Kroatien

Freund der Ustascha

Behauptet, die derzeitige Perspektive der Geschichtswissenschaften werde von einer »israelischen Lobby« kontrolliert: Zlatko Hasanbegovic Foto: dpa

Kroatiens Juden empfinden den neuen Kulturminister ihres Landes, Zlatko Hasanbegovic, als »unhaltbar«. Am vergangenen Samstag forderte die jüdische Gemeinde Zagreb den 42-jährigen Historiker zum Rücktritt auf. Sanja Zoricic Tabakovic, die Gemeindevorsitzende, reagierte auf Hasanbegovic’ Aussage, es habe sich beim Antifaschismus um eine Floskel gehandelt.

»Der Antifaschismus ist für uns keine Floskel«, erklärte Tabakovic. »Für uns ist es eine Floskel, dass wir die Geschichte den Historikern überlassen sollen. Einigen unter ihnen scheint nämlich nicht klar zu sein, dass der Faschismus das größte Übel in der Geschichte der Menschheit ist. Ich glaube, hiermit im Namen aller Juden in der Republik Kroatien zu sprechen.«

Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum zeigte sich schockiert, als Premierminister Tihomir Oreskovic Ende Januar Hasanbegovic zum Kulturminister ernannte, und forderte dessen sofortigen Rücktritt.

erklärung Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, veröffentlichte eine Erklärung, in der er seinen Unmut über Hasanbegovic’ Äußerungen zum Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck brachte: »Der Minister weigert sich, die Verbrechen und die genozidale Natur des Ustascha-Regimes anzuerkennen und fällt durch seine Verachtung gegenüber den mutigen Antifaschisten auf, die es bekämpft haben. Seine unhaltbare Revision der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust ist empörend und absolut inakzeptabel.« Zuroff forderte den kroatischen Premierminister auf, einen neuen Kulturminister zu ernennen, statt Hasanbegovic zu halten, der »sein Land vor der ganzen Welt beschämt«.

Hinweise über Zlatko Hasanbegovic’ Nähe zur Ideologie der Ustascha mehren sich. Vergangene Woche veröffentlichte die kroatische Wochenzeitung »Novosti« ein Bild des Kulturministers, das ihn im Jahr 1996 mit einer Ustascha-Mütze zeigt.

Hasanbegovic bezeichnet das Foto als Fälschung und wirft der serbischen Minderheit in Kroatien vor, hinter einer Verschwörung zu stecken: »Das ist ein weiterer Schritt in einer Reihe von Versuchen, mich moralisch zu diskreditieren und politisch zu liquidieren. Die Novosti wird vom serbischen Nationalrat beeinflusst.«

Rechtsextrem Es gibt jedoch einen Punkt, der klar dagegen spricht, dass es sich um eine Fälschung handelt. Das Foto erschien in der rechtsextremen Publikation »Nezavisna Drzava Hrvatska« (Unabhängiger Staat Kroatien), für die Hasanbegovic zu diesem Zeitpunkt selbst geschrieben hat. Sein Name findet sich im Impressum, und darüber hinaus hat er Texte geschrieben, in denen er die Ustascha zu Opfern und Helden stilisiert. Außerdem ist Hasanbegovic Präsident des sogenannten Bleiburger Ehrenzugs, der jedes Jahr in Kärnten der Ustascha-Milizen gedenkt, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden. Der sogenannte unabhängige Staat Kroatien war ein Vasallenstaat von 1941 bis 1945, in dem Juden, Serben und Roma von den Ustascha verfolgt und vernichtet wurden.

Es scheint nicht so, als habe sich Hasanbegovic in den vergangenen 20 Jahren radikal verändert. Die Arbeit des Historikers konzentrierte sich vor allem darauf, die Verbrechen der Ustascha zu relativieren. Dabei setzt er sich dafür ein, auch die Perspektive der Achsenmächte ernst zu nehmen und nicht immer nur die der Alliierten. Die derzeitige Perspektive der Geschichtswissenschaften werde laut dem Kulturminister von einer »israelischen Lobby« kontrolliert, die ihren eigenen Narrativ durchsetzt.

Ironischerweise ist Zlatko Hasanbegovic als Muslim der einzige Minderheitenangehörige im kroatischen Kabinett. Er versucht, die bosnische SS-Division Handschar in ein neues Licht zu rücken und nannte SS-Hauptsturmführer Husein Dzojo eine der »markantesten und interessantesten Persönlichkeiten der bosnischen Muslime«. Die Division wurde aufgestellt, nachdem SS-Reichsführer Heinrich Himmler öffentlich erklärt hatte, dass sich die Weltanschauung des Nationalsozialismus in der »Judenfrage« mit der des Islams deckt.

Hasanbegovic’ Ernennung zum Minister diente offenbar vor allem dazu, dem rechten Rand der Wähler entgegenzukommen. Das rächt sich nun.

USA

Das bedeuten Trumps Strafzölle für Israel und Juden in Nordamerika

Ab dem 9. April werden 17 Prozent Strafzölle auf Produkte aus Israel fällig

 03.04.2025

Budapest

»Moralischer Holocaust am Ungartum«

Erneut gingen Verdienstkreuze des Landes auch an zwei Prominente, die durch antisemitische Äußerungen aufgefallen sind

von György Polgár  03.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Nachruf

Die Frau, die den Verschlüsselungscode der Nazis knackte

Im Zweiten Weltkrieg knackten die Briten in Bletchley Park den Verschlüsselungscode der Nazis. Eine der Frauen, die beim Entziffern feindlicher Nachrichten half, war Charlotte »Betty« Webb

von Julia Kilian  01.04.2025

Interview

»Es ist sehr kurz vor zu spät«

Für eine »Restabilisierung« der Gesellschaft und die Verteidigung der Demokratie bleiben höchstens fünf Jahre Zeit, warnt Michel Friedman

von Steffen Grimberg  28.03.2025

Imanuels Interpreten (7)

Peter Herbolzheimer: Der Bigband-Held

Der jüdische Posaunist, Komponist, Arrangeur, Bandleader und Produzent rettete Bigbands, gründete seine eigene und wurde Jazz-Rock-Pionier

von Imanuel Marcus  27.03.2025

Irak/Iran

Die vergessene Geisel

Seit zwei Jahren befindet sich Elizabeth Tsurkov in der Gewalt einer pro-iranischen Terrormiliz. Nun sorgt Druck aus Washington für Bewegung

von Sophie Albers Ben Chamo  24.03.2025

Schweiz

Trauer um eine »Macherin«

Die Zürcher Verlegerin und Mäzenin Ellen Ringier ist im Alter von 73 Jahren verstorben. Ein Nachruf

von Peter Bollag  24.03.2025

New York

Von Gera nach New York

Der Journalist Max Frankel, früherer Chefredakteur der New York Times, ist tot. Er wurde 94 Jahre alt

 24.03.2025