Russland

Die große Unbekannte

Es ist leichter, Bodenschätze zu orten, als die Zahl der Juden im Land zu ermitteln. Foto: corbis

Howard Flower und seine Helfer planen für dieses Frühjahr eine Reise in die westlichste Region Russlands, nach Kaliningrad. Sie wollen dort nach Juden fischen. Flower ist beim russischen Büro der International Christian Embassy, einer proisraelischen evangelikalen Gruppierung, für Alija zuständig. Er will das Telefonbuch nach jüdisch klingenden Namen durchforsten und sich mit jüdischen Vertretern vor Ort treffen, um weit verstreut lebende Juden aufzuspüren. Einige, glaubt Flower, wüssten vielleicht noch nicht, dass sie jüdisch sind. Mit ihnen will er über die Auswanderung nach Israel reden.

volkszählung Wie überall auf der Welt ist es auch in Russland eher eine Kunst als eine Wissenschaft festzustellen, wer jüdisch ist. Bei der letzten russischen Volkszählung 2002 bezeichneten sich 233.000 Einwohner als Juden. Führende jüdische Vertreter, sowohl in Russland als auch im Ausland, glauben, dass diese Zahl zu niedrig ist. Doch in der Frage, wie viele es tatsächlich sind und wie sich das feststellen lässt, herrscht Uneinigkeit.

»Jeder, der bei einer jüdischen Organisation arbeitet, weiß, dass die tatsächliche Anzahl der Juden höher ist, als aus den Unterlagen hervorgeht, weil viele Menschen keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und deshalb nirgendwo registriert sind«, erläutert Rabbi Yosef Hersonski, Leiter der Gemeinde im Moskauer Viertel Chamowniki. »Wahrscheinlich ist es ihnen egal. Doch wenn die Mutter jüdisch war, sehen wir sie als Juden.«

Einer der Oberrabbiner Russlands, Berel Lazar, schätzt die Zahl der Juden in Russland auf ein bis zwei Millionen. Die National Conference on Soviet Jewry (NCSJ), eine amerikanische Interessengruppe für russischsprachige Juden, schätzt, dass in Russland 400.000 bis 700.000 und in der ehemaligen Sowjetunion ein bis anderthalb Millionen Juden leben.

Eine Vertreterin des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), der größten in Russland tätigen jüdischen Organisation, lehnt es ab, über Zahlen zu spekulieren. »Zuverlässige, mit soliden Methoden erhobene Daten über die Anzahl der in Russland lebenden Juden stehen uns nicht zur Verfügung«, sagt Rina Edelshtein.

Halacha Rund 100.000 Juden werden bei den örtlichen jüdischen Gemeinden als Mitglieder geführt. Doch um sich registrieren zu lassen, muss man beweisen, dass man jüdisch ist. Das ist oft nicht einfach. Amtliche Unterlagen sind höchst unzuverlässig. In der Sowjetzeit wurde die ethnische Zugehörigkeit in die Ausweise von Erwachsenen eingetragen. Alle, die zwei jüdische Elternteile hatten, wurden als jüdisch registriert. Kinder mit nur einem jüdischen Elternteil konnten die ethnische Zugehörigkeit des Vaters oder der Mutter wählen. Da Juden in der Sowjetunion vielfach diskriminiert wurden, ließen sich Kinder aus solchen Familien in den meisten Fällen nicht als jüdisch registrieren.

Ein Witz, der in der Zeit, als die sowjetischen Juden für ihre Ausreise nach Israel kämpften, gern erzählt wurde, bringt die Situation auf den Punkt: »Wie viele Juden gibt es in der UdSSR?«, fragt Sowjetführer Leonid Breschnew den KGB-Chef. »Zweieinhalb Millionen«, antwortet der, »aber wenn wir sie auswandern lassen, sind es sechs Millionen.«

Als der Eiserne Vorhang fiel und die sowjetischen Juden das Recht auf Ausreise erhielten, gab es in der Sowjetunion 1,8 Millionen Juden. Laut Volkszählung von 1989 lebten 570.000 von ihnen in Russland. Die meisten haben das Land inzwischen verlassen und sind nach Israel, Deutschland oder in die USA ausgewandert.

Rückkehrgesetz Bei der israelischen Botschaft in Moskau heißt es, man wisse nur über diejenigen Bescheid, die gemäß den israelischen Rückkehrgesetzen die Voraussetzungen für die Alija erfüllen. Nach diesen Kriterien ist jeder, der einen jüdischen Großelternteil hat, zur Einwanderung berechtigt. Nach Angaben von Botschaftssprecher Alex Goldman-Shaiman geht die israelische Organisation Nativ, die sich um Fragen der Alija in der ehemaligen Sowjetunion kümmert, davon aus, dass 530.000 russische Staatsbürger die Alija-Kriterien erfüllen. Wie viele davon halachisch jüdisch sind, ist unbekannt.

Mark Tolts, Demograf an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Verfasser einer Enzyklopädie der Juden in Osteuropa, schätzt, dass nicht mehr als rund 255.000 Juden in Russland leben. Seine Zahlen basieren auf den Ergebnissen der Volkszählung. »Wenn Sie von einer Million Juden sprechen, möchte ich die Methode sehen, mit der Sie sie gezählt haben«, sagt Tolts. »Angesichts der Tatsache, dass die sogenannte Mischehe bei den Juden in der ehemaligen Sowjetunion über mehrere Generationen gang und gäbe war, ist es sehr schwierig, empirisch festzustellen, wie viele Juden es im Sinne der Halacha gibt. Demografen kommen zu ihren Ergebnissen auf der Basis des statistischen Materials, das ihnen zur Verfügung steht. In erster Linie sind das Volkszählungsergebnisse, Bevölkerungsstatistiken und Migrationsstatistiken.« Tolts schätzt, dass von den 1,5 Millionen Menschen, die in der Volkszählung von 2002 ihre Nationalität nicht angaben, mindestens 20.000 Juden waren.

Um die Sachen noch komplizierter zu machen, gibt es viele Russen jüdischer Herkunft, die getauft sind, sich selbst aber immer noch als Juden bezeichnen, wenn sie nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit gefragt werden.

Telefonbücher »Das Hauptdilemma ist, wer als Jude bezeichnet werden sollte«, sagte Mark Levin, Leiter der NCSJ. Flower, der Alija-Direktor bei der International Christian Embassy, nennt die Zählung von Juden in Russland »eine der vertracktesten Fragen, mit der wir derzeit konfrontiert sind«. Seine Organisation übersandte der Jewish Agency for Israel vor Kurzem eine Liste mit 1,2 Millionen russisch klingenden Namen von Menschen in Russland. Alle stammen aus Online- oder gedruckten Telefonbüchern.

Eine ähnliche Liste mit 30.000 Namen von Einwohnern der Stadt Sankt Petersburg wurde im Jahr 2004 in Augenschein genommen. Die Jewish Agency wählte 10.000 Namen aus, die ihr jüdisch vorkamen, und rief die Leute an. Mehr als 2.000 hätten sich daran interessiert gezeigt, entweder nach Israel auszuwandern oder an Veranstaltungen der jüdischen Gemeinde teilzunehmen, sagt Flower. Neben den halachischen und ethnischen Standards habe diese Methode eine neue Art, Juden zu zählen, ins Spiel gebracht: »die phonetische«.

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