Jubiläum

von Peter Bollag  27.08.2026

Meinung

Stoßdämpfer der Demokratie

In Basel wird bei einer Demonstration zum »Tod des Zionismus« aufgerufen. Die Behörden verweisen auf hohe juristische Hürden, eine eidgenössische Kommission auf eine komplexe Lage. Beides trifft zu. Beides reicht nicht aus.

von Zsolt Balkanyi-Guery  27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Mythos

Wie lange Haare ikonografisch wurden - vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Seine blonde Mähne wurde zu seinem Markenzeichen - ebenso wie seine reichlichen Tore. Nun hat der norwegische Stürmer Erling Haaland sich die Haare abrasiert. Verliert er damit seine Macht? Vorbilder legen das nahe

von Johannes Peter Senk  26.08.2026