Schweiz

Invasion der Hühnerfarm

Foto: Flash 90

Anfang Oktober 1968 in der Nähe einer Hühnerfarm in Conches, einem Vorort von Genf. Zahlreiche Limousinen fahren vor, ihnen entsteigen sefardische Exil-Familien in schönsten Festtagskleidern.

Zwei Welten prallen aufeinander. Der Grund dafür ist das sogenannte Kappara-Schlagen, ein Brauch, den sehr religiöse Juden am Tag vor Jom Kippur ausüben. Dabei wird ein Huhn als Sühnopfer für die eigenen Sünden mehrfach über dem Kopf eines Menschen im Kreis geschleudert, während aus den Psalmen und dem Buch Hiob rezitiert und ein kurzes Gebet gesprochen wird. Anschließend schlachtet man das Huhn und spendet das Fleisch den Armen.

Brauch Für viele Sefarden ist dieser Brauch so stark wie ein Gesetz – doch im calvinistischen Genf stoßen die Neueinwanderer damit auf wenig Gegenliebe. »Das religiö­se Gemetzel im vierten Stock des Mietshauses war kaum zu überhören, und so löste der alljährliche Hühnermord in dem protestantischen Viertel bald eine Welle der Empörung aus«, schreibt Roger Reiss in seinem jüngsten Buch Schmatissimo. Lebenserzählungen.

Er schildert diese Episode, die dank einer Schulfreundschaft eingefädelt worden war, aber dennoch kein gutes Ende nimmt: »Lieber noch als die Zeremonie in einem stinkenden Hühnerstall zu feiern, wollten sie gar kein Opfer mehr bringen und verteilten stattdessen großzügige Spenden an wohltätige Einrichtungen, um sich das schlechte Omen vom Hals zu halten.«

Mit solchen und zahlreichen anderen Episoden beschreibt Reiss, in Zürich geboren, aber schon in jungen Jahren nach Genf gezogen, die jüdische Seite seiner Wahlheimat. Dies hat er zuvor schon in mehreren Büchern getan. Schmatissimo, eine Zusammensetzung aus dem jiddischen Wort »Schmates« (Kleidung) und dem italienischen Superlativ »-issimo«, ist eine Art Resümee seines Schreibens.

»schabbatgruss« Bevor Roger Reiss vor zehn Jahren in den Ruhestand ging, war er Banker. In Schmatissimo verrät er auch, wie er zum Schreiben kam: Er begann als »entfesselter Leserbriefschreiber« und sandte die kurzen Texte, die in den beiden damaligen Schweizer jüdischen Zeitungen veröffentlicht wurden, stolz als »Schabbatgruß« an seine Eltern nach Zürich.

Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit, und vor allem im Ruhestand, der Ehrgeiz, nicht nur Leserbriefschreiber, sondern auch Buchautor zu sein.

Reiss’ orthodoxer ostjüdischer Hintergrund bildete dabei so etwas wie die Basis des Schreibens. Mit seinem Erstling Fischel & Chaye. Szenen aus dem Zürcher Stetl (2003), in dem er sich vor allem mit seinen Großeltern auseinandersetzte, wurde er einer größeren, vor allem Schweizer Leserschaft bekannt. Alles Weitere ergab sich.

Roger Reiss: »Schmatissimo. Lebenserzählungen«. Eigenverlag, Genf 2017, 294 S., 21,67 €

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026