Brasilien

Eine halbe Stunde gegen den Hass

Erfrischend anders als die Konkurrenz: Mosaico Foto: (M) Frank Albinus

Egal, was in Nahost oder Lateinamerika passiert, »Mosaico« berichtet erfrischend anders als die Konkurrenz, informiert und relativiert auf überraschende Weise. »Wir zeigen, was die Leitmedien nicht bringen, und gehen näher ran – das ist unsere Linie«, sagt Roni Gotthilf (58), der Produzent eines der ältesten Fernsehprogramme Brasiliens. »Der Verkehr hier in São Paulo fordert mehr Tote als der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Und wenn ein Kind aus Gaza dringend operiert werden muss, passiert das gratis in Israel, und die ganze Familie ist im Krankenhaus dabei.« Mosaico-Chefreporter Tomer Savoia haut in die gleiche Kerbe: »Niemand außer uns hat erwähnt, dass Haiti nach dem Erdbeben vergangenes Jahr zuerst von Israel unterstützt wurde.«

Gegen-info Auch in Brasilien gab es viel Wirbel um die Gaza-Flottille, und es wird immer wieder heftig auf Israel eingeschlagen. Gotthilf sorgt mit seinem zwölfköpfigen Team für Gegeninformation. »Die sogenannte humanitäre Hilfe der Mavi Marmara bestand hauptsächlich aus Lebensmitteln und Medikamenten mit überschrittenem Verfallsdatum«, sagt er, »alles hätte problemlos über die israelischen Kontrollpunkte nach Gaza gebracht werden können.« Als Jerusalems Sprachrohr versteht sich Mosaico jedoch keineswegs, denn kaum ein Tag vergeht, an dem das Programm den offiziellen Kurs der israelischen Regierung nicht kritisiert.

Das wöchentliche, halbstündige Fernsehprogramm wird ohne Studio mitten im Leben gedreht und gleich neunmal ausgestrahlt. Mosaico kauft dafür Sendezeit in sechs Pay-TV-Kanälen des Landes und stellt danach alles auf die eigene Website. Allein in der Megacity São Paulo sehen rund 80.000 Menschen das Programm, schätzen die Macher. Doch nur etwa 12.000 Zuschauer seien Juden. »Evangelikale aus Sektenkirchen sind geradezu verrückt nach Mosaico«, sagt Gotthilf. Der Sender beschäftigt zwei Korrespondenten in Israel, die stets aktuelle Reportagen aus der Geburtsregion von Jesus und Bilder von heiligen Orten wie Jerusalem liefern.

In diesem Jahr wird Mosaico 50 Jahre alt. Der Vater des heutigen Produzenten, Franz Herrmann Gotthilf, hat es gegründet. 1938 flüchtete er vor den Nazis mit gefälschten Papieren von Breslau nach Brasilien. Schon 1940 startete er in São Paulo ein tägliches jüdisches Radioprogramm. 1961, in einem Klima des Antisemitismus, begann er mit Fernsehsendungen. »Er wollte vor allem Brasiliens Juden vorstellen und der Mehrheitsgesellschaft zeigen, dass sie zu Ostern kein Kinderblut trinken und normale Menschen sind wie alle anderen«, erinnert sich Sohn Roni sarkastisch. »Er dachte, wenn die Brasilianer das sehen, ändern sie ihre Meinung über uns.«

Wie in Europa tarnt sich heute auch in Brasilien Antijudaismus oft als Antizionismus. »Die Intelligenzia des Landes ist stark propalästinensisch und antiisraelisch. Vielen fehlt Information, die wir zu liefern versuchen«, sagt Roni Gotthilf. »Doch wir fühlen uns wie Rufer in der Wüste.«

Merkwürdigerweise identifiziert sich die jüdische Gemeinde kaum mit Mosaico und unterstützt den Sender nur wenig. Für viele aus der Nach-Holocaust-Generation sei Mosaico ein Anachronismus, so Gotthilf. Und leider existiere jenes Minderheiten-Syndrom: »Wenn wir nicht viel Lärm machen, lässt man uns vielleicht in Frieden.«

Verantwortung Chefreporter Tomer Savoia (25) sieht in solchen Auffassungen eine große Gefahr. »Wir jungen Juden haben als letzte Generation noch direkten Kontakt mit Holocaust-Überlebenden. In zehn Jahren gibt es keine mehr. Dann werden Leute vom Schlage des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Judenvernichtung noch viel stärker leugnen.« Savoia fühle daher eine Riesenverantwortung: »Wir müssen besser informieren und aufklären.«

Antisemitischen Tendenzen im Land energisch gegenzusteuern, nennt Gotthilf eine der wichtigsten Aufgaben seiner Beiträge. »Und würden uns die Gemeinde und jüdische Unternehmer mit Geld helfen, könnten wir uns gute Sendeplätze in populären Fernsehkanälen leisten – und hätten noch viel mehr Zuschauer.«

www.mosaiconatv.com.br

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026